a-t 2006; 37: 75-6

Datei als PDF

* PRIAPISMUS BEI THERAPIEPAUSE
VON RETARDIERTEM METHYLPHENIDAT

Ein 16 Jahre alter Junge mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) wird seit einem Jahr mit täglich 54 mg retardiertem Methylphenidat (CONCERTA) behandelt. Sobald er vergisst, das Medikament einzunehmen, entwickelt er bis zu 24 Stunden anhaltende, schmerzhafte Erektionen (Priapismus). Mit der nächsten Dosis Methylphenidat klingen die Beschwerden wieder ab. Unter der Therapie hat er sonst offenbar keine Störungen der Sexualfunktion.1

*  Vorversion am 14. Juli 2006 als blitz-a-t veröffentlicht.

Ähnliche Erfahrungen hat nach einem älteren Bericht ein 15-Jähriger ebenfalls mit CONCERTA gemacht, das er montags bis samstags einnimmt. Nach Erhöhung der Dosis von 24 mg auf 36 mg pro Tag hat er am folgenden therapiefreien Sonntag ohne sexuelle Stimulierung erstmals in seinem Leben intermittierende Erektionen, die jeweils 10 bis 15 Minuten lang anhalten, an den Folgesonntagen bis zu jeweils eine Stunde lang. Auch an einigen Wochentagen kommt es morgens vor Tabletteneinnahme zu Erektionen. 45 bis 60 Minuten nach der Einnahme verschwinden sie und bis zum nächsten Morgen ist der Junge beschwerdefrei. In einer medikamentenfreien Ferienwoche leidet er fünf Tage lang an intermittierenden schmerzhaften Erektionen. Zwei Monate lang erwähnt der Junge sein Problem nicht. Da er aber berichtet, nachmittags müde und ohne Energie zu sein, wird die Tagesdosis auf 54 mg erhöht. Daraufhin nehmen in der Sonntagspause Dauer und Schmerzen der Erektionen zu, und er vertraut das Problem seiner Mutter an. Ein Urintest auf Drogen wie Kokain und Ecstasy, die ebenfalls Priapismus hervorrufen können, fällt negativ aus. Das Methylphenidat-Präparat wird ausschleichend abgesetzt. In den nächsten sechs Monaten tritt kein Priapismus mehr auf.2

Die beiden Berichte aus Kanada und den USA sind sehr ähnlich. Der wiederholte und enge zeitliche Zusammenhang spricht dafür, dass die Ereignisse kausal mit den Einnahmepausen der hoch dosierten Methylphenidat-Retardzubereitung zusammenhängen. Das Entzugsphänomen wird in den Fachinformationen von CONCERTA in Kanada, den USA und Deutschland nicht erwähnt, ebenso wenig bei MEDIKINET, einer weiteren retardierten Zubereitung des Amphetaminabkömmlings. Es wird möglicherweise unterschätzt: Die betroffenen Jungen sind in einem Alter, in dem es schwer fallen mag, über anhaltende Erektionen zu sprechen. Daher sollte gezielt danach gefragt werden, insbesondere, wenn der Therapieplan Einnahmepausen am Wochenende oder in den Ferien vorsieht. Wir bitten gegebenenfalls um entsprechende Berichte an das NETZWERK DER GEGENSEITIGEN INFORMATION, -Red.

© 2006 arznei-telegramm