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AUS FÜR GLITAZON-ANTIDIABETIKUM PIOGLITAZON (ACTOS U.A.)

Die französische Arzneimittelbehörde AFSSAPS stoppt die Verwendung des Glitazonantidiabetikums Pioglitazon (ACTOS, in COMPETACT, TANDEMACT) wegen einer aktuellen Untersuchung zum dosisabhängigen Risiko von Harnblasenkarzinomen (1). Eine große retrospektive französische Kohortenstudie mit Daten der nationalen Krankenversicherung bestätigt erneut Risikosignale für Harnblasenkarzinome in Verbindung mit Pioglitazon aus Tierversuchen, der PROactive*-Studie (a-t 2005; 36: 95-6) und der Zwischenauswertung einer auf zehn Jahre angelegten Beobachtungsstudie, über die die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA im vergangenen Jahr informiert hat (a-t 2010; 41: 108). Die amerikanischen Daten lassen ein numerisch erhöhtes Risiko erkennen (Hazard Ratio [HR] 1,2; 95% Konfidenzintervall [CI] 0,9-1,5), das mit steigender Dosis und Anwendungsdauer zuzunehmen scheint.

Auch die aktuellen Daten aus Frankreich deuten ein gleichartiges mäßiges Risiko an: Die Kohorte schließt knapp 1,5 Millionen Patienten mit Diabetes mellitus ein, von denen 155.000 Pioglitazon eingenommen haben. Nach den für den Vierjahreszeitraum von 2006 bis 2009 erfassten Daten ist das Risiko von Harnblasenkarzinomen unter Einnahme von Pioglitazon-Präparaten signifikant erhöht (adjustierte HR 1,22; 95% CI 1,05-1,43). Der Verdacht auf einen kausalen Zusammenhang wird durch die Dosisabhängigkeit des Effekts erhärtet: Das Risiko steigt bei einer kumulativen Dosis von mindestens 28.000 mg** (adjustierte HR 1,75; 95% CI 1,22-2,50), bzw. bei Einnahmedauer von mindestens zwei Jahren (adjustierte HR 1,36; 95% CI 1,04-1,79) (2). Für andere Krebsarten (Lunge, HNO, kolorektal, Brust der Frau und Nieren) findet sich kein erhöhtes Risiko.

Die französische Arzneimittelbehörde betont, dass Patienten die Einnahme von Pioglitazon-Arzneimitteln nicht von sich aus abbrechen, sondern mit ihrem Arzt die weitere Therapie besprechen sollen. Ärzte sollen keine weiteren Pioglitazon-Rezepte ausstellen (1).

Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rät inzwischen ebenfalls von der weiteren Verwendung von Pioglitazon ab (3). In Deutschland ist Pioglitazon seit April 2011 ohnehin nicht mehr zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig. Der G-BA sieht das Glitazon als unzweckmäßig an, da ein Zusatznutzen im Hinblick auf makro- und mikrovaskuläre Folgeerkrankungen des Diabetes nicht hinreichend belegt ist (a-t 2010; 41: 129). Ein Rote-Hand-Brief soll demnächst über den Stand der Kenntnis informieren.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat erst im März 2011 eine Neubewertung von Pioglitazon-haltigen Arzneimitteln begonnen, um sämtliche Risikosignale aufzuarbeiten. Bevor das Verfahren nicht abgeschlossen ist, sieht die europäische Behörde im Gegensatz zur französischen und deutschen keine Notwendigkeit, die Anwendung von Pioglitazon zu unterbinden (4).

Wegen fehlender Nutzenbelege und des erhöhten Herzinsuffizienz- und Frakturrisikos haben wir wiederholt von der Anwendung von Pioglitazon abgeraten (s. auch a-t 2008; 39: 115 und 2010; 41: 77-8). Im vergangenen Jahr, wurden hierzulande über öffentliche Apotheken noch über 600.000 Packungen Pioglitazon-haltiger Arzneimittel verkauft.

   1AFSSAPS: Suspension de l'utilisation des médicaments contenant de la pioglitazone (ACTOS, COMPETACT), Pressemitteilung vom 9. Juni 2011 http://www.afssaps.fr/content/download/34031/445665/version/1/file/cp-110609-Pioglitazone.pdf
   2Caisse nationale de l'assurance maladie: Risque de cancer de la vessie chez les personnes diabétiques traitées par pioglitazone en France: une étude de cohorte sur les données du SNIIRAM et du PMSI, 7. Juni 2011 http://www.afssaps.fr/var/afssaps_site/storage/original/application/b42a6bf9a1b63c3dbec7388d3914687b.pdf
   3BfArM: Auskunft der Pressestelle vom 10. Juni 2011
   4EMA: Update on ongoing European review of pioglitazone-containing medicines, Pressemitteilung vom 9. Juni 2011
http://www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/news_and_events/news/2011/06/news_detail_ 001275.jsp&mid=WC0b01ac058004d5c1&murl=menus/news_and_events/news_and_events.jsp
   *PROactive = PROspective pioglitAzone Clinical Trial In macroVascular Events
   **Bei einer angenommenen mittleren Tagesdosis von 30 mg entsprechen 28.000 mg einer Behandlungsdauer von gut 2,5 Jahren.

© Redaktion arznei-telegramm, blitz-a-t 10. Juni 2011

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