a-t 2009; 40: 40

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NEGIERT:
GEWALTTÄTIGKEIT UNTER ANTIDEPRESSIVA

Der Amoklauf in Winnenden hat erneut die Diskussion entfacht, welchen Anteil Antidepressiva an solchen Ereignissen haben könnten. Aktivierung und Gewalttätigkeit in Verbindung mit selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern (SSRI) standen bereits vor 20 Jahren in den USA in der Diskussion anlässlich eines Amoklaufs unter Einnahme des SSRI Fluoxetin (FLUCTIN, Generika).1

In aktuellen Stellungnahmen dominieren Entwarnungen, beispielsweise von der Leitung des Zentrums für Psychiatrie in Winnenden, nach der es keinen wissenschaftlich fundierten Hinweis gäbe, dass Antidepressiva Aggressionen auslösen.2 Oder vom Vorsitzenden des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte, der auf die Frage der Bild-Zeitung antwortet, ob beim Amoklauf von Winnenden Antidepressiva eine Rolle gespielt haben könnten: "Die Gefühlskälte ist kein Indiz dafür, dass er Medikamente nahm. Denn: Antidepressiva heben die Stimmung und bekämpfen Ängste."3

Depressiven Patienten und ihren Angehörigen ist jedoch nicht damit geholfen, dass potenzielle Störwirkungen von Antidepressiva verharmlost oder negiert werden. Nur ein informierter Anwender und eine aufgeklärte aufmerksame Umgebung können frühzeitig reagieren und gegebenenfalls Schlimmeres verhindern. Sinnvoll ist daher das Vorgehen der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA, die bereits 2005 in einer Anleitung für Patienten und Angehörige nicht nur vor Suizidalität, sondern auch vor Agitation, Unruhe, Aggressivität, impulsiven gefährlichen Handlungen und Gewalttätigkeit bei Kindern und Jugendlichen, die SSRI einnehmen, gewarnt hat.4

Abgesehen von Fluoxetin, das 2006 in Kombination mit begleitender Psychotherapie zugelassen wurde, fehlen für Antidepressiva ausreichende Wirksamkeitsnachweise für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Depressionen. Insgesamt wird die Bewertung von Nutzen und Risiken von Antidepressiva aufgrund von Datenmanipulationen erschwert: Hersteller haben negativ verlaufene Studien zur Wirksamkeit unterdrückt. Zudem wurden Störwirkungen, die auf Suizidalität hindeuten, als "emotionale Labilität" verharmlost und fehlkodiert (a-t 2008; 39: 22 und 2005; 36: 1-2).

Besondere Bedeutung hat daher die Analyse britischer Autoren zum Gewaltpotenzial von Antidepressiva.1 Sie haben den kompletten Datensatz plazebokontrollierter Studien des GlaxoSmithKline-Präparates Paroxetin (TAGONIS, SEROXAT, Generika) ausgewertet, der vom Hersteller bei der britischen Arzneimittelbehörde MHRA für verschiedene Indikationen eingereicht wurde. Dies macht einen Selektions-Bias unwahrscheinlich, der das Gewaltpotenzial in Verbindung mit Paroxetin zu drastisch erscheinen lassen könnte: Sollten dem MHRA Daten vorenthalten worden sein, so vermutlich eher für das Präparat ungünstige. Bei gemeinsamer Auswertung der Daten von mehr als 15.500 Kindern und Erwachsenen fällt auf, dass feindseliges Verhalten bei Paroxetinanwendern doppelt so häufig kodiert wurde wie unter Plazebo (0,65% versus 0,31%). Kinder mit Zwangsstörung waren unter dem SSRI sogar 17-mal häufiger feindselig als unter Scheinmedikament.1

Nach begrenzten Daten aus Studien mit insgesamt ca. 400 Teilnehmern scheint Paroxetin bei Gesunden Feindseligkeit besonders deutlich zu fördern: 1,1% der Freiwilligen reagieren unter Paroxetin feindselig, keiner unter Plazebo.1

Die Autoren werten auch die von Pfizer eingereichten Daten zu Sertralin (ZOLOFT, Generika) bei 373 depressiven Kindern und Jugendlichen aus, die aus zwei plazebokontrollierten Studien stammen. Hier beenden 4,2% der Sertralinanwender gegenüber keinem unter Scheinmedikament die Therapie vorzeitig wegen Aggressivität, Agitation oder motorischer Unruhe bzw. Akathisie. Werden alle Aspekte behandlungsinduzierter Aktivierung erfasst, so sind es 8% versus 1% unter Plazebo. In der einzigen plazebokontrollierten Sertralinstudie mit nicht depressiven Kindern brechen 11% (10 von 92) mit Zwangsstörung die Behandlung wegen Aktivierung, Agitation, Aggressivität, Nervosität und "emotionaler Labilität" ab gegenüber 1% (1 von 95) unter Plazebo wegen gesteigerter Motorik (siehe auch a-t 2004; 35: 45-6).1

Aktuell dokumentiert die britische MHRA in der Spontanerfassung für Paroxetin 456 Berichte zu Aggressivität, 17 Meldungen zu Mordgedanken, 11 zu morbiden Gedanken, 57 zu abnormem Denken, 95 zu Paranoia, 37 zu Persönlichkeitsveränderung, 17 zu "gewaltbezogenen" Symptomen, 357 zu Verwirrtheit, 113 zu Zorn, 9 zu Impulsdurchbrüchen, 112 zu Unruhe sowie 129 Suizide.5

Neben Akathisie und Agitation wird als Auslöser für Antidepressiva-induzierte Gewalttätigkeit auch gefühlsmäßiges Abstumpfen ("Gefühlskälte") diskutiert. Es gehört zur klinischen Erfahrung eines Psychiaters, dass Patienten unter Antidepressiva berichten, dass sie nichts mehr kümmert.1 Begebenheiten, über die sie sich zuvor Sorgen gemacht hätten, beunruhigen sie nicht mehr. Auch induzierte Manien und Psychosen kommen als Ursache in Betracht. So können beispielsweise befehlende Stimmen zu Suizidalität und Gewalt führen.1

 Nicht nur Suizidalität, sondern auch nach außen gerichtete Aggressivität ist unter Antidepressiva beschrieben. Kinder und Jugendliche scheinen häufiger betroffen zu sein als Erwachsene.

 Aktuelle Stellungnahmen werden der Bedrohlichkeit der potenziellen unerwünschten Wirkungen nicht gerecht: Nur informierte Patienten und Angehörige können eine mögliche Gefährdung rechtzeitig wahrnehmen und reagieren.

 

1

HEALY, D. et al.: PLOS Medicine 2006; 3: 1478-87

 

2

Stuttgarter Zeitung vom 27. März 2009
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1983823/r_article_print

 

3

BERGMANN, F.: zit. nach: FRENSER, I.: Bild vom 13. März 2009

 

4

FDA: "Proposed Medication Guide: About Using Antidepressants in Children or Teenagers"
http://www.fda.gov/cder/drug/antidepressants/SSRIMedicationGuide.htm

 

5

MHRA Yellow Card System Drug Analysis Print zu Paroxetin vom 30. Jan. 2009; zu finden über
http://www.mhra.gov.uk/Safetyinformation/ Reportingsafetyproblems/Medicines/Reportingsuspectedadversedrugreactions/Druganalysisprints/index.htm

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