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Warnhinweis

CAVE: VITAMIN A (IN ARZNEIMITTELN UND LEBER)
WÄHREND DER SCHWANGERSCHAFT

Das Aknemittel Isotretinoin (ROACCUTAN) und das Psoriasismittel Etretinat (TIGASON) dürfen in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden. Diese Retinoide gelten als die stärksten Teratogene seit Thalidomid (CONTERGAN). Das charakteristische Mißbildungsmuster ("Retinoid- Syndrom") ist durch kraniofaziale Mißbildungen wie fehlende oder zu kleine Ohren sowie Anomalien von Herz, Thymus und Zentralnervensystem gekennzeichnet1,2 (vgl. a-t 7 [1984], 59, 5 [1988], 48). Selbst wenn keine nennenswerten Fehlbildungen festzustellen sind, ist nach einer prospektiven Studie an 31 Kindern bei jedem dritten Kind mit deutlichen Intelligenzdefiziten zu rechnen, wenn die Mutter im 1. Trimenon Isotretinoin eingenommen hat.3 Vereinzelt wurden in den USA nach höheren Vitamin-A (Retinol)-Dosen (über 25.000 IE/Tag) dem Retinoid-Syndrom ähnelnde Mißbildungen beobachtet. Harntraktanomalien standen im Vordergrund.2,4

Ein Arzt aus dem Ruhrgebiet berichtet dem NETZWERK DER GEGENSEITIGEN INFORMATION über Frühgeburt in der 27. Schwangerschaftswoche und kindliche Schäden (ösophagotracheale Fistel, Frenulumhypoplasie). Die Mutter hatte ab dem ersten Schwangerschaftsmonat 40 Tage lang je 50.000 IE Vitamin A eingenommen (NETZWERK-Fall 4154).

Tagesdosen über 10.000 IE sind verschreibungspflichtig. Schwangere dürfen keine höheren Dosen erhalten.

Wegen der Mißbildungsgefahr durch hochdosiertes Vitamin A warnt die Britische Gesundheitsbehörde vor der Vitamin-A-Substitution in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter sowie vor dem Verzehr von Leber in der Schwangerschaft.5 Leber enthält nach britischen Daten – bedingt durch Zufütterung – pro 100 g durchschnittlich 13-39 mg Vitamin A, entsprechend 44.000-130.000 IE. In Kalbsleber, der am stärksten belasteten Leber, fanden sich pro 100 g bis zu 128 mg (entspr. 420.000 IE) Vitamin A. Als Arzneimittel müßte demnach Kalbsleber ab einer Einzeldosis von 2,5 g der Verschreibungspflicht unterstehen.

Als mißbildungsauslösend gelten beim Menschen Tagesdosen von 7,5-12 mg Vitamin A (25.000-40.000 IE) im ersten Schwangerschaftsdrittel. Ab 10 g Kalbsleber wird diese Dosis erreicht. Für Kleinkinder besteht bereits durch 30 mg Vitamin A (100.000 IE; ab 25 g Kalbsleber) die Gefahr der akuten Intoxikation.7

Das BGA ignoriert in seiner um drei Wochen verspäteten Presseerklärung6 die im Arzneimittelbereich gewonnenen Erkenntnisse. Statt der unverbindlichen BGA-Empfehlung ist eine dringende Warnung auszusprechen: Schwangere müssen Leber und Leberprodukte wie Leberwurst oder Leberpastete meiden. Der Hinweis des BGA, es gebe weltweit nur einen Bericht über eine kindliche Schädigung, die mit mütterlichem Verzehr von Leber während der Schwangerschaft in Verbindung gebracht wird, geht fehl. Bei Mißbildungen dürfte nur in den seltensten Fällen an einen möglichen Einfluß der Ernährung gedacht werden.

Vitamin A ist ein essentieller Nahrungsbestandteil, jedoch muß das Vitamin weder mit Leber noch mit Vitaminpräparaten zugeführt werden. Neben Leber enthalten Karotten, Milchprodukte, Eier, alle grünen Gemüse, Tomaten, verschiedene Früchte sowie Margarine (vitaminisiert) Vitamin A. Durch diese Nahrungsmittel ist keine überhöhte Vitamin-A-Zufuhr zu befürchten.5

Der Vitamin-A-Bedarf in der Schwangerschaft liegt bei 5.000 IE Vitamin A/Tag. Die übliche Nahrung enthält 7.000-8.000 IE Vitamin A in Form von Retinol und Karotinen wie beta-Karotin, dem Provitamin A. Beta-Karotine verursachten bisher keine teratogenen Schäden bei Tier oder Mensch.2 Eine Substitution von Vitamin A ist während einer normal verlaufenden Schwangerschaft überflüssig.8

FAZIT: Wegen des zum Teil extremen Vitamin-A-Gehaltes sollten Schwangere keine Leber oder Leberzubereitungen (Wurst, Pastete) essen. Vor der Substitution von Vitamin A (A-VICOTRAT u.a.) in der Schwangerschaft bzw. bei Frauen im gebärfähigen Alter wird wegen des Risikos von Mißbildungen durch höhere Vitamin-A-Dosen gewarnt. Die Ernährung deckt in der Regel den täglichen Vitamin-A-Bedarf.


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