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Korrespondenz

GLATIRAMERAZETAT (COPAXONE) GEGEN MULTIPLE SKLEROSE

Wie ist Glatiramerazetat (COPAXONE) in der Behandlung der MS im Vergleich zur Interferontherapie zu bewerten?

Dr. med. S. GÜNTHER (Facharzt für Allgemeinmedizin)
D-53639 Königswinter

Glatiramerazetat (Copolymer-1; Schweiz: COPAXONE) ist ein synthetisches Eiweißgemisch, das Ende der 60-er Jahre bei Tierversuchen zu experimenteller allergischer Enzephalomyelitis entdeckt wurde.1 Nach In-vitro-Versuchen soll es die Bindung von Proteinen der Myelinscheide an Immunzellen beeinflussen und so die Entzündungsreaktion bei Multipler Sklerose (MS) dämpfen. Es muss täglich subkutan injiziert werden. Das Mittel ist unter anderem in den USA und in der Schweiz im Handel, nicht aber in Deutschland.

An der größten randomisierten Studie haben 251 Patienten mit schubförmig verlaufender MS teilgenommen. Täglich 20 mg s.c. senken die durchschnittliche Rückfallrate in zwei Jahren von 1,68 unter Plazebo auf 1,19 (-29%).2 Dies entspricht in der Größenordnung der Wirksamkeit der Beta-Interferone, die die Schubrate ebenfalls um etwa 30% mindern (a-t 1996; Nr. 3: 27-8). Direkte Vergleiche fehlen aber. Wie die fortgesetzte Studie mit 203 Teilnehmern zeigt, hält der Nutzen auch nach 35 Behandlungsmonaten an. Die mittlere Schubrate beträgt unter Verum 1,34 im Vergleich zu 1,98 unter Scheinmedikament. 34% vs. 25% sind rückfallfrei.3

Ob Glatiramerazetat wie Beta-Interferone (a-t 1998; Nr. 12: 115) auch Behinderungen hinausschiebt, ist nicht hinreichend geklärt. Als einer von mehreren sekundären Endpunkten erreicht der Unterschied in der größten Studie knapp statistische Signifikanz.2 In einer Studie mit 106 Patienten bleibt ein signifikanter Einfluss auf die chronisch-progrediente MS aus.4 Wie eine kleine Studie zu bewerten ist, der zu Folge Glatiramerazetat und Interferon beta 1b (BETAFERON) das Fortschreiten von Behinderungen aufhalten sollen,5 muss sich nach vollständiger Publikation erweisen. Nicht randomisierte Zuteilung und offenes Design5 dürften die Aussagekraft einschränken.

Häufigste unerwünschte Wirkung sind Schmerzen, Rötung, Juckreiz und Verhärtung an der Injektionsstelle.6 Innerhalb von zwei Jahren klagen 90% mindestens einmal über Erythem oder Verhärtung im Injektionsbereich.2 Bis zu 15% der Patienten leiden unter sporadisch auftretenden systemischen Reaktionen mit Hitzegefühl, Brustschmerzen, Palpitationen, Atemnot und Angst, die innerhalb von Minuten nach der Injektion beginnen und bis zu einer halben Stunde anhalten. 3% brechen die Behandlung deshalb ab.2 Alle Patienten entwickeln Antikörper gegen das Mittel, die aber anscheinend nicht neutralisierend wirken.

28 Ampullen COPAXONE zu 20 mg Glatiramerazetat kosten in der Schweiz 1.588 Franken. Beim gegenwärtigen Wechselkurs wären ohne Berücksichtigung der Importkosten pro Patient und Monat 2.121 DM aufzuwenden. Interferon beta 1b (BETAFERON) wird für monatlich 2.411 DM (alle zwei Tage 8 Mio. I.E. s.c.) angeboten, Interferon beta 1a (AVONEX) für monatlich 2.413 DM (wöchentlich einmal 6 Mio. I.E. i.m.).

FAZIT: Glatiramerazetat (Copolymer-1; Schweiz: COPAXONE) kann ähnlich den Beta-Interferonen die Schubrate bei Multipler Sklerose um 30% senken. Ob Behinderungen aufgehalten werden, bedarf weiterer Klärung.

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