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Kurz wirksame Insulinanaloga: Was ist belegt? Sechs Jahre nach Einführung des ersten Kunstinsulins (HUMALOG; a-t 1996; Nr. 6: 57-8) ist in Deutschland bereits jedes zweite verordnete kurz wirksame Insulin ein Analog. Kunstinsuline sollen durch ihre vom Humaninsulin abweichende Kinetik Stoffwechseleinstellung, Therapiesicherheit und Lebensqualität verbessern. In einer systematischen Übersicht wird jetzt überprüft, ob die für kurz wirksame Insulinanaloga beanspruchten Vorteile durch randomisierte kontrollierte Studien belegt sind. Von den 42 ausgewerteten Studien mit einer Therapiedauer von mindestens vier Wochen, an denen knapp 6.000 Patienten mit Typ-1-Diabetes und knapp 2.000 mit Typ-2-Diabetes teilnehmen, sind 35 (83%) von schlechter methodischer Qualität. Nur drei sind verblindet. Bei Typ-1-Diabetes senken Kunstinsuline das HbA1C um durchschnittlich 0,1% stärker als Humaninsulin (95% Konfidenzintervall [CI] -0,2% bis -0,1% [gerundete Werte]). Ein statistisch signifikanter, klinisch aber ebenfalls irrelevanter Unterschied findet sich in der Subgruppe mit Insulinpumpe (-0,2%; 95% CI -0,3% bis -0,1%), nicht aber bei konventioneller intensivierter Insulintherapie (-0,1%; 95% CI -0,2% bis 0,0%). Bei Typ-2-Diabetes besteht gar keine Differenz in der Stoffwechseleinstellung (0,0%; 95% CI -0,1% bis +0,1%). Anders als in der Werbung behauptet, unterscheidet sich die Gesamtzahl der Hypoglykämien unter Kunstinsulinen nicht von denen unter Humaninsulin (Typ-1-Diabetes: -0,2/Patient/Monat; 95% CI -1,2 bis +0,9; Typ-2-Diabetes: -0,2; 95% CI -0,5 bis +0,1). Schwere Hypoglykämien scheinen unter Insulinanaloga seltener vorzukommen. Wegen inkonsistenter und Verzerrungs (Bias)-anfälliger Definitionen einer schweren Hypoglykämie sind diese Daten jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Dass die Frequenz schwerer Hypoglykämien gesenkt werden kann, ohne dass die Gesamtzahl zurückgeht, scheint zudem wenig plausibel. Eine valide Aussage zur Lebensqualität lässt sich aus den überwiegend offenen Studien nicht ableiten. Die größere Zufriedenheit mit den Analoga in offenen Studien wird anscheinend hauptsächlich durch das - in den Protokollen vorgeschriebene - komfortablere Therapieregime ohne Spritz-Ess-Abstand erzielt. Für Humaninsulin sehen die Studienprotokolle hingegen einen in der intensivierten Insulintherapie längst überholten fixen Spritz-Ess-Abstand von meist 30 Minuten vor. Die einzige doppelblinde Studie, die die Lebensqualität untersucht, findet keinen Vorteil für das Insulinanalog (SIEBENHOFER, A. et al.: Short acting insulin analogues versus regular human insulin in patients with diabetes mellitus [COCHRANE Review]. In: The COCHRANE Library, Issue 2, 2004. Chichester, UK: John Wiley & Sons, Ltd.; ati/d.). Im Gegensatz zum Humaninsulin gibt es für Insulinanaloga keine Studien, die einen Langzeitnutzen belegen. Sicherheitsbedenken wegen möglicher proliferativer Effekte und Kanzerogenität der Kunstinsuline sind dagegen nach wie vor nicht ausgeräumt (a-t 1999; Nr. 6: 66 und 2004; 35: 32-3). Außerhalb kontrollierter klinischer Studien lässt sich die Verwendung der unzureichend geprüften Produkte unseres Erachtens nicht begründen, -Red.

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