Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
Kein Abonnent? Das arznei-telegramm® finanziert sich ausschließlich über Abonnements.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2004; 35: 60nächster Artikel
Korrespondenz

BETABLOCKER BEI COPD ODER ASTHMA BRONCHIALE?

Ich würde mich dafür interessieren, inwieweit Betablocker bei COPD und Asthma bronchiale eine absolute Kontraindikation darstellen, z.B. bei Patienten nach Herzinfarkt oder mit Herzinsuffizienz.

K. SCHRÖDER (Ärztin)
D-36433 Bad Salzungen
Interessenkonflikt: keiner

Die Frage nach der Anwendbarkeit von Betarezeptorenblockern ist insbesondere bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) klinisch relevant: In einer Kohortenstudie beruhen ca. ein Drittel aller Todesfälle auf kardiovaskulären Erkrankungen.1 Betarezeptorenblocker senken die Mortalität nach Herzinfarkt und bei Herzinsuffizienz. Aus randomisierten Langzeitinterventionsstudien finden wir keine auswertbaren Daten zur Anwendung bei Asthma oder COPD, da obstruktive Lungenerkrankungen generell als Ausschlusskriterien gelten.

Der Einfluss von Betarezeptorenblockern auf die Lungenfunktion wird nur in Kurzzeitstudien gezielt untersucht. Zwei systematische Auswertungen dieser Arbeiten legen nahe, dass die Einnahme "kardioselektiver" Betablocker bei milder bis mäßig schwerer "reversibler Obstruktion" bzw. bei COPD keine klinische Verschlechterung der Lungensymptome verursacht. Die in die Metaanalysen eingeschlossenen Studien sind jedoch klein und auf maximal drei Monate angelegt.2,3 Die Sicherheit bei Dauerbehandlung ist daher nicht belegt.

Die spärlichen Langzeitdaten stammen aus Beobachtungsstudien: Die Autoren einer Kohortenstudie mit mehr als 200.000 Patienten untersuchen den Nutzen von Betablockern in verschiedenen Hoch- und Niedrig-Risiko-Populationen nach Herzinfarkt. Betablocker senken die Mortalität innerhalb von zwei Jahren sowohl bei Asthma- als auch bei COPD-Patienten (relatives Risiko [RR] in beiden Gruppen 0,6, 95% Vertrauensintervall [CI] 0,57-0,63). Das Ausmaß entspricht dem bei Patienten ohne Lungenerkrankung. Die Erhebung macht jedoch keine Aussage zum Schweregrad der Lungenerkrankung, zur Dosierung oder der Wirkstoffauswahl.4 Eine weitere amerikanische Kohortenstudie mit 55.000 Herzinfarkt-Patienten untersucht den Einfluss von Betablockern bei Patienten über 65 Jahren mit COPD oder Asthma. Die für andere Risiken adjustierten Daten zeigen einen grenzwertig signifikanten mortalitätssenkenden Effekt bei Patienten mit leichter Obstruktion, die nicht mit Betamimetika behandelt werden müssen (RR für 1-Jahres-Mortalität: 0,86 [95% CI 0,73-1,0], p = 0,048). Bei Patienten unter Therapie mit Betamimetika ist noch ein Trend nachweisbar, Patienten mit schwerer Obstruktion profitieren hingegen nicht. Allerdings wird nicht zwischen Asthma und COPD differenziert.5 Entsprechende Daten zur Anwendung bei Herzinsuffizienz finden wir nicht.

Die seit 1999 nicht mehr aktualisierten Leitlinien der "American Heart Association" zur Behandlung des Herzinfarktes nennen Asthma bronchiale und schwere COPD als Kontraindikationen gegen eine Betablocker-Therapie, weisen jedoch gleichzeitig darauf hin, dass im Einzelfall auch diese Patienten von einer Behandlung profitieren können.6 Andere Leitlinien gehen auf die Problematik gar nicht oder ungenügend ein.7,8

Trotz positiver Hinweise gilt größte Vorsicht, da Beobachtungsstudien wegen der Gefahr einer Verzerrung (Bias) zu Fehlschlüssen führen können, wie die Erfahrung mit der Hormontherapie im Klimakterium zeigt. Auch beta-1-selektive Betarezeptorenblocker können bei obstruktiven Lungenerkrankungen zu Atemnotanfällen führen, sogar bei Gebrauch als Augentropfen (a-t 2002; 33: 27- 30). Da bei COPD die reversible bronchiale Obstruktion oft geringer ausgeprägt ist als bei Asthma, kann die Verwendung beta-1-selektiver Wirkstoffe wie Metoprolol (BELOC u.a.) bei fehlendem Ansprechen auf Bronchodilatatoren und bei dringlicher Indikation, z.B. nach Herzinfarkt, erwogen werden. Der Gebrauch ist jedoch laut Zulassung bei "bronchialer Hyperreagibilität" kontraindiziert und die Unterscheidung zwischen Asthma und COPD in der Praxis nicht immer einfach. Daher muss bei Verordnung ausführlich aufgeklärt und überwacht werden.

 Die dürftige Datenlage lässt auf ein positives Nutzen-Risiko- Verhältnis einer Betablockerbehandlung bei Patienten mit milder bzw. mittelschwerer COPD schließen.

 Patienten mit Asthma bzw. deutlichem Ansprechen auf Bronchodilatatoren sind jedoch durch Betablocker-induzierte Obstruktion gefährdet.

© 2004 arznei-telegramm

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.