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Gyrasehemmer und Suizid: Vor knapp zehn Jahren ließ die Hoechst AG uns per Gerichtsbeschluß untersagen, den Gyrasehemmer Ofloxacin (TARIVID) als "Horror-" oder "Blaulicht-Antibiotikum" zu bezeichnen. Anlaß unserer Einschätzung waren neurotoxische Schadwirkungen einschließlich Angst- und Panikreaktionen, Halluzinationen und Psychosen, die eine stationäre Unterbringung erfordern (a-t 5 [1988], 48). Von 290 Verdachtsmeldungen, die uns zwischenzeitlich zu den leicht liquorgängigen Gyrasehemmern (vgl. a-t 1 [1992], 6) erreichten, betreffen 166 (57%) zentralnervöse Störwirkungen, die zu zwei Dritteln schwer oder lebensbedrohlich verlaufen. Selbstmorde in Verbindung mit Gyrasehemmern fallen auf: Drei Tage nach Beendigung der Therapie einer Nebenhodenentzündung mit Ciprofloxacin (CIPROBAY) und Entlassung aus der Klinik wird ein bis dahin psychisch unauffälliger 84jähriger erhängt in seiner Wohnung aufgefunden. Der Internist, dem der Patient seit Jahren bekannt ist, sieht "die Gefahr einer hohen Dunkelziffer" und "Handlungsbedarf": "Es fällt mir schwer, an einen Zufall zu glauben, insbesondere weil es innerhalb eines guten Jahres der zweite Patient ist, den ich in direktem Anschluß an eine CIPROBAY-Gabe durch einen Suizid durch Erhängen verliere" (NETZWERK-Bericht 8119). Eine Frau, die wegen einer Salmonellose über mehrere Wochen Ciprofloxacin einnimmt, erlebt erstmalig formale Denkstörungen ("spürt die Tiere in ihrem Bauch krabbeln"). Auch nach dem Absetzen dauern nächtliche Angstzustände, Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit an. Trotz Einleitung einer antidepressiven Therapie und kurzzeitiger Besserung wird die Frau wenige Wochen später erhängt aufgefunden (7535). Ein 53jähriger, der wegen Penizillinallergie nach Herzklappenersatz Ciprofloxacin erhält, entwickelt eine paranoid-halluzinatorische Psychose, springt aus dem zweiten Stock der Rehaklinik und erleidet eine Fraktur der Lendenwirbelsäule (2697). In Verbindung mit Ofloxacin (TARIVID) gingen uns sieben Berichte über Suizide zu (5976, 6410 bis 6415). So entwickelt eine 56jährige einen Tag nach Therapieende plötzlich Halluzinationen ("Vögelsehen") und Verwirrtheit, muß eine Woche später wegen einer halluzinatorischen Psychose stationär aufgenommen werden und wird kurz nach ihrer Entlassung erhängt aufgefunden (6414). Der Verdachtsfall eines Suizids in Verbindung mit einem Gyrasehemmer wird auch an anderer Stelle dokumentiert (Dtsch. Ärztebl. 92 [1995], A-1197).


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