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Im Blickpunkt

FORTBILDUNG ZAHLT SICH AUS - ABER FÜR WEN?

So genannte therapeutische Zirkel oder Therapieforen sind beim Pharma-Marketing "in" (vgl. a-t 1998; Nr. 8: 69 und 2000; 31: 39). Gesprächen von zwei oder drei Stunden Dauer über Arzneitherapie folgt die Speisung am Buffet. Pharmahersteller schalten zur Organisation meist Servicefirmen ein und geben sich wissbegierig. Angeblich erhofft man sich "wichtige Anregungen" (Aventis für Ramipril [DELIX u.a.])1, "Meinungsaustausch" (3M Medica für VENTOLAIR)2 oder setzt auf "verbale Empfehlungen der Ärzte" (Bayer für Acarbose [GLUCOBAY]).3 Klartext spricht indes ein internes Rundschreiben für Bayer-Mitarbeiter zu Zirkeln für GLUCOBAY:

"Zielgruppe ... sind Allgemeinmediziner, Praktische Ärzte und Internisten, die zu einer intensiveren Verordnung von GLUCOBAY gebracht werden sollen (Hervorhebung durch Red.). Jung niedergelassene Ärzte sind zu bevorzugen. Andererseits sollte die Größe der Praxen bei mindestens 800 bis 1.000 Scheinen liegen. - Andere Ärzte sind nicht einzuladen... Nach Möglichkeit sollten je Zirkel auch zwei Ärzte eingeladen werden, die GLUCOBAY regelmäßig einsetzen (GLUCOBAY-Freunde), nicht aber Ärzte, die GLUCOBAY emotional strikt ablehnen (GLUCOBAY- Feinde)."3

Es geht also nur um die Steigerung von Verordnungszahlen und den Einkauf von Verordnern in einem Umfeld, das vom Hersteller durch Auswahl von Referenten, Moderatoren und eingeladenen Ärzten gesteuert wird. Den Referenten zahlt Bayer zwischen 1.500 DM und 3.000 DM. Eingeladene Kollegen erhalten für zwei GLUCOBAY-Treffen und "mündlichen Bericht über mindestens fünf Therapiefälle" 700 DM "als Beratungshonorar". Die Pharmareferenten sollen danach am Ball bleiben und die guten Kontakte "zum Beispiel im Rahmen eines Stammtischs"3 pflegen. Der Erkenntnisgewinn für den Arzt spielt in dem Papier keine Rolle.

Dies gilt auch für eine Beobachtungsstudie, bei der "Erfahrungen zur Wirksamkeit und Verträglichkeit" von Parazetamol-Zäpfchen für Kinder gewonnen werden sollen.4 Welche neuen Erfahrungen zu einem seit über 40 Jahren verfügbaren Wirkprinzip könnten wohl 100 DM pro Patientenbogen wert sein?

Die Köderprämie für die Pseudo-Fortbildung hat verschiedene Namen: Für das Ramipril-"Konzeptboard" erhalten die Teilnehmer eine "Aufwandsentschädigung" von 400 DM,1 für zweistündige VENTOLAIR-Therapieforen2 und BEOFENAC- bzw. ROCORNAL-Workshops "mit Markt und Meinungsforschungscharakter"5,6 eine "Kostenpauschale" von 200 DM bzw. 250 DM sowie für ein zweistündiges Gruppengespräch über eine "Innovation in der Schmerztherapie" (Buprenorphin-Pflaster) "im Rahmen eines Abendessens" eine "kleine Aufwandsentschädigung von 300 DM".7

Aus der Flut solcher Einladungen in den letzten Wochen lässt sich folgern, dass die Erwartungen der Hersteller erfüllt werden. Schließlich kennen Pharmafirmen die Effekte auf die Verordnungsgewohnheiten sehr genau aus Verkaufsstatistiken und Markterhebungen (a-t 1999; Nr. 10: 109).

Die Auswertung von 29 Studien zum Einfluss von Geschenken, Essenseinladungen, gesponsorter Fortbildung u.a. bestätigt, dass solche "Anreize" das Verordnungsverhalten verändern: Neue Produkte ohne relevante Vorteile werden unkritisch bevorzugt und Generika zurückgedrängt.8 Das klappt so "subkutan", dass die Kollegen dies noch nicht einmal zu registrieren scheinen.9 Zumindest geben die meisten auf Befragen an, dass sie durch Zuwendungen nicht beeinflusst werden.8,9

Wenn jetzt Staatsanwaltschaften gegen Aventis und SmithKline Beecham wegen des Verdachts der Bestechung und Steuerhinterziehung ermitteln, weil bei der Markteinführung des Angiotensin-II-Antagonisten TEVETEN (Eprosartan) illegale Provisionen an Ärzte geflossen sein sollen, geht es nur um die Spitze des Eisberges. Das 1997 geschaffene Antikorruptionsgesetz bietet Juristen aber nur wenige Ansatzpunkte. Schwer verfolgbar, aber zutiefst fragwürdig, sind Wochenendeinladungen in Luxusunterkünfte, mit denen beispielsweise die Strathmann AG arbeitet (vgl. a-t 1998; Nr. 8: 69-70). Das so genannte wissenschaftliche Programm geht dabei zwischen Freizeitaktivitäten (Segeln, Vernissage u.a.) unter.10 Auch Annahme von Honoraren für den Besuch getarnter Marketingveranstaltungen zieht den Vorwurf nach sich, käuflich zu sein und die Unabhängigkeit aufzugeben.

Die weltweite Antikorruptionsgruppe Transparency International hat sich in diesem Jahr das deutsche Gesundheitswesen ausgewählt, um Transparenzmängel im "komplexen System Gesundheitswesen"als "Einfallstore zur Korruption" aufzuzeigen. Korruption zerstört die therapeutische Qualität - zum Schaden der Patienten.11 Offenlegung solcher Praktiken ist der erste Schritt, sie abzubauen. Ärztliche Selbstverwaltungsgremien und ihre Akademien dürfen Fortbildung nicht weitgehend Pharmaherstellern überlassen, die diese Aufgabe in ihrem Sinne wahrnehmen.

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