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Im Blickpunkt

SYSTEMATISCHE ÜBERSICHTEN:
DER WEISHEIT LETZTER SCHLUSS?

Die Flut wissenschaftlicher Veröffentlichungen mit teilweise widersprüchlichen Resultaten und Empfehlungen (vgl. Neuroleptika-Paradoxon, a-t 2006; 37: 92) erschwert oftmals konkrete Therapieentscheidungen, statt sie zu erleichtern. Mehr als 220.000 randomisierte kontrollierte Studien (RCT) finden sich in der medizinischen Datenbank Medline, allein für die letzten zwölf Monate sind dort mehr als 10.000 RCT gelistet - und längst nicht alle Studien tauchen dort auf.1

Systematische Übersichten mit metaanalytischen Auswertungen könnten bei uneindeutigen Studienergebnissen mehr Klarheit schaffen. Die hohen methodischen Anforderungen an solche Übersichten werden jedoch oft nicht erfüllt. Systematische Reviews der Cochrane Collaboration, einem internationalen Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, gelten als sorgfältig und gewissermaßen als "Goldstandard".

Dieser Anspruch wird in einer aktuellen Untersuchung von Mitarbeitern des dänischen Cochrane-Zentrums überprüft.2 Sie bewerten 24 Cochrane Reviews zu direkten Medikamentenvergleichen, denen sich jeweils eine andere systematische Übersicht mit identischer Fragestellung und ähnlichem Publikationszeitpunkt zum Vergleich zuordnen ließ. Geprüft werden Qualitätsunterschiede anhand eines validierten Fragenkatalogs.3 Im direkten Vergleich zu Übersichtsarbeiten mit deklarierter oder unklarer Industriebeteiligung weisen jene der Cochrane- Arbeitsgruppen eine deutlich bessere Qualität auf. Vollständige Literatursuche, Einschluss aller relevanten Studien und deren Qualitätsbewertung sind häufiger gewährleistet. Die Qualitätsunterschiede wirken sich vor allem in der Diskussion und den Empfehlungen aus, wo methodische Mängel, aber auch Kostenaspekte häufiger Berücksichtigung finden. Die errechneten Effekte sind hingegen vergleichbar. Die neue Erhebung kommt zu ähnlichen Schlüssen wie frühere, weniger systematisch durchgeführte Vergleiche.4-6 Firmengestützten Übersichten ist also mit großer Skepsis zu begegnen, insbesondere den in den Zusammenfassungen herausgestellten Ergebnissen und den in der Diskussion empfohlenen Konsequenzen. Gleiches gilt, wenn potenzielle Interessenkonflikte gar nicht erst thematisiert werden - oft werden sie einfach verschwiegen. Scheinbare Level-Ia-Evidenz wird so zu fragwürdiger Werbepostille.

Dass man industriegesponserten Metaanalysen nicht trauen darf, überrascht wenig. Aber auch Cochrane Reviews müssen mit kritischer Distanz gelesen werden, wie die Autoren betonen. Unrühmliche Beispiele untermauern dies: Ein Review zu Eletriptan (RELPAX; a-t 2002; 33: 26)wurde vom Hersteller finanziert, erhebliche Interessenkonflikte des Autors einer ebenfalls tendenziösen Übersicht zu Glukosamin (DONA 200S; a-t 2003; 34: 60) wurden zunächst verschwiegen.

Nach einer systematischen Auswertung berücksichtigt zudem nur die Hälfte der Cochrane-Reviews die dokumentierten Qualitätsmängel in ihren Analysen.7 Reviews, die auf methodisch mangelhaften Studien basieren, können jedoch auch bei ansonsten tadelloser Methodik nur zu verzerrten, falschen Einschätzungen führen ("garbage in, garbage out"*) - das gilt auch für Cochrane-Übersichten.

*  garbage in - garbage out = Müll rein - Müll raus

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