a-t 2012; 43: 87

KRYPTOPYRROLURIE -
WAS IST DAVON ZU HALTEN?

Haben Sie Informationen zu Kryptopyrrolurie bzw. Hämopyrrollaktamurie? Klinisch soll der damit einhergehende Vitamin-B6- und Zinkmangel bei Kindern als ADHS oder als Depression/Erschöpfung u.ä. in Erscheinung treten. Als Therapie wird Supplementierung mit 2,5 mg B6 und 7,5 mg Zink empfohlen.

U. HELLMANN (Apotheker)
D-20253 Hamburg
Interessenkonflikt: keiner

Für das Konzept der Kryptopyrrolurie oder Hämopyrrollaktamurie fehlen wissenschaftliche Belege. Es geht auf Forschungen in den 1950er und -60er Jahren zurück, in denen nach biochemischen Markern für psychische Erkrankungen gesucht wurde. Eine kanadische Arbeitsgruppe wies im Urin von Patienten mit Störungen wie Schizophrenie, Angst oder Alkoholabhängigkeit einen Stoff nach, der wegen seiner Färbeeigenschaften (blau-lila mit Ehrlich-Reagenz) als "Mauve-Factor" (mauve = malvenfarbig, hellviolett) bezeichnet wurde. Er wurde später als Kryptopyrrol und noch später als Hämopyrrollaktam identifiziert. Eine sichere Bestätigung der chemischen Identität des Pyrrols fehlt aber bis heute. Nachdem andere Arbeitsgruppen in den 1970er Jahren einen Zusammenhang zwischen "Kryptopyrrolurie" und Schizophrenie oder Lernschwierigkeiten bei Kindern nicht bestätigen konnten, wurde dieser Ansatz in der wissenschaftlichen Medizin nicht weiter verfolgt.1,2

Bis heute wird das Krankheitskonzept jedoch als "die vergessene Stoffwechselstörung"3 in der alternativen Medizin und hier vor allem von Vertretern der orthomolekularen Medizin propagiert: Kryptopyrrol- bzw. Hämopyrrollaktamurie soll danach angeblich mit Vitamin-B6- und Zinkmangel einhergehen und diese Mangelerscheinungen werden wiederum mit den unterschiedlichsten Störungen und Erkrankungen wie Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), Allergien oder Infektanfälligkeit in Verbindung gebracht. Als Abhilfe werden orthomolekulare Produkte*, in erster Linie Vitamin B6 und Zink, angeboten. Es gibt jedoch keine aussagekräftigen Belege dafür, dass der Befund einer Pyrrolurie mit irgendeiner Erkrankung in Zusammenhang steht, auch nicht mit Vitamin-B6- oder Zinkmangel.1 In seriösen Lehrbüchern gibt es die Diagnose nicht, auch der ICD 10 kennt sie nicht.4,5 Niederländische Autoren, die sich 2003 kritisch mit der Hämopyrrollaktamurie auseinandergesetzt haben, sprechen unseres Erachtens zu Recht von einer "Pseudokrankheit".6

 Eine auf die erhöhte Ausscheidung von Pyrrolen im Urin aufbauende Diagnose oder gar Therapie entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.1

 
1 PRZYREMBEL, H. et al.: Bundesgesundheitsbl., Gesundheitsforsch., Gesundheitsschutz 2007; 50: 1324-30
2 HEYLL, U.: Arzneimittel-, Therapie-Kritik 2009/Folge 4: 860-4
3 http://www.kpu-berlin.de
4 FAUCI, A.S. et al. (Hrsg.): "HARRISON'S Principles of Internal Medicine", 17. Aufl., McCraw Hill, New York 2008
5 http://www.icd-code.de/icd/code/ICD-10-GM-2012.html
6 VAN DER MEER, J.W.M. et al.: Ned. Tijdschr. Geneeskd. 2003; 147: 1720-1
* Im Zentrum der orthomolekularen Medizin, einer alternativen Methode, deren Nutzen nicht belegt ist, steht die Prävention und Therapie mit hochdosierten Mikronährstoffen wie Vitaminen (s. auch a-t 2003; 34: 69-70).
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