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Im Blickpunkt

PERSISTIERENDER SCHLUCKAUF –
RATIONALES UND IRRATIONALES

Zur Erinnerung: Die "tönende" Intensivatmung bei Schluckauf entsteht durch kurze unwillkürliche Zusammenziehungen des Zwerchfells bei gleichzeitigem Schluß der Stimmritze. Die nachfolgende brüske Einatmung ruft den hohen Ton hervor. So steht es in gängigen Medizinlexika. Daß das meist bedeutungslose Symptom gelegentlich Patienten und Ärzte zur Verzweiflung treiben kann, unterscheidet die Krankheit vom fröhlichen Schluckauf der Filmkomik eines Hans MOSER.

Wenn der Arzt gerufen wird, ist meist bereits das gesamte Repertoire der "Hausmittel" verbraucht. Auch der zu Hilfe gerufene Heilige Antonius von Padua hat dann die verlorene Normalatmung nicht zurückgebracht. Kein Wunder, daß man vom "intraktablen Singultus" spricht, solange Bücherwissen über hundert verschiedenartige physikalische und pharmakologische Interventionsmöglichkeiten anpreist.

Bemerkenswerterweise hat sich hier der Erkenntnisstand in den letzten zehn Jahren kaum geändert, wenn wir die Inhalte von Empfehlungen des Jahres 1982 mit denen des Jahres 1992 zur Behandlung des "intermittierenden klonischen Spasmus des Diaphragmas" vergleichen.1,2

Offenbar wird der Reflexbogen über ein Schluckaufzentrum im Gehirn geschlossen, so daß theoretisch ein peripherer Schluckauf von einem zentral bedingten zu trennen ist. Eben jener peripher entstandene Schluckauf wird als verhältnismäßig harmlose Variante örtlichen Behandlungsmaßnahmen zugänglich sein.

Mit einem Nasenkatheter läßt sich der sensible, vom Pharynxplexus (C2-C4) innervierte Schleimhautbereich des Rachenraums stimulieren (in der Mitte des Pharynx gegenüber dem 2. zervikalen Wirbelkörper). Bei simplem Singultus wird dieser Methode ein über 90%iger Erfolg attestiert.

Kristallzucker, ein Teelöffel voll trocken geschluckt, wird als zu 80% - 90% erfolgreich beschrieben. Lokale Wirkungen verspricht man sich auch vom Herunterschlukken trockenen Brotes, zerkleinerter Eiswürfel, Essig oder vom kräftigen Ziehen an der Zunge (OSLER'scher Handgriff) – sowie auch von jenem Glas Wasser, das in einem Sturztrunk zu entleeren ist. Mit dem Atmen in eine Papiertüte wird der Kohlendioxid-Anteil in den Blutgasen angehoben. Gleiches läßt sich auch durch vorübergehendes Luftanhalten erreichen. Solche Maßnahmen können die Schluckauffrequenz dämpfen.

Daß bei einem therapieresistenten Schluckauf nach der Ursache zu fahnden ist, erscheint plausibel. Mindestens sechs Bereiche sind diagnostisch abzuklären, z.B. abdominale Ursachen wie peptisches Ulkus, Zwerchfellabszeß, Tumore und Magenüberblähung. Im Hals-Thorax-Bereich kann eine Kompression des Nervus phrenicus die Ursache sein. Auch eine Lungenentzündung, Tumore wie etwa ein Kropf oder sogar ein Herzinfarkt gelten als Auslöser. Störungen des Zentralnervensystems sind mitunter infektionsbedingt (z.B. Enzephalitis) oder haben ihre Ursache in einem Hirndurchblutungsmangel. Zu den metabolischen Ursachen gehört z.B. der Alkoholismus. Daß der Chirurg intraoperativ und postoperativ Bedingungen setzen kann, die einen Schluckauf auslösen, sei erwähnt. Auch psychogene Ursachen etwa bei jungen Frauen sind abzuklären. Medikamente kommen als Auslöser in Betracht, häufig nach Anwendung des Antiepileptikums Ethosuximid (SUXINUTIN u.a.) oder des Immunsuppressivums Ciclosporin (SANDIMMUN, bis 2%), gelegentlich unter dem Antidepressivum Fluoxetin (FLUCTIN) und eher selten bei zahlreichen anderen Arzneistoffen (vgl. unser Handbuch "Vom Verdacht zur Diagnose", Seite 351)*.

*

A.V.I. Arzneimittel-Verlagsges. Berlin, 464 S., DM 88,-, erscheint Dez. 1992


Wenn physikalische Behandlungsverfahren versagen, bleibt als Ultima ratio Chlorpromazin (PROPAPHENIN) als einmaliger intravenöser Bolus 25 - 50 mg – notfalls gefolgt von der 10tägigen Einnahme per os. Auch das Neuroleptikum Haloperidol (HALDOL u.a.) erscheint nutzbringend.

Zu den ferner empfohlenen Medikamenten gehören Metoclopramid (PASPERTIN u.a.), Clonazepam (RIVOTRIL) und vor allem Antiepileptika wie Carbamazepin (TEGRETAL u.a.), Valproinsäure (ERGENYL u.a.) und Phenytoin (ZENTROPIL u.a.), insbesondere wenn es sich um neurogenen Schluckauf handelt. Trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin (SAROTEN u.a.), dem Kalziumantagonisten Nifedipin (ADALAT u.a.), Amantadin (SYMMETREL u.a.) und dem Muskelrelaxans Baclofen (LIORESAL u.a.) werden ebenfalls Erfolge zugeschrieben.

Einzelne Mitteilungen führen trizyklische Anticholinergika, Benzodiazepine, Stimulantien des Zentralnervensystems, H2-Rezeptor-Antagonisten und Dopamin- Agonisten als hilfreich auf.

1

Pharmscan 5 (1982), 22

2

HOWARD, R. S.: Brit. Med. J. 305 (1992), 1237


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