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ASS zur Prophylaxe des Kolonkarzinoms? Aufgrund von Tierversuchen und Beobachtungsstudien wird seit langem diskutiert, dass nichtsteroidale Antirheumatika, insbesondere Azetylsalizylsäure (ASS; ASPIRIN u.a.) möglicherweise vor Darmkrebs schützen. Jetzt erscheinen zwei randomisierte plazebokontrollierte Studien zu diesem Thema. An einer Studie haben 635 Patienten mit kurativ behandeltem kolorektalen Karzinom, an der anderen 1.121 Patienten mit Adenom in der Vorgeschichte teilgenommen. Alle Patienten müssen sich vor Aufnahme einer koloskopischen Untersuchung unterziehen, in der alle fassbaren Polypen entfernt werden. Geprüft wird der Effekt von ASS auf ein Kolonkarzinom-Surrogatkriterium: die Häufigkeit der durch Screening entdeckten neuen Adenome. Beiden Studien geht eine dreimonatige Verum-Run-in-Phase voraus, in deren Anschluss Patienten mit mäßiger Compliance und unerwünschten Wirkungen ausgeschlossen werden. In einer Studie kommt es in dieser Phase zu einem Todesfall und 73 Blutungs- oder anderen Komplikationen. Die Studie mit den Karzinompatienten wird nach 31 Monaten vorzeitig abgebrochen. Unter den bis zu diesem Zeitpunkt erneut koloskopisch untersuchten 517 Patienten werden in der Gruppe mit täglich 325 mg ASS bei 17% ein oder mehrere Adenome entdeckt, und damit deutlich weniger als in der Plazebogruppe (27%; p = 0,003; Number Needed to Treat [NNT] = 10). Dem widersprechen die Ergebnisse der zweiten Studie. Hier wurden zwei ASS-Dosierungen - täglich 81 mg oder 325 mg - geprüft. Ein signifikanter Unterschied zu Plazebo ergibt sich nach durchschnittlich 33 Monaten nur unter der niedrigeren ASS-Dosis (38,3% versus 47,1% Patienten mit Adenomen; NNT = 12), nicht dagegen unter täglich 325 mg ASS (45,1%). Eine befriedigende Erklärung dafür fehlt. Ein Einfluss auf fortgeschrittene Adenome lässt sich in der ersten Studie gar nicht, in der zweiten nur unter 81 mg ASS nachweisen. Schlaganfälle kommen in der zweiten Studie in den ASS-Gruppen tendenziell häufiger vor (SANDLER, R.S. et al.: N. Engl. J. Med. 2003; 348: 883-90; BARON, J.A. et al.: N. Engl. J. Med. 2003; 348: 891-9). Da angesichts der widersprüchlichen Ergebnisse ein ASS-Effekt auf die Entwicklung von Adenomen unklar bleibt, die Nutzen-Risiko-Bilanz hinsichtlich eines Kolonkarzinoms derzeit aber gar nicht abzuschätzen ist, kann aus diesen Daten keine Empfehlung zur Prophylaxe von Dickdarmkrebs mit ASS abgeleitet werden, -Red.

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