a-t 2006; 37: 92

Datei als PDF

Wie Neuroleptika sich gegenseitig übertreffen: Nach Auswertung von 59 doppelblinden Vergleichsstudien "atypischer" und "klassischer" Neuroleptika stellte eine Forschergruppe vor zwei Jahren fest, dass firmenfinanzierte im Vergleich zu industrieunabhängigen Studien neue Wirkstoffe deutlich begünstigen (vgl. a-t 2006; 37: 45-6). Die unabhängige Forschung gerät dabei offenbar immer mehr ins Hintertreffen: Während sich die in die Analyse eingeschlossenen unabhängigen und industriegeförderten Studien beim ältesten "Atypikum" Clozapin (LEPONEX u.a.) die Waage halten, sind Risperidon-Studien bereits sechsmal häufiger firmengesponsert, solche mit Olanzapin (ZYPREXA) zu 97% und mit Quetiapin (SEROQUEL) und Ziprasidon (ZELDOX) zu 100% (MONTGOMERY, J.H. et al.: Control. Clin. Trials 2004; 25: 598-612). Dies bleibt auch beim Vergleich der Ergebnisse für "atypische" Neuroleptika nicht ohne Folgen: Er hinterlässt inzwischen den verwirrenden Eindruck, als sei Olanzapin besser als Risperidon (RISPERDAL), dieses dem Quetiapin überlegen, welches seinerseits wiederum Olanzapin überträfe - eine Art Neuroleptika-Paradoxon (Abbildung). Die Autoren einer aktuellen Analyse suchen nach den Ursachen und werten verblindet, ohne Kenntnis von Sponsor, Substanznamen oder Dosierungen, 30 Abstracts firmenunterstützter Vergleichsstudien zwischen 1966 und 2003 hinsichtlich des Abschneidens der jeweiligen Prüfpräparate aus. Sie finden einen klaren Zusammenhang zwischen Förderung durch die Industrie und Studienergebnis: Bei 27 Studien (90%) schneidet das Präparat der fördernden Firma besser ab als das Konkurrenzprodukt. Insbesondere die paarweise Gegenüberstellung vermittelt das absurde Bild, dass jeweils der Sponsor das bessere Mittel herstellen würde, also beispielsweise in einer von der Firma Lilly geförderten Studie Olanzapin dem Amisulprid (SOLIAN) überlegen sei, während eine von Sanofi-Synthelabo unterstützte Studie zum entgegengesetzten Ergebnis kommt. In den zu den verblindet ausgewerteten Abstracts gehörenden Publikationen wird zusätzlich eine Vielzahl möglicher Verzerrungen gefunden (Bias; siehe a-t 2002; 33: 2), vor allem unangemessene Wahl der Dosis, des Studiendesigns und der Darstellung (HERES, S. et al.: Am. J. Psychiatry 2006; 163: 185-94). Dies bestätigt Resultate einer früheren Untersuchung zum Einfluss von "Design- und Berichtmodifikationen" industriegesponserter Psychopharmakastudien (SAFER D.J.: J. Nerv. Ment. Dis. 2002; 190: 583-92). Die Finanzierung bestimmt somit wesentlich die Studienergebnisse. Bessere Standards für Abstracts, kritische Reviewer mit Augenmerk auf potenzielle Interessenkonflikte und mehr herstellerunabhängige Studien wie die CATIE-Studie (a-t 2005; 36: 98-100) sind zu fordern.

© 2006 arznei-telegramm