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Korrespondenz

REINFARKTPROPHYLAXE MIT 30 mg ASS?

... Azetylsalizylsäure (ASS, ASPIRIN u.a.)-Dosen zwischen 75 und 1.500 mg/d haben den gemeinsamen biochemischen Mechanismus der Cyclooxygenasehemmung, d.h. der Blockierung der endogenen Synthese von Prostacyclin (PGI2) und Thromboxan A2 (vgl. a-t 2 [1987], 17). Seit 1980 wurden Befunde bekannt und bestätigt, daß aufgrund der speziellen Pharmakokinetik der ASS mit sehr niedrigen Dosen von 20-30 mg/d nur die endogene Thromboxansynthese völlig unterdrückt, die PGI2-Synthese jedoch zumindest weitgehend erhalten werden kann (vgl. a-t 2 [1983], 14).

PGI2 gehört zu den wichtigsten endogenen kardioprotektiv wirkenden Substanzen: Es hemmt die Plättchenaggregation als ersten Schritt der Thrombosebildung... Unterdrückt man durch die bisher verwendeten ASS-Dosen ab 75 mg die Bildung des PGI2, gehen diese u.a. endogenen Schutzmechanismen verloren, oder – anders gesagt – erhält man die endogenen Schutzmechanismen, prophezeiten alle Experten eine überlegene prophylaktische Wirkung gegen den Reinfarkt. Diese Vorhersage bestätigte sich in der schon 1981 gestarteten, bis 1987 laufenden Cottbus- Reinfarkt-Studie (mit 701 Patienten), in der der Effekt von 30 mg/d mit höheren Dosen (60 und 1.000 mg/d) ASS verglichen wurde.1 ... Eine holländische Studie bewies einen mit 300 mg ASS gleich guten Effekt von 30 mg/d gegen TIA und ischämische Insulte (vgl. a-t 11 [1991], 104 ).2

1  HOFFMANN et al.: Prostaglandins Leukotrienes and Essential Fatty Acids 42 (1991), 137 und 44 (1991), 159
2  The Dutch TIA Trial Study Group: N. Engl. J. Med. 325 (1991), 1261

Prof. Dr. W. FÖRSTER
D-06114 Halle

Für die Schutzwirkung niedrigstdosierter Azetylsalizylsäure (ASS, ASPIRIN u. a.) – gemessen an der Abnahme der Reinfarktrate und kardiovaskulär bedingter Todesfälle – fehlen nach wie vor überzeugende Belege (a-t 7 [1993], 68). In einschlägigen kontrollierten Studien erweisen sich 325 mg jeden zweiten Tag (= 160 mg/Tag), 100 mg/Tag und 75 mg/Tag als wirksam für das Ziel der Sekundärprophylaxe. Frühverschlüsse der Koronargefäße nach rekonstruktiven Eingriffen am Herzen wie Venen-Bypass- Operation und Ballondilatation scheinen unter ASS-Niedrigdosen seltener vorzukommen (a-t 2 [1994], 18), wenngleich sich damit arteriosklerotische Läsionen im Bypass bzw. erneute Verengungen des Gefäßes nach Ballonerweiterung nicht verhindern lassen. Im Bereich der hirnversorgenden Gefäße gibt es Hinweise, daß der Schutz vor Schlaganfall dosisabhängig sein könnte. Zwar gelingt die Thrombozytenfunktionshemmung mit Niedrigst-ASS-Dosen. Auch zeigen sich Effekte mit 30 mg bis 75 mg ASS/Tag im Sinne der Sekundärprophylaxe des Schlaganfalls (s. auch a-t 7 [1993], 72). Jedoch läßt sich nur mit weitaus höheren Dosen (900 mg ASS/Tag) die Arteriosklerose der Hirngefäße aufhalten. Diskutiert wird ein mit Niedrigdosen zu erreichender "antithrombotischer" Schutzeffekt der Azetylsalizylsäure und die antiphlogistische Wirkung höherer Dosen, bezogen auf das Fortschreiten der Gefäßerkrankung – z. B. Hemmung des Plaquewachstums der Arteria carotis und damit Abnahme der Stenosehäufigkeit: "Nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand kann niedrigdosierte Azetylsalizylsäure zur Sekundärprophylaxe des Schlaganfalls nicht uneingeschränkt empfohlen werden." Generell sollen auch Niedrigdosis-Behandlungen mit 160-325 mg ASS eingeleitet werden, um sofortigen Schutz mit Hemmung der Thrombozytenfunktion zu erreichen (RANKE, C. et al.: Dtsch. med. Wschr. 119 [1994], 815, – Red.).


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