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DIE BEHANDLUNG DER ARTERIELLEN HYPERTONIE

15 bis 20 Millionen Menschen in Deutchland haben einen erhöhten Blutdruck. Meist lässt sich keine Ursache finden ("essentielle Hypertonie"). Schätzungen zufolge ist der Hochdruck einem Viertel der Betroffenen nicht bekannt, bei einem weiteren Viertel bleibt er unbehandelt. Bei zwei von drei behandelten Hypertonikern wird der Blutdruck trotz medikamentöser Therapie nicht hinreichend gesenkt.

Chronischer Bluthochdruck schädigt durch Förderung atherosklerotischer Gefäßveränderungen besonders drei Organe: das Gehirn, das Herz und die Nieren. Das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, steigt bereits bei Werten über 110 mm Hg systolisch und 70 mm Hg diastolisch. Die heute allgemein akzeptierte Definition der arteriellen Hypertonie als anhaltend erhöhter Druck von 140/90 mm Hg und darüber (Tabelle 1) richtet sich aber nach den Ergebnissen von Interventionsstudien: Die antihypertensive Therapie hat bei Patienten mit diesen Blutdruckwerten Folgeerkrankungen und Sterblichkeit nachweislich vermindert.1,2

VORBEUGUNG: In einer Untersuchung mit mehr als 40.000 nordamerikanischen Frauen gehen höhere Kalorien-, Kochsalz- und Alkoholaufnahme häufiger mit erhöhten Blutdruckwerten einher.3 Nach wie vor fehlt aber der Beweis, dass durch Umstellung der Ernährung in der Allgemeinbevölkerung die Hochdrucksterblichkeit sinkt. Darüber hinaus sprechen neue epidemiologische Befunde gegen unbegründete Diätempfehlungen für Gesunde. In der bislang größten Studie wird in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe von mehr als 10.000 Erwachsenen der Einfluss hypertoniebestimmender Diätfaktoren auf die Sterblichkeit über 20 Jahre untersucht.4 Gesamtsterblichkeit und kardiovaskuläre Mortalität liegen in dieser Studie bei höherer Kochsalz- und Kalorienaufnahme sogar niedriger.

DIAGNOSE: Erhöhter Blutdruck bei mehrfachen ärztlichen Messungen an mindestens zwei verschiedenen Tagen begründet die Diagnose. Um auszuschließen, dass die Werte nur während des Arztbesuches ansteigen ("Weißkitteleffekt"), empfiehlt sich die Selbstmessung des Blutdrucks durch den Patienten, ggf. eine ambulante 24-Stunden-Aufzeichnung. Als normal gelten hier mittlere Werte unter 135/85 mm Hg. Bei 24-Stunden-Messung soll der Druck nachts unter 120/80 mm Hg liegen.5,6 Interventionsstudien zur Begründung dieser Werte gibt es allerdings nicht. Ist der Blutdruck nur in der Arztpraxis erhöht, ist eine antihypertensive Therapie nicht sinnvoll.

WANN UND WIE BEHANDELN: Leicht erhöhte Blutdruckwerte bedürfen nicht immer der sofortigen Therapie (vgl. a-t 8 [1989], 71; 9 [1989], 81). Bei Werten über 160/100 mm Hg soll eine wirksame Behandlung innerhalb von einem Monat, bei Werten über 180/110 mm Hg innerhalb von einer Woche eingeleitet werden.2* Angestrebt wird ein Blutdruck unter 140/90 mm Hg (vgl. a-t 6 [1994], 53). Liegen Hinweise auf zerebrale oder kardiale Durchblutungsstörungen, Zeichen einer linksventrikulären Hypertrophie, Diabetes, eine Nierenerkrankung oder eine hypertensive Mikroangiopathie der Netzhaut (Fundus hypertonicus) vor, soll die Behandlung sofort einsetzen und bei ausbleibendem Erfolg nichtmedikamentöser Maßnahmen frühzeitig die pharmakologische Blutdrucksenkung begonnen werden.

*

Behandlung der Hochdruckkrise folgt in einer der nächsten a-t-Ausgaben.

Nach neuseeländischen Empfehlungen ist bei Werten zwischen 150/90 und 170/100 mm Hg eine Therapie erst dann begründet, wenn durch weitere Umstände das Risiko einer kardiovaskulären Folgeerkrankung innerhalb von fünf Jahren über 10% beträgt.7 Vor allem jüngere Frauen mit milder bis mäßiger Hypertonie würden demnach unbehandelt bleiben. Der Empfehlung liegen Studien von etwa fünfjähriger Dauer zugrunde. Unberücksichtigt bleibt, dass es in dieser Zeit zu klinisch inapparenten Hypertonieschäden kommen kann, die sich langfristig ungünstig auswirken.

Nach den neuesten US-amerikanischen Richtlinien ist bei unkompliziertem Hochdruck bis 160/100 mm Hg eine Pharmakotherapie angezeigt, wenn nach einem Jahr der Umstellung der Ernährung und körperlicher Aktivität der Blutdruck nicht hinreichend sinkt.2

DIÄT UND BEWEGUNG: Wichtigste nichtmedikamentöse blutdruckmindernde Maßnahme ist die Reduktion des Übergewichts. Die Patienten sollen nicht ihr Normalgewicht anstreben, sondern zunächst versuchen, im Laufe von einigen Wochen zwei bis fünf Kilogramm abzunehmen. Dabei kann der mittlere arterielle Blutdruck um etwa 5 mm Hg sinken.8 Ähnlich kann eine auf täglich 6 g verringerte Kochsalzaufnahme wirken,9 allerdings bei individuell sehr unterschiedlichem Ansprechen (a-t 1 [1998], 10). Eine Diät aus Früchten, Gemüse und wenig Fett senkt den Blutdruck im Mittel systolisch um 5 und diastolisch um 3 mm Hg.10 Den gleichen Effekt erzielen Hochdruckpatienten, wenn sie ihren Alkoholkonsum von etwa 450 g auf ca. 65 g pro Woche reduzieren.11 Mäßiger Alkoholgenuss (wöchentlich 30 g bis 300 g) scheint aber mit geringerer vorzeitiger Sterblichkeit einherzugehen als völlige Abstinenz.12

Regelmäßige sportliche Aktivität - mindestens dreimal pro Woche über 30 bis 60 Minuten - senkt den Blutdruck um etwa 5 mm Hg. Wird das Training für mehr als eine Woche unterbrochen, steigt der Druck wieder an. Isotonische Sportarten wie Schwimmen, schnelles Gehen und Radfahren sind zu bevorzugen. Dabei soll nur etwa 60% bis 80% der maximalen Herzfrequenz erreicht werden.35 Sehr starke körperliche Anstrengungen können krisenhafte Blutdruckanstiege, Myokardhypertrophie und Herzinfarkt auslösen.36 Auch bei schwerer Hypertonie mindert mäßige, aber regelmäßige Bewegung sowohl Blutdruck als auch Herzwandhypertrophie.37 Diese Patienten sollen aber vor, während und nach dem Sport den Blutdruck messen. Bei Werten über 180/100 mm Hg ist auf Sport zu verzichten, während der körperlichen Aktivität soll der Blutdruck nicht über 200/100 mm Hg ansteigen.

In der einzigen Vergleichsstudie sinkt der Blutdruck durch nichtmedikamentöse Intervention (plus Plazebo) um 9/9 mm Hg, unter zusätzlicher Pharmakotherapie dagegen um 16/12 mm Hg. Nach vier Jahren liegt der Anteil von Patienten mit klinischen Ereignissen einschließlich der zerebro- und kardiovaskulären Morbidität in der Gruppe ohne Arzneitherapie höher (16% vs. 11%).13

Obwohl alle internationalen Behandlungsrichtlinien eine nichtmedikamentöse Blutdrucksenkung als erste Stufe der antihypertensiven Therapie empfehlen,14 fehlt bislang der eindeutige Beleg für einen günstigen Einfluss auf Morbidität und Mortalität. Wenn unter Diät und verstärkter körperlicher Aktivität keine normotonen Blutdruckwerte erreicht werden, ist es daher sinnvoll, bald eine medikamentöse Therapie zu ergänzen.

EINSTOFFARZNEIMITTEL: Die Pharmakotherapie beginnt in der Regel mit einem Arzneimittel in niedriger Dosierung, z.B. täglich 12,5 mg Hydrochlorothiazid (ESIDRIX u.a.). Zu bevorzugen sind einmal täglich anwendbare Präparate, weil sie eher eine zuverlässige Einnahme gewährleisten. Sinkt der Blutdruck in bis zu vier Wochen nicht hinreichend, wird die Dosis vorsichtig gesteigert.

Die in nahezu jedem Land der Welt existierenden Leitlinien zur Behandlung des Bluthochdrucks unterscheiden sich darin, welche Erstwahlmittel sie empfehlen (Tabelle 2; a-t 12 [1993], 130). Die meisten folgen einer konservativen Strategie und befürworten, primär einen Wirkstoff anzuwenden, der nachweislich vor Folgeerkrankungen des Hochdrucks und vorzeitiger Sterblichkeit schützt. Dies gilt nur für Diuretika und Betablocker. Für die beiden Wirkstoffgruppen liegen 18 randomisierte Langzeitstudien vor. Blutdrucksenkung von etwa 10 mm Hg systolisch und 5 mm Hg diastolisch mindert das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Herzinsuffizienz sowie die Gesamtmortalität (a-t 4 [1995], 45); Number needed to treat s. a-t 5 [1998], 47).

Andere Leitlinien - darunter die der deutschen Hochdruck-Liga16 - gehen vereinfachend davon aus, dass der Nutzen der antihypertensiven Therapie nicht von der Art des Mittels abhängt, und empfehlen für die Erstwahl alle Hauptgruppen der Antihypertonika. Der derzeitige Stand der Hypertonieforschung stützt eher die konservativen Empfehlungen. So scheinen Hochdruckmittel vom Typ der Kalziumantagonisten Patienten trotz Blutdrucksenkung zu schaden. Mehrere Untersuchungen, die den Einfluss dieser Stoffklasse auf kardiovaskuläre Folgeerkrankungen und Sterblichkeit mit dem anderer Antihypertensiva vergleichen - darunter sämtliche randomisierte Studien17-19 -, weisen übereinstimmend in diese Richtung: Unter Kalziumantagonisten nehmen kardiovaskuläre Ereignisse zu (a-t 10 [1995], 98; 10 [1996], 102; 3 [1997], 33; 4 [1998], 44).

Die viel zitierte plazebokontrollierte Syst-Eur**-Studie20 eignet sich nicht zur Entwarnung. Zwar nehmen unter Nitrendipin (BAYOTENSIN u.a.) nicht tödliche Schlaganfälle ab. Tödliche Schlaganfälle sowie kardiovaskuläre und Gesamtsterblichkeit bleiben aber anders als bei Diuretika und Betablockern unbeeinflusst (a-t 7 [1997], 78). Schon bei Studienbeginn war das Vorenthalten einer wirksamen blutdrucksenkenden Therapie in der Kontrollgruppe ethisch äußerst bedenklich (s. Kasten). Durch das plazebokontrollierte Design bleibt auch der Erkenntnisgewinn gering. Da wirksame Behandlungsprinzipien existieren, müssen sich neue Entwicklungen an den bewährten Mitteln messen. Dass Kalziumantagonisten von manchen Meinungsbildnern überhaupt noch als Antihypertensiva der ersten Wahl angesehen werden, ist wissenschaftlich unbegründet und hauptsächlich durch finanzielle Liaison mit Herstellern zu erklären.23

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Syst.-Eur. = Systolic Hypertension in Europe

Der therapeutische Stellenwert der ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Antagonisten und Alphablocker bei arterieller Hypertonie bleibt derzeit offen. Vom Ausgang mehrerer Interventionsstudien wie ALLHAT***, die in drei bis fünf Jahren veröffentlicht werden, hängt es ab, ob künftig neben Diuretika und Betablockern weitere Antihypertensiva als Erstwahlmittel zu empfehlen sind.

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ALLHAT = Antihypertensive and Lipid-Lowering treatment to prevent Heart Attack Trial

Die oft ausgesprochene Empfehlung von Betablockern für Jüngere und Diuretika für Ältere beruht auf pathophysiologischen Überlegungen, nach denen der Hochdruck bei Jüngeren eher mit erhöhtem Sympathikotonus einhergeht, bei Älteren eher mit Natriumretention. Klinische Studien, die diese Empfehlung begründen, gibt es nicht. Beide Wirkklassen sind in jedem Lebensalter Mittel der ersten Wahl. Die Entscheidung richtet sich nach eventuellen Begleiterkrankungen wie Herzinsuffizienz oder koronare Herzkrankheit sowie nach Kontraindikationen und Verträglichkeit.

BAYER UND DIE SYST-EUR-STUDIE: Nach der Deklaration von Helsinki von 1964 sollen alle Teilnehmer einer medizinischen Studie - auch die der Kontrollgruppe - die nachgewiesenermaßen beste Diagnostik und Therapie erhalten. Die Deklaration verbietet den Gebrauch von Plazebo, wenn für eine Erkrankung ein wirksames Behandlungsprinzip existiert.22 Dass die Therapie mit Diuretika oder Betablockern Hochdruck-Patienten - auch solche mit isolierter systolischer Hypertonie - langfristig vor zerebrovaskulären Erkrankungen schützt, war zu Beginn (vor Aufnahme der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmer) der von Bayer finanzierten plazebokontrollierten Syst-Eur-Studie Stand der Kenntnis. Wir gehen daher davon aus, dass die Firma wissentlich in Kauf genommen hat,21 dass teilnehmenden Patienten Schaden zugefügt und gegen die Deklaration von Helsinki verstoßen wurde, um einen Vergleich ihres Kalziumantagonisten Nitrendipin mit einem wirksamen Hochdruckmittel zu vermeiden.

MEHRFACHSCHEMA: Wird nach einer ausreichenden Behandlungszeit mit einem Mittel der Blutdruck nicht normalisiert, kommt eine Kombination zum Zuge. Hat der Patient das erste Medikament gut vertragen, wird ein zweites ergänzt. Diuretika verstärken die Wirkung anderer Antihypertensiva und eignen sich daher gut für Kombinationen. Hat man mit einem Diuretikum begonnen, kann zusätzlich ein Betablocker eingenommen werden.2 Bei Gegenanzeigen für einen Betablocker wirkt die Kombination aus ACE-Hemmer plus Thiaziddiuretikum (ohne Kaliumsparer) gut blutdrucksenkend. Die viel beworbenen Angiotensin-II-Blocker, z.B. Losartan (LORZAAR), sind nur dann angezeigt, wenn ein ACE-Hemmer gebraucht, aber nicht vertragen wird.

Mindestens zwei Drittel der Patienten sollten mit zwei Hochdruckmitteln normotone Blutdruckwerte erreichen. Bei Therapieversagen ist immer auch an die Möglichkeit zu denken, dass der Patient die Medikamente nicht zuverlässig einnimmt.

Wird ein drittes Mittel gebraucht, kommen Gefäßerweiterer wie Alphablocker, ACE-Hemmer oder Dihydralazin (NEPRESOL u.a.) in Betracht. Ein Dreifachregime soll nach Möglichkeit immer einen Betablocker und ein Diuretikum enthalten, um einer Reflextachykardie und Flüssigkeitsretention vorzubeugen. Diese Therapie kann bei schwerer Hypertonie um ein zentral wirkendes Antihypertensivum wie Methyldopa (PRESINOL u.a.) oder Clonidin (CATAPRESAN u.a.) erweitert werden. Es empfiehlt sich, solche Patienten in einem spezialisierten Zentrum zur Diagnostik und Beratung vorzustellen.

Die Blutdruckeinstellung mit mehreren Arzneimitteln gelingt besser, wenn Einstoffpräparate verwendet werden. Da mit der Anzahl der verordneten Tabletten die Compliance abnimmt, soll der Patient die Behandlungsstrategie gut kennen. Sind normotone Blutdruckwerte erreicht, kann durch Umstellen auf eine Fixkombination die Tablettenzahl unter Umständen wieder gesenkt werden. Nach mehr als einem Jahr anhaltender Normotonie lässt sich der Versuch einer vorsichtigen Dosisreduktion rechtfertigen.24 Gegebenenfalls kann ein Mittel ganz abgesetzt werden. In dieser Zeit ist der Blutdruck engmaschig zu überwachen, am besten durch Selbstmessung.

QUALITÄT DER VERSORGUNG: Eine Verbesserung der immer noch unzureichenden Qualität der Blutdrucktherapie ist nicht in erster Linie von neuen pharmakologischen Entwicklungen zu erwarten. Die Effektivität der Behandlung hängt entscheidend von der langfristigen Compliance von Ärzten und Patienten ab. Analog zur Diabetesbehandlung lässt sich Therapietreue am ehesten durch aktives Einbeziehen der Patienten erreichen, mit Aufklärung über die Erkrankung und die verschiedenen medikamentösen und nichtmedikamentösen therapeutischen Möglichkeiten und Anleitung zur eigenständigen Kontrolle durch regelmäßige Blutdruckselbstmessung. Ein strukturiertes Behandlungs- und Schulungsprogramm hat in einer kontrollierten Studie mit zehn Arztpraxen im Verlauf von drei Jahren zu deutlich besserer Blutdruckeinstellung geführt.38 Ein im Rahmen dieses Programms verwendeter Patientenratgeber erscheint im Kirchheim-Verlag.39

NEUE ANTIHYPERTENSIVA IM VERTRÄGLICHKEITSVERGLEICH: Das Fehlen von Daten, die einen klinischen Nutzen der neueren Hochdruckmittel belegen, lenkt seit Jahren die Diskussion auf die Verträglichkeit. Die neueren Antihypertensiva sollen hier den altbewährten überlegen sein. Zur Klärung dieser Frage erschienen zwei prospektive Langzeitstudien.

In der Treatment-of-Mild-Hypertension-Studie13 mit mehr als 900 Patienten werden der Betablocker Acebutolol (PRENT u.a.), das Diuretikum Chlortalidon (HYGROTON u.a.), der Kalziumantagonist Amlodipin (NORVASC), der Alphablocker Doxazosin (DIBLOCIN u.a.), der ACE-Hemmer Enalapril (XANEF u.a.) und Plazebo über vier Jahre verglichen. Das Diuretikum senkt den systolischen Blutdruck am stärksten (-18 mm Hg), der Alphablocker (-14 mm Hg) am wenigsten. Nur Betablocker und Diuretikum steigern die Lebensqualität,34 die übrigen Wirkstoffe unterscheiden sich nicht von Plazebo. Subjektive Beschwerden sind unter dem Scheinmedikament insgesamt signifikant häufiger (!) als unter Verum. So klagen z.B. 16% der Männer unter Plazebo über Potenzprobleme gegenüber 13% unter den Antihypertensiva. Entgegen den Erwartungen verursacht der Betablocker die geringsten Potenzprobleme (10%). Hinsichtlich metabolischer Parameter unterscheiden sich die Gruppen kaum. Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin und Triglyzeride sinken in allen Studienarmen, das HDL-Cholesterin steigt. Den größten Effekt auf Blutlipide weisen Beta- und Alphablocker auf. Das Thiaziddiuretikum verursacht Anstieg der Serum-Harnsäure und Abfall des Serumkaliums, was allerdings nicht mit Zunahme ventrikulärer Extrasystolen im 24-Stunden-EKG oder Erhöhung des Blutzuckers einhergeht.

In der Veterans-Affairs-Cooperative-Studie35 werden Hydrochlorothiazid, Atenolol, Captopril (LOPIRIN u.a.), Clonidin, Diltiazem (DILZEM u.a.) und Prazosin (MINIPRESS u.a.) mit Plazebo verglichen. Unter dem Diuretikum sinkt das Serumkalium, und der Nüchtern-Blutzucker steigt an, was die Notwendigkeit einer niedrigen Dosierung, einer Kaliumsubstitution sowie ggf. Kombination mit einem kaliumsparenden Diuretikum unterstreicht. Wie in allen anderen Untersuchungen steigt das Cholesterin unter Hydrochlorothiazid nur vorübergehend an. Diltiazem senkt den systolischen Blutdruck am stärksten, Prazosin am wenigsten. Nur Clonidin und Prazosin verursachen mehr Störwirkungen als Plazebo, das Diuretikum die wenigsten.

Beachtet man also die erforderliche niedrige Dosierung der Diuretika und der relativ kardioselektiven Betablocker und beugt einem Kaliumverlust vor, weisen diese altbewährten Präparate ein Nebenwirkungsprofil auf, das gleich oder sogar günstiger ist als das der neueren, teureren und in kontrollierten Langzeitstudien nicht ausreichend untersuchten Antihypertensiva.

STÖRWIRKUNGEN: Thiaziddiuretika sollen bei Hochdruck niedriger dosiert werden als in der Ödembehandlung (a-t 11 [1988], 96). Störeffekte lassen sich so gering halten. Der Kaliumspiegel ist regelmäßig zu überwachen. Bei Niedrigdosierungen (z.B. 12,5 mg Hydrochlorothiazid/Tag) kann ggf. auf ein kaliumsparendes Diuretikum verzichtet werden. Bei Komedikation eines Kaliumsparers beispielsweise mit nichtsteroidalen Antirheumatika oder ACE-Hemmer steigt das Risiko der Hyperkaliämie. Liegt das Serumkalium im Normbereich, haben niedrig dosierte Diuretika keinen Einfluss auf den Glukosestoffwechsel.25 Auch besteht dann kein erhöhtes Arrhythmierisiko.26 Anstieg der Blutfettwerte ist nur kurzfristig nachweisbar und spielt bei Langzeittherapie keine Rolle.27

Zu den unerwünschten Wirkungen der Betablocker gehören Bradykardie, Verschlechterung einer Herzinsuffizienz und Bronchospasmen bei prädisponierten Patienten. Asthmakranke sollen keine Betablocker einnehmen. Bei der Behandlung von Diabetikern wird befürchtet, dass die Hypoglykämiegefahr zunimmt, während Warnsymptome maskiert werden. Klinisch relevante Wahrnehmungsstörungen einer Unterzuckerung unter Betablockade sind aber in Studien bisher nicht beschrieben. Während Tremor und Tachykardie abgeschwächt werden, nimmt Schwitzen meist zu.28 -30 Unter relativ kardioselektiven Betablockern wie Atenolol (TENORMIN u.a.) werden schwere Unterzuckerungen nicht vermehrt beobachtet. In drei neueren Vergleichsstudien ist das Risiko in Verbindung mit ACE-Hemmern erhöht, unter Diuretika oder relativ kardioselektiven Betablockern dagegen gering.31- 33 In niedriger Dosierung bis zu 100 mg Atenolol bzw. bis zu 200 mg Metoprolol (BELOC u.a.) pro Tag ist unter diesen Betablockern auch ein verzögerter Wiederanstieg des Blutzuckers nach Hypoglykämie nicht zu befürchten.

Häufigste Störwirkung der ACE-Hemmer ist trockener Reizhusten bei bis zu 30% der Anwender (a-t 8 [1997], 87). Der Husten kann spontan abklingen, oft ist jedoch Absetzen unumgänglich. Alternativ kommt dann ein Angiotensin-II-Antagonist in Betracht. Selten können ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Blocker ein bedrohliches Angioödem auslösen. Wegen der Gefahr der Hyperkaliämie sollen sie nicht mit kaliumsparenden Diuretika kombiniert werden.

Bei Alpharezeptorenblockern dominiert orthostatischer Blutdruckabfall, besonders zu Behandlungsbeginn. Sedierung, Bradykardie und Mundtrockenheit gehören zu Anwendungsfolgen zentral wirksamer Alphaagonisten wie Clonidin oder Moxonidin (CYNT u.a.)

KOSTEN: Für Hydrochlorothiazid (HCT-ISIS: 9 DM/Monat für täglich 12,5 mg) und für den Betablocker Atenolol (ATEBETA, TENORMIN: 10 bzw. 14 DM/Monat für täglich 50 mg) liegen die monatlichen Kosten um 10 DM. Dies gilt auch für den ACE-Hemmer Captopril als Generikum (CAPTOPRIL AL 50: 10 DM/Monat für täglich 50 mg), während eine niedrig dosierte Kombination aus Hydrochlorothiazid plus Triamteren mit monatlich 5 DM nur die Hälfte kostet.

Rund 20 DM sind für den zentralen Alpha-Agonisten Clonidin aufzuwenden (CLONIDIN-RATIOPHARM: 21 DM/Monat, CATAPRESAN: 22 DM/Monat für täglich 0,15 mg). Spitzenreiter mit Monatskosten zwischen 40 und 64 DM sind das Captopril-Original LOPIRIN (39 DM/Monat für täglich 50 mg), der Angiotensin-II-Antagonist Losartan (LORZAAR: 62 DM/Monat für täglich 50 mg) und der Alphablocker Doxazosin (CARDULAR PP und DIBLOCIN PP: 49 DM/Monat für täglich 4 mg).

FAZIT: Niedrig dosierte Diuretika und "kardioselektive" Betablocker bleiben Mittel der Wahl bei arterieller Hypertonie. Sie schützen nachweislich vor hochdruckbedingten kardiovaskulären Erkrankungen und senken die Sterblichkeit. Sie werden gut vertragen und kosten wenig. In niedriger Dosierung und unter Schutz vor Kaliumverlust sind auch bei Diabetes mellitus klinisch relevante Stoffwechselstörungen nicht zu befürchten.

Wegen möglicher Steigerung der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität sehen wir für Kalziumantagonisten derzeit keine Indikation mehr bei Bluthochdruck. Da aussagekräftige Studien fehlen, bleibt der Stellenwert der ACE-Hemmer, Angiontensin-II-Antagonisten und Alphablocker offen. Sie kommen bei Unverträglichkeit oder Kontraindikation als Alternative zur konventionellen Therapie in Betracht oder ergänzend bei nicht ausreichender Wirksamkeit der Erstwahlmittel.


© 1998 arznei-telegramm

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