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Korrespondenz

AMBULANTE SCHMERZBEHANDLUNG
MIT FENTANYL-PFLASTER (DUROGESIC)

... Derzeit habe ich einen Tumorpatienten, der von einer gut funktionierenden Therapie mit 2 x täglich 30 mg Morphin (MST) auf Fentanyl-Pflaster (DUROGESIC) umgestellt werden möchte.

... Die in Deutschland durchgeführten Studien zeigen zwar befriedigende Ergebnisse, es stellt sich jedoch die Frage, in wieweit sich eine Übertragbarkeit auf das Handling dieses Präparates im niedergelassenen Bereich ergibt... Was ist zu tun, wenn mein Patient Fieber hat? Sind die Angehörigen in der Lage, eventuell auftretende Anzeichen einer Überdosierung rechtzeitig als Alarmsignal wahrzunehmen und sich dementsprechend um ärztliche Hilfe zu bemühen?

Weiterhin frage ich mich, wie hoch das Abhängigkeitspotential des Pflasters einzuschätzen ist? ... Wie ist es möglich, daß das Fentanyl-Pflaster ohne Regelung der Entsorgungsfrage vertrieben werden darf...

Dr. med. T. KINGERTER (Arzt f. Allgemeinmedizin)
D-26386 Wilhelmshaven

"10 cm2 für drei Tage Freiheit"1 verspricht Janssen für das Pflaster mit dem stark wirksamen Opioid Fentanyl (DUROGESIC). Es soll den Wirkstoff über 48 bis 72 Stunden kontinuierlich abgeben und so konstante chronische Tumorschmerzen lindern.2 Fast alle Patienten benötigen zusätzlich kurzwirksame Opioide zur Kupierung von Schmerzspitzen.3 Profitieren könnten Krebskranke, die häufig erbrechen oder an obstruierenden Tumoren im Kopf- und Halsbereich sowie des Magen-Darm-Trakts leiden. Ein Therapieversuch kann außerdem bei starker Verstopfung unter oralem Morphin (MST u.a.) erwogen werden, da transdermales Fentanyl die Darmfunktion weniger zu beeinträchtigen scheint.2 Bei guter Einstellung auf zweimal täglich 30 mg Morphin sollte nach Ansicht von Schmerztherapeuten keine Umstellung vorgenommen werden.4

Bis ausreichende klinische Erfahrungen vorliegen, soll die Dosisfindung stationär erfolgen.3 Bei akuten Schmerzen, z. B. nach Operationen, sind Fentanyl-Pflaster kontraindiziert, nachdem in den USA Todesfälle infolge Atemlähmung aufgetreten sind. Auch bei chronischen Tumorschmerzen kommt es bei 2% der Anwender initial zur Atemdepression,5 die gegebenenfalls die wiederholte Anwendung von Naloxon (NARCANTI u. a.) erfordert. Entfernen des Pflasters reicht nicht aus, denn die Halbwertszeit beträgt aufgrund des vorhandenen Depots in der Haut bis zu 22 Stunden.3

Bei erhöhter Temperatur geht mehr Fentanyl ins Blut über – bis zu 30% bei 40° C Hauttemperatur. Ob die vom Hersteller dann empfohlene Dosisanpassung realisiert werden kann, bleibt angesichts der langen Wirkdauer fraglich. Gefahr der Überdosierung besteht auch, wenn Patienten Heizkissen u. ä. in der Nähe der Applikationsstelle verwenden sowie bei ungewohnter körperlicher Aktivität.2,5 Angehörige dürften mit der Erkennung von Überdosierungserscheinungen oft überfordert sein.

Das Abhängigkeitspotential von transdermalem Fentanyl ist nicht größer als das von retardiertem Morphin und bei Schmerzpatienten von untergeordneter Bedeutung (vgl. a-t 2 [1994], 21). Für eine Regelung der Entsorgung fühlen sich weder der Hersteller noch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zuständig.6,7 Nach dem Gebrauch bleiben beachtliche Mengen Fentanyl im Pflaster (rund 2,5 mg beim größten Pflaster). Warum sollte der Hersteller nicht zur Rücknahme gebrauchter Pflaster verpflichtet werden? Der bürokratisierte, durch die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung geregelte Vertriebsweg von DUROGESIC wird zur Farce, wenn die Pflaster nach Gebrauch mit etwa 25% der Ausgangswirkstoffmenge im Hausmüll landen, –Red.


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