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Nebenwirkungen

HEPATOTOXIZITÄT VON HOCHDOSIERTEM VITAMIN E
(E-MULSIN FORTISSIMUM U.A.)

Vitamin E gilt als "Radikalfänger" und wird zur "Abwehr von Radikalattacken bei oxidativem Streß" von Zellen und Zellmembranen empfohlen.1 Unter dieser Hypothese werden in der Intensivmedizin die Beeinflussungsmöglichkeiten von Membranstörungen durch Vitamin E diskutiert, weil Radikalbildungen bei der Entstehung von Folgeerkrankungen wie akuter respiratorischer Insuffizienz (ARDS) von pathophysiologischer Bedeutung sein können. Klinische Belege für diese Hypothese fehlen.

Auf einer rheinland-pfälzischen Intensiv-Abteilung erhielten fünf Patienten hochdosierte Gaben von täglich 3-6 g Vitamin E (E- MULSIN FORTISSIMUM u.a.) per Magensonde. Bei allen traten innerhalb von drei bis zehn Tagen Leberfunktionsstörungen auf mit schnellem, massivem Anstieg von gamma-GT (bis auf Werte über 2.500 U/l) und alkalischer Phosphatase (AP). Bei drei Betroffenen waren auch die anderen Leberenzyme und bei einem die Lipase erhöht.

Bei vier der fünf Patienten bildeten sich die Leberfunktionsstörungen nach Absetzen zurück. Einer hat noch nach vier Wochen erhöhte gamma-GT- (800 U/l) und AP-Werte (920 U/l). Histologisch findet sich bei diesem Patienten ein schwerer toxischer Leberparenchymschaden mit deutlicher Cholestase und cholangitischer Komponente. Im Parenchym fallen eine toxische Schwellung der Hepatozyten mit Zellnekrosen und in den Epithelien der Gallengänge entzündliche Infiltrationen mit Epithelnekrosen auf. Das histologische Bild entspricht somit dem der Vitamin-E-Schädigung bei Neugeborenen.2

FAZIT: Die hochdosierte Gabe von Vitamin E (E-MULSIN FORTISSIMUM u.a.) bei Intensiv-Patienten mit Membranfunktionsstörungen kann zu schweren toxischen Leberparenchymschäden führen, die bisher nur unter parenteraler Anwendung von Vitamin E bei Neugeborenen beobachtet wurden und dem Lösungsvermittler Polysorbat zugeschrieben wurden.3 Da die verwendete Vitamin-E-Emulsion kein Polysorbat enthält, muß die hepatotoxische Wirkung dem Vitamin E angelastet werden.

1

SEELERT, K.: Dtsch. Apoth. Ztg. 129 (1989), 408

2

BOVE, K. E. et al.: J. Am. Med. Ass. 254 (1985), 2422

3

ALADE, S. L. et al.: Pediatrics 77 (1986), 593


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