a-t 2009; 40: 100

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THROMBOEMBOLIERISIKO DROSPIRENON-HALTIGER KONTRAZEPTIVA (YASMIN U.A.)

Nach jahrelanger kontroverser Debatte ist es inzwischen allgemein anerkannt, dass orale Kontrazeptiva der so genannten dritten Generation, die als Gestagene Desogestrel (MARVELON u.a.) oder Gestoden (FEMOVAN u.a.) enthalten, das Thromboembolierisiko gegenüber Levonorgestrel-haltigen oralen Kontrazeptiva (LEIOS, Generika) erhöhen. Nach einem Beschluss der europäischen Arzneimittelbehörde von 2001 mussten auch die Fachinformationen einen entsprechenden Warnhinweis aufnehmen (a-t 2001; 32: 104).1 Umstritten ist bislang die Thrombogenität von Präparaten mit dem relativ neuen Gestagen Drospirenon (in PETIBELLE, YASMIN, YAZ). Während die prokoagulatorischen Effekte Drospirenon-haltiger Pillen denen von Kombinationspräparaten mit Desogestrel ähneln und sich in einer unkontrollierten Surveillance-Studie eine sehr hohe absolute Rate venöser Thromboembolien ergibt,2 soll sich das Risiko nach einer Beobachtungsstudie, die vom Hersteller Schering finanziert und von einem industrienahen Institut durchgeführt wurde, nicht von dem der so genannten Zweitgenerationspillen mit Levonorgestrel unterscheiden (a-t 2007; 38: 95-6).3 Zwei im August 2009 zeitgleich publizierte herstellerunabhängige Beobachtungsstudien4,5 aus den Niederlanden und Dänemark weisen jetzt beide auf ein gegenüber den Zweitgenerationspillen erhöhtes Thromboembolierisiko unter Drospirenon-haltigen Kontrazeptiva hin.

In der niederländischen Fallkontrollstudie wurden die Daten von sechs Antikoagulationskliniken und insgesamt 3.300 nichtschwangeren Frauen zwischen 18 und 50 Jahren ausgewertet.4 Die dänische Kohortenstudie, die auf Registerdaten beruht, schließt alle nichtschwangeren Däninnen zwischen 15 und 49 Jahren ein, die keine kardiovaskuläre oder maligne Erkrankung in der Vorgeschichte haben. Diese Studie erfasst zwischen 1995 und 2005 mehr als 130.000 Frauenjahre mit Einnahme Drospirenon-haltiger Kontrazeptiva und darunter 103 venöse Thromboembolien. Nach Adjustierung ergibt sich gegenüber Levonorgestrel-haltigen Kontrazeptiva ein signifikanter relativer Risikoanstieg auf 1,64 (95% Konfidenzintervall [CI] 1,27-2,10), vergleichbar mit dem unter Drittgenerationspillen (Desogestrel 1,82; 95% CI 1,49-2,22; Gestoden 1,86; 95% CI 1,59-2,18).5 Die Ergebnisse der deutlich kleineren niederländischen Fallkontrollstudie weisen in die gleiche Richtung. Der Risikoanstieg unter Drospirenon- im Vergleich zu Levonorgestrel-haltigen oralen Kontrazeptiva von 1,7 ist hier allerdings nicht signifikant (95% CI 0,7-3,9).4

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die beiden Studien zum Anlass genommen, das Thromboembolierisiko unter Drospirenon-haltigen Kontrazeptiva zusammen mit den Arzneimittelbehörden der anderen EU-Länder neu zu bewerten.6 Eine Entscheidung steht aus.

 Nach zwei aktuellen herstellerunabhängigen Beobachtungsstudien entspricht das Thromboembolierisiko Drospirenon-haltiger Kontrazeptiva (YAZ u.a.) dem von Kontrazeptiva der 3. Generation. Wir raten von der Verordnung ab.

 Sicherste kombinierte orale Kontrazeptiva sind Levonorgestrel-haltige Pillen mit niedriger Östrogendosis (LEIOS, Generika). Sie sind zu bevorzugen.

 
 

1

EMEA: Combined oral contraceptives and venous thromboembolism, 28. Sept. 2001 http://www.emea.europa.eu/pdfs/human/regaffair/0220101en.pdf

 

2

PEARCE, H.M. et al.: Brit. J. Clin. Pharmacol. 2005; 60: 98-102

 

3

DINGER, J.C. et al.: Contraception 2007; 75: 344-54

 

4

van HYLCKAMA VLIEG, A. et al.: BMJ 2009; 339: b2921, 8 Seiten

 

5

LIDEGAARD, Ø. et al.: BMJ 2009; 339: b2890, 8 Seiten

 

6

BfArM: Risikoinformation vom 27. Aug. 2009; http://www.bfarm.de/cln_ 028/nn_828832/DE/Pharmakovigilanz/risikoinfo/kok-vte.html__nnn=true

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