a-t 1990; Nr.3: 27-8

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BAKTERIENLYSATE (BRONCHO-VAXOM,
URO-VAXOM, SOLCO UROVAC)

Heute, im Zeitalter der Rückbesinnung auf die Naturheilkunde, werden zunehmend Patienten mit Bakterienlysaten medikamentös versorgt, also mit Toxinen der Bakterien, die die Infektion verursachen. Damit das geschehen kann, erhalten Präparate den Marktzutritt wie BRONCHO-VAXOM (Toxingemische aus Erregern von HNO- und Lungeninfektionen), URO-VAXOM (Toxine aus Coli-Bakterien) und SOLCO UROVAC (Toxine aus Coli, Proteus, Klebsiellen und Enterokokken). Entsprechend nicht rational begründeten Heilkonzepten soll die Zusatzbelastung des Organismus mit diesen Stoffen die Immunabwehr stärken.

Berichte von Ärzten über unerwünschte Wirkungen, die den Firmen zugehen, sprechen eine andere Sprache:

  • Der Hersteller des laut Werbung "hervorragend verträglichen" BRONCHO-VAXOM weiß aus solchen Meldungen, daß immunallergische Reaktionen mit Fieber, Nesselsucht, Juckreiz, Gelenkbeschwerden, Bronchitis, Bronchospasmus, Arthritis, Muskelschmerzen, Schockfragmenten und auch schweren Hautveränderungen auftreten. In Packungsbeilage und Fachinformation steht nach wie vor: "Abgesehen von gelegentlichen leichten Störungen des Magen-Darm-Traktes und von begrenzten allergischen Hautmanifestationen wurden keine Nebenwirkungen beobachtet." Wem ist da zu glauben: der Firma oder den mehr als 30 meldenden Ärzten? Es erscheint doch plausibel, daß die zusätzliche Belastung des Organismus mit exogen zugeführten Bakterienlysaten (Toxinen) genauso wirken kann wie die Toxinproduktion der im Körper befindlichen Erreger – folgt man der These der Hersteller, daß diese Toxine im Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden.


  • Für URO-VAXOM (Werbung: "Stimuliert das System. Sanft und dauerhaft") gilt das gleiche, wenn auch wegen der kurzen Verweildauer auf dem Markt nicht so viele Berichte vorliegen. Da Coli-Bakterien häufig Ursache von Pyelonephritiden sind, ist zu erwarten, daß die exogene Zufuhr solcher Toxine auch immunallergische Schäden an der Niere auslösen kann. Also ist auf Frühzeichen wie Albuminurie u.a. zu achten.


  • Bei SOLCO UROVAC, dem "ersten spezifischen Immuntherapeutikum gegen Rezidive" (Werbung), ist die Problematik noch größer. Hier stehen Bakterientoxine – parenteral verabreicht – als Fremdeiweiß unmittelbar zur Immunreaktion zur Verfügung. Wen wundert es da, daß Ärzte dem Hersteller schon im Einführungsjahr 1989 zahlreiche Fälle mit der gesamten Palette immunallergischer Reaktionen berichteten – vom anaphylaktischen Schock bis zum septischen Fieber mit Lymphadenopathie, Hautveränderungen, myositisartigen Beschwerden und schwerem Krankheitsgefühl. In der Fachinformation liest man aber nur: "Allgemein: leichter vorübergehender, nicht behandlungsbedürftiger Temperaturanstieg bis 39° C. Lokal: Rötung und schmerzhafte Schwellung für längstens 24 Stunden im Bereich der Injektionsstelle (vor allem nach der ersten Injektion)." Sonst erfährt der Arzt nichts. Mehrfache redaktionelle Anfragen zu Nutzen und Risiken von SOLCO UROVAC an den Anbieter blieben unbeantwortet.

Man fragt sich, was die Verpflichtung der Ärzte zur Meldung unerwünschter Wirkungen für die Arzneimittelsicherheit bringt:

  • Meldungen an die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft werden im Deutschen Ärzteblatt nicht veröffentlicht. Die Ärzte erfahren von der sinnvollen Zusammenführung solcher Beobachtungen nichts.


  • Die Hersteller sind nach dem Arzneimittelgesetz verpflichtet, die ihnen bekanntgewordenen Störwirkungen von Arzneimitteln in die Fach- und Gebrauchsinformation zu übernehmen und gleichzeitig dem Bundesgesundheitsamt anzuzeigen (§ 29 AMG). Es ist verboten, Arzneimittel in den Verkehr zu bringen, bei denen fälschlich der Eindruck erweckt wird, daß nach bestimmungsgemäßem Gebrauch keine schädlichen Wirkungen eintreten (§ 8 [1] 2 b AMG). Diese Verpflichtungen des Arzneimittelgesetzes sind strafbewehrt (§ 96 AMG); die Hersteller scheint das wenig zu kümmern.


  • Das Bundesgesundheitsamt hat das eigenverantwortliche Handeln der Hersteller zu überwachen, aber im Gegensatz zur beflissentlichen Zulassung solcher Präparate ohne wissenschaftlich begründeten Wirksamkeitsnachweis tut sich das Amt bei der Risikoabwehr nicht immer durch beispielhafte Effizienz hervor.

FAZIT: In Zeiten, in denen der reitende Bote die Strecke Hamburg-Lübeck in einem Tag zurücklegte und in denen die Medizin "ganz natürlich" war, wurden Patienten mit bakteriellen Infektionen zur Ader gelassen, oft so lange, bis sie dadurch geschwächt verstarben. In modernen Zeiten, da der Luftverkehr die Entfernung von Kontinenten auf eine Tagesreise verringert, bietet die rationale Medizin Möglichkeiten, bakterielle Krankheitserreger gezielt antibiotisch zu behandeln. Die heute zunehmend verbreitete Verabreichung von Bakterienlysaten (Bakterientoxinen) an Patienten mit bakteriellen Infektionen entbehrt jedoch der wissenschaftlichen Logik und erscheint gefährlich. Die Hersteller informieren mangelhaft über die Risiken der Präparate, obwohl sie Meldungen über gravierende Störwirkungen von Ärzten erhalten.

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