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Korrespondenz

EIGENBLUTREZEPTUR ORTHOKIN: WAS GIBT ES NEUES?

Die Patientenberatung der Ärztekammer Hamburg und der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg wird immer mal wieder nach Ärzten gefragt, die Eigenblutbehandlung mit ORTHOKIN anbieten. Haben sich seit Ihrem letzten Beitrag in a-t 2005; 36: 89-90 neue Erkenntnisse ergeben?

Dipl. Psych. A. KRÖNING-HAMMER (Ärztin, Patientenberatung)
D-22083 Hamburg
Interessenkonflikt:keiner

Die Eigenblutrezeptur ORTHOKIN wird zur Behandlung von Arthrose und Rückenschmerzen propagiert.1 Inkubation des Blutes in Spezialspritzen mit oberflächenbehandelten Glaskugeln soll Blutzellen zur Synthese antientzündlicher Zytokine wie Interleukin-1-Rezeptorantagonist (IL-1Ra) anregen, ohne angeblich die Konzentration entzündungsfördernder Botenstoffe wie Tumornekrosefaktor alfa (TNF α) zu erhöhen. Das auf diese Weise angereicherte Serum wird den Patienten gespritzt, zum Beispiel in ein arthrotisches Gelenk.2,3 Aussagekräftige wissenschaftliche Daten, was das so entwickelte Produkt tatsächlich enthält, hat die Anbieterfirma Orthogen unseres Wissens nach wie vor nicht publiziert. Nach einer kleinen, unabhängig vom Anbieter durchgeführten niederländischen Studie mit 22 Arthrosepatienten nehmen in dem nach Orthogen-Anleitung aufbereiteten Serum sowohl antientzündliche Zytokine wie IL-1Ra als auch entzündungsfördernde wie TNF α signifikant zu.4

Drei randomisierte klinische Studien zu ORTHOKIN bei Arthrose bzw. Nervenwurzelkompressionssyndrom sind inzwischen publiziert worden. 2009 wurde eine bereits 2005 abgeschlossene herstellernah durchgeführte Studie bei Kniearthrose veröffentlicht. Danach soll intraartikulär injiziertes ORTHOKIN in 26 Wochen in allen Messparametern zu allen Zeitpunkten einen signifikanten Vorteil (alle p-Werte <0,001) gegenüber intraartikulärer Hyaluronsäure (HYA-JECT u.a.) oder Kochsalzlösung erzielt haben.5 Wegen erheblicher Studienmängel bleibt diese Studie unseres Erachtens aber ohne Aussagekraft. Die Patienten der ORTHOKIN-Gruppe erhalten insgesamt sechs Injektionen, die der Kontrollgruppen jeweils nur drei. Invasive Maßnahmen wie intraartikuläre Injektionen haben jedoch bei Arthrose einen deutlichen Plazeboeffekt.6 Ein offensichtlicher Fehler bei der Randomisierung, der zu einer geringeren Patientenzahl in der Kochsalzgruppe geführt hat, wird im Diskussionsteil nur undeutlich umschrieben, sodass der Leser im Unklaren darüber bleibt, was hier genau geschehen ist. Zudem enthält die Arbeit weitere Ungereimtheiten über die Gesamtzahl der Patienten, die randomisiert wurden.* Trotz ihrer engen Verflechtungen mit der Firma Orthogen geben Erst- und Zweitautor der Studie keine Interessenkonflikte an. Zweitautor MOSER war zumindest 2005 Mitarbeiter bei Orthogen.7 Die Mitarbeit in der Firma fällt somit in die Zeit der zweijährigen Extensionsphase der Studie, über die in der Publikation auch berichtet wird. Erstautor BALTZER führte jahrelang eine Gemeinschaftspraxis mit dem Gründer von Orthogen.8

In einer zweiten, bereits 2008 publizierten niederländischen Einjahres-Studie, an der 182 Patienten mit Kniearthrose teilnehmen, allerdings 29 (16%) nach Randomisierung herausfallen oder ausgeschlossen werden, hat intraartikuläres ORTHOKIN keinen Vorteil gegenüber Kochsalz – jeweils sechs Injektionen – im Hinblick auf den primären Endpunkt, eine 30%ige Verbesserung des WOMAC**-Scores (16,8% versus 16,5%).9 Zehn (13%) der Patienten unter ORTHOKIN entwickeln eine Schwellung oder Synovitis (Plazebo 4%), zwei (3%) eine schwerwiegende septische bzw. aseptische Arthritis (Plazebo: keiner). Das rekombinante IL-1Ra-Präparat Anakinra (KINERET, a-t 2002; 33: 49-50) lindert übrigens als (nicht zugelassene) intraartikuläre Injektion in einer randomisierten Studie mit 170 Patienten Symptome bei Kniearthrose ebenfalls nicht besser als Plazebo.10

In einer dritten Studie zu ORTHOKIN bei lumbalem Nervenwurzelkompressionssyndrom mit 84 Patienten lässt sich ein Vorteil der epidural injizierten Eigenblutrezeptur gegenüber epidural injiziertem Triamcinolon nicht sichern.11 Für die geringen Dosierungen von Triamcinolon (5 mg bzw. 10 mg), wie sie in dieser Studie verwendet werden, existieren keine hinreichenden Nutzenbelege, sodass unklar bleibt, ob das Kortikoid mehr bringt als Plazebo.12

Die Kommission Pharmakotherapie der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie hat sich wiederholt gegen die Verwendung von ORTHOKIN ausgesprochen.13,14 Orthogen hat die Fachgesellschaft nach der aktualisierten Stellungnahme verklagt, die Klage wurde aber inzwischen in zwei Instanzen abgewiesen.

Patienten, die mit Werbesprüchen wie „körpereigen”, „absolut natürlich” und „sanft” geködert werden,16 müssen zudem wissen, dass ORTHOKIN als Individualrezeptur keiner behördlichen Prüfung auf Wirksamkeit und Sicherheit unterliegt. Wir sehen hier eine Rechtslücke im Arzneimittelgesetz, durch die zweifelhafte Produkte wie ORTHOKIN legal vermarktet werden können – für 1.300 € bis 1.500 € pro Behandlungsserie mit intraartikulären Spritzen bei Kniearthrose.17

∎  Wir raten angesichts der völlig unzureichenden Daten zur Zusammensetzung sowie zu Nutzen und Sicherheit dringend von ORTHOKIN ab.

  (R =randomisierte Studie, M = Metaanalyse)
1 http://www.orthokin.de
2 MEIJER, H. et al.: Inflamm. Res. 2003; 52: 404-7
3 WEHLING, P. et al.: Biodrugs 2007; 21: 323-32
4 RUTGERS, M. et al.: Arthritis Res. Ther. 2010; 12: R114
R    5 BALTZER, A.W.A. et al.: Osteoarthritis Cartilage 2009; 17: 152-60
M    6 ZHANG, W. et al.: Ann. Rheum. Dis. 2008; 67: 1716-23
7 BALTZER, A.: Schreiben vom 26. Aug. 2005
8 HEYLL, U.: Versicherungsmedizin 2009; 61: 136-7
R    9 YANG, K.G.A. et al.: Osteoarthritis Cartilage 2008; 16: 498-505
R  10 CHEVALIER, X. et al.: Arthritis Rheum. 2009; 61: 344-52
R  11 BECKER, C. et al.: Spine 2007; 32: 1803-8
12 BIRKENMAIER, C. et al.: Spine 2008; 33: 576
13 BURMESTER, G.R. et al.: Z. Rheumatol. 2007; 66: 83-4
14 REHART, S. et al.: Z. Rheumatol. 2009; online publ. am 25. Okt. 2009
15 MOSER, C. et al.: Kongressposter, Jahrestagung der Vereinigung Norddeutscher Orthopäden (NOV), Juni 2005 http://www.orthokin.de/cms/upload/downloads/posternov_gelenk.pdf
16 Praxis WEHLING-HARTMANN, Düsseldorf, Patienteninformation http://www.wehling-hartmann.de/patienteninfo/therapeutische-verfahren/orthokin-therapie/
17 Praxis WEHLING-HARTMANN, Düsseldorf: telef. Auskunft 26. Apr. 2012

* Nach dem Flussdiagramm wurden 464 Patienten gescreent und 65 davon ausgeschlossen, weil sie die Einschlusskriterien nicht erfüllt oder keine Zustimmung gegeben haben. Es sollten also 399 Patienten randomisiert worden sein. So viele waren es auch laut einem Kongressbericht von 2005, der nach wie vor auf der Internetseite des Herstellers ausgestellt wird.15 Laut Flussdiagramm in der Publikation von 2009 wurden aber 399 Knie von 378 Patienten randomisiert. 21 dieser Patienten sollen bilateral behandelt, aber nur mit einem Knie ausgewertet worden sein. Nur: 21 Patienten fehlen in dieser Rechnung.
** WOMAC = Western Ontario and MacMaster Universities Osteoarthritis Index, Fragebogen zu Schmerzen, Funktion und Steifigkeit bei Arthrose

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 7. Mai 2012

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