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Influenza: Senken Neuraminidasehemmer die Sterblichkeit? Im aktuellen Merkblatt für Ärzte zur Influenza, herausgegeben vom Robert Koch-Institut, wird behauptet, dass Neuraminidasehemmer "einen statistisch signifikanten Schutz vor Hospitalisierung und tödlichem Verlauf" gewähren (RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten - Merkblätter für Ärzte, Stand 24. Febr. 2006). Auf Nachfrage erhalten wir die Literatur, auf die sich das Institut dabei stützt: Die angebliche Senkung der Mortalität durch Oseltamivir (TAMIFLU) soll ein Leserbrief von Mitarbeitern des TAMIFLU-Herstellers Roche belegen, in dem zwei vergangenes Jahr auf einem Kongress vorgestellte epidemiologische Untersuchungen erwähnt werden, in denen sich ein verringertes Sterberisiko ergeben haben soll (SMITH, J.R., DUTKOWSKI, R.: BMJ 2005; 331: 1203). Das Abstract einer der beiden Erhebungen schickt das RKI als weiteren Nutzenbeleg mit. Roche selbst beurteilt diese Daten deutlich zurückhaltender: In einem Schreiben weist die Firma darauf hin, dass "die präsentierten (vorläufigen) Daten allenfalls Trends widerspiegeln" und es bislang keine "expliziten Outcome-Studien zur Senkung der Mortalität" gebe (Roche: Schreiben vom 18. April 2006). Auch für den behaupteten "Schutz vor Hospitalisierung" legt das RKI epidemiologische Daten vor. Die retrospektive Kohortenstudie, an der wiederum Mitarbeiter von Roche beteiligt sind, ist immerhin vollständig veröffentlicht (NORDSTROM, B.L. et al.: Curr. Med. Res. Opin. 2005; 21: 761-8). Retrospektive Studien können aber keinesfalls als Wirksamkeitsbeleg dienen, da sie besonders anfällig für Verzerrungen sind. In einer gepoolten Auswertung von zehn randomisierten, mehrheitlich nicht vollständig veröffentlichten Studien deutet sich zwar bei der Hospitalisierung ebenfalls ein Vorteil für Oseltamivir an. Das Ergebnis bleibt aber unter anderem auch deshalb ohne Aussagekraft, weil in der Plazebogruppe signifikant mehr Patienten höheren Alters und/oder mit zusätzlichen Risikofaktoren sind (Risikopatienten, 38% vs. 27%, p < 0,001; KAISER, L. et al.: Arch. Intern. Med. 2003; 163: 1667-72/ati d). Daten zu Zanamivir (RELENZA) legt das RKI nicht vor. Wir bleiben dabei: Für Neuraminidasehemmer ist weder ein Schutz vor Hospitalisierung noch ein Einfluss auf die Sterblichkeit hinreichend belegt (vgl. a-t 2005; 36: 62-3). Zudem sollte die einer Publikation zu Grunde liegende Literatur generell aufgeführt werden und nicht nur auf Anfrage, -Red.



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