a-t 1995; Nr.5: 55

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UNRUHE, VERWIRRTHEIT, SCHWITZEN, HYPERREFLEXIE, MYOKLONUS, TREMOR...
zu den lebensbedrohlichen Folgen einiger Antidepressiva

Verwirrtheit, leichte Manie, Unruhe, neuromuskuläre Symptome wie Muskelkrämpfe, gesteigerte Reflexe, Tremor und Koordinationsstörungen sowie Schwitzen, Schüttelfrost und Fieber (s. Tabelle) kennzeichnen das Serotonin-Syndrom, das mit exzessiver Anflutung des Neurotransmitters Serotonin (5-Hydroxytryptamin) einhergehen kann. Neben milden, kurzzeitigen Verläufen kommen schwere Erkrankungen mit tödlichem Ausgang vor. Die Komplikation wird bisweilen als "toxisches Enzephalopathie-Syndrom" beschrieben.1 Treten mindestens drei der genannten Symptome unter Anwendung eines serotonerg wirkenden Arzneimittels (trizyklisches Antidepressivum, selektiver Serotoninwiederaufnahme-Hemmer u.a.) auf, findet die Diagnose Bestätigung.1

Der potentiell lebensbedrohliche Zustand serotonerger Überstimulation in Hirnstamm und Rückenmark wurde ursprünglich unter der Kombination der Antidepressiva mit irreversiblen Monoaminoxidase (MAO)-Hemmstoffen wie Tranylcypromin (PARNATE) beschrieben.1,2 Die Beschwerden entwickeln sich in der Regel einige Stunden bis Tage nach Beginn der Kombinationstherapie. Bei Einnahme von Neuroleptika kommt differentialdiagnostisch das in vieler Hinsicht verwandte maligne Neuroleptika-Syndrom in Betracht.2

Nach Absetzen der verdächtigten Mittel und symptomatischer Behandlung erholen sich die meisten Patienten innerhalb von ein bis zwei Tagen.1,2 Der Nutzen von Serotonin-Antagonisten wie Methysergid (DESERIL) bleibt offen.2 Eine New Yorker Klinik meldet bei einem durch gleichzeitige Gabe zweier Antidepressiva entstandenen Serotonin-Syndrom einen Behandlungserfolg mit dem antiserotonergen und anticholinergen Antihistaminikum Cyproheptadin (PERIACTINOL), 4 mg im Abstand von einer Stunde bis zum Verschwinden der Symptome.3

Die Kombination trizyklischer Antidepressiva wie Clomipramin (ANAFRANIL) oder selektiver Serotoninwiederaufnahme-Hemmer wie Fluoxetin (FLUCTIN) mit irreversiblen MAO-Hemmstoffen gilt wegen des Risikos der Interaktion als kontraindiziert. Seitdem drei Todesfälle nach Wechsel von Fluoxetin zu Tranylcypromin bekannt wurden, wird für Fluoxetin eine Auswaschzeit von mindestens fünf Wochen empfohlen.1 Umgekehrt soll eine Behandlungspause von zwei Wochen eingehalten werden. Je nach Halbwertszeit einschließlich aktiver Metaboliten wartet man nach Absetzen trizyklischer Antidepressiva bis zu eine Woche.2

In jüngster Zeit mehren sich Hinweise, daß auch die Kombination mit dem reversiblen, selektiven MAO-Hemmer Moclobemid (AURORIX) als Ursache in Frage kommt.2,4-6 Die schwedische Arzneimittelbehörde warnt soeben vor der gleichzeitigen Anwendung mit serotonergen Mitteln. Nach Absetzen des MAO-Hemmstoffs kann wegen der kurzen Halbwertszeit auf eine Pause verzichtet werden. Komedikation von Serotoninwiederaufnahme-Hemmern mit Lithium (QUILONUM u.a.) gilt als unbedenklich hinsichtlich eines schweren Serotonin-Syndroms, solange die Lithiumspiegel im therapeutischen Bereich liegen.2

FAZIT: Trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin (ANAFRANIL) und selektive Serotoninwiederaufnahme-Hemmer wie Fluoxetin (FLUCTIN) dürfen wegen der Gefahr eines Serotonin-Syndroms nicht mit irreversiblen Monoaminoxidase (MAO)-Hemmstoffen wie Tranylcypromin (PARNATE) kombiniert werden.

Auch die gleichzeitige Einnahme mit dem reversiblen MAO-Hemmer Moclobemid (AURORIX) kann das Syndrom auslösen. Bei entsprechender Vorbehandlung sind angemessene Auswaschzeiten strikt einzuhalten.


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