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Korrespondenz

FERTIGSPRITZEN OHNE INTEGRIERTEN NADELSCHUTZ OBSOLET?

Nach Vorschrift der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) dürfen Mitarbeiter in Arztpraxen ausschließlich Injektionen mit stichsicheren Instrumenten durchführen (dies betrifft nicht die Inhaber). Damit sind letztlich alle Fertigspritzen ohne integrierten Nadelschutz obsolet. Ich möchte auf die haftungsrechtlichen Fragen bei Nadelstichverletzungen durch „alte” Nadeln hinweisen, die vielen Kollegen noch nicht präsent sein dürften…

Dr. med. M. FAULSTICH (Facharzt für Allgemeinmedizin)
D-60437 Frankfurt am Main
Interessenkonflikt: keiner

Ungesicherte Kanülen und Fertigarzneimittel sind aus Arbeitsschutzsicht durch sichere zu ersetzen, die die Gefahr von Stichverletzungen verringern – es sei denn, eine Gefährdungsbeurteilung* ergibt Gegenteiliges. Dies teilt die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) auf Anfrage mit und bezieht sich auf die Novelle der „Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe 250” (TRBA 250). Arbeitgeber sind von dieser Regelung ausgenommen. Wichtig ist jedoch: Der Versicherungsschutz durch die BGW bleibt im Schadensfall auch bei Verwendung herkömmlicher Produkte erhalten. Ein Versicherungsfall, der „eine Zahlung von mindestens 150 € und eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen auslöst”, führt für den Arbeitgeber zu einer einmaligen Zuschlagszahlung von 75 €, bei fälliger Rentenzahlung zu einem zweiten einmaligen Zuschlag abhängig vom Versicherungsfall.1 Beide Zuschläge dürfen maximal 50% des eigentlichen BGW-Beitrags ausmachen.2 Unabhängig davon kann die BGW bei vorsätzlichem oder grob fahrlässigem Verhalten des Arbeitgebers Regressforderungen geltend machen. Für eine rechtliche Absicherung wird die erwähnte Gefährdungsbeurteilung empfohlen.3

Produkte zum Schutz vor Kanülenstichen werden in der Liste sicherer Produkte genannt,4 allerdings nur wenige Fertigarzneimittel, darunter Impfstoffe (AFLURIA, INTANZA), Immunglobuline (BERIGLOBIN, BERIRAB, HEPATITIS-B-IMMUNGLOBULIN BEHRING, TETAGAM) und fraktionierte Heparine (CLEXANE, FRAGMIN, INNOHEP). Schon allein wegen dieser geringen Zahl können nicht alle Präparate ohne Nadelschutz als obsolet bezeichnet werden.

Dass Produkte mit Nadelschutz nicht zwangsweise teurer sein müssen als andere, zeigt unsere aktuelle Grippeimpfstoff-Übersicht (a-t 2011; 42: 71), –Red.

1 BGW: Schreiben vom 15. Juli 2011
2 BGW: Schreiben vom 22. Juli 2011t
3 BGW: Schreiben vom 19. Aug. 2011
4 BGW: Liste sicherer Produkte – Schutz vor Schnitt- und Stichverletzungen, Stand Jan. 2011
5 BGW: Gefährdungsbeurteilung in der Arztpraxis, Stand Sept. 2010

* In die Gefährdungsbeurteilung fließen beispielsweise folgende Fragen ein: Wie wahrscheinlich ist ein Unfall und wie gravierend wären die Folgen?5 So kann zum Beispiel das Infektionsrisiko beim Injizieren in Zuspritzmöglichkeiten von Infusionssystemen oder bei Selbstanwendung des Patienten vernachlässigbar sein.1,3 Eindeutige Normen für eine Gefährdungsbeurteilung sind jedoch nicht vorhanden.

© 2011 arznei-telegramm, publiziert am 16. September 2011

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