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Erlotinib (TARCEVA) bei Pankreaskarzinom?

Vor gut zwei Jahren kam Erlotinib (TARCEVA) zur Behandlung von Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom auf den Markt, bei denen mindestens eine vorausgegangene Chemotherapie versagt hat. Seit einem Jahr ist der Tyrosinkinasehemmer in Kombination mit Gemcitabin (GEMZAR) auch für Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom zugelassen. Noch im Sommer 2006 hatte der Arzneispezialitätenausschuss (CHMP) der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA eine Erweiterung der Indikation auf Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs wegen negativer Nutzen-Schaden-Bilanz abgelehnt: In der einzigen zu dieser Indikation vorgelegten Phase-III-Studie mit insgesamt 596 Patienten verlängert der Zusatz von Erlotinib zu Gemcitabin das Gesamtüberleben (primärer Endpunkt) gegenüber Plazebo im Median - statistisch signifikant - um etwa zwölf Tage (6,34 versus 5,93 Monate). Beim progressionsfreien Überleben, einem der sekundären Endpunkte, beträgt die Differenz ungefähr sechs Tage (3,75 vs. 3,55 Monate). Ein positiver Einfluss auf die Lebensqualität lässt sich nicht nachweisen. Im Gegenteil: Unter Erlotinib klagen signifikant mehr Patienten über Durchfall. Als schwerwiegend eingestufte unerwünschte Wirkungen kommen unter dem Tyrosinkinasehemmer häufiger vor (51% vs. 39%) Der Tod von fünf Patienten (2%), alle im Erlotinib-Arm, wird auf die Toxizität des Behandlungsregimes zurückgeführt (EMEA: Europ. Beurteilungsbericht [EPAR] TARCEVA, Stand Okt. 2007; zu finden unter: http://www.emea.europa.eu/htms/human/epar/t.htm). Wenige Monate später empfiehlt der CHMP dann doch eine Erweiterung der Zulassung, allerdings nur für Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom. Neue Daten gibt es jedoch nicht - der Sinneswandel wird mit einer nachträglichen Subgruppenanalyse und dem Rat führender europäischer Krebsspezialisten begründet (EMEA: Questions and answers on the change to the marketing authorisation for TARCEVA vom 14. Dez. 2006). Ob diese alle frei und unabhängig geurteilt haben, steht jedoch infrage: Einer der vier Experten gibt gegenüber der europäischen Behörde an, Vortragshonorare vom Erlotinib-Anbieter Roche erhalten zu haben. Ein weiterer, der in einer im Juni 2006 unterzeichneten Deklaration der Interessenkonflikte keine Verbindungen zu Roche angeführt hatte, erklärt in einer im November 2006 eingereichten und im Mai 2007 publizierten Arbeit, für die Firma als Berater tätig zu sein und Gelder sowohl von Roche als auch von deren Tochterfirma Genentech erhalten zu haben (EMEA: Schreiben vom 29. Juni 2007; SANOFF, H.K. et al.: J. Clin. Oncol. 2007; 25: 1891-7). Der CHMP schließlich befürwortet die Zulassungserweiterung von Erlotinib, obwohl die Experten die Validität der Studie, die klinische Bedeutung des Ergebnisses und die beobachtete Toxizität des Tyrosinkinasehemmers sehr unterschiedlich einschätzen. Wir raten von der Anwendung von Erlotinib bei Pankreaskarzinom ab, -Red.

© 2008 arznei-telegramm, publiziert am 15. Februar 2008

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