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COVID-19 – Beobachtungsstudien sprechen gegen angebliche Gefährdung durch ACE-Hemmer und Sartane

Vor einigen Wochen haben Hypothesen, nach denen ACE-Hemmer und AT-II-Blocker das Risiko einer Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 erhöhen und den Verlauf der Erkrankung verschlechtern könnten, für erhebliche Verunsicherung bei Ärzten und Patienten gesorgt. Angesichts des Fehlens einer stichhaltigen wissenschaftlichen Basis – bereits die Daten für diese Hypothese sind widersprüchlich und klinische Untersuchungen lagen zu diesem Zeitpunkt nicht vor – haben wir, ebenso wie viele Fachgesellschaften, dringend von einer Umstellung auf andere Antihypertensiva abgeraten (a-t 2020; 51: 17-8). Jetzt werden mehrere größere Beobachtungsstudien zum Thema veröffentlicht, die gegen eine Gefährdung durch ACE-Hemmer und Sartane sprechen: Drei Arbeiten, eine Fallkontrollstudie1 aus Norditalien und zwei Kohortenstudien2,3 aus verschiedenen Regionen der USA, prüfen den Einfluss der Mittel auf das Risiko einer Infektion bzw. die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests und finden keinen Zusammenhang (siehe Tabelle).

In zwei dieser Untersuchungen1,2 sowie zwei weiteren Arbeiten – einer Kohortenstudie4, die Daten aus Krankenhäusern in Europa, Asien und den USA auswertet, und einer Fallkontrollstudie5 aus Spanien – lässt sich zudem kein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 (Definitionen umfassen Krankenhausaufnahme, Behandlung auf Intensivstation, Beatmung und/ oder Tod) nachweisen. Zu diesem Ergebnis kommen auch zwei chinesische Studien6,7 sowie eine bislang nur auf einem Preprint-Server publizierte Arbeit8 aus London, die allerdings alle kleinere Patientenzahlen analysieren.* Lediglich in einer der beiden US-amerikanischen Studien3 werden Hinweise auf ungünstige Effekte der Antihypertensiva errechnet, jedoch ebenfalls auf Basis vergleichsweise weniger Ereignisse: Patienten, die ACE-Hemmer oder AT-II-Antagonisten einnehmen, haben demnach gegenüber Nichtanwendern ein höheres Risiko, ins Krankenhaus eingewiesen zu werden (421 Ereignisse; adjustierte Odds Ratio [OR]1,84; 95% Konfidenzintervall [CI] 1,22-2,79 bzw. OR 1,61; 95% CI 1,04-2,50). Unter ACE-Hemmern könnte zudem die Wahrscheinlichkeit einer intensivmedizinischen Behandlung steigen (161 Ereignisse; OR 1,77; 95% CI 1,07-2,92). Diese Daten sollten allerdings nach Einschätzung der Studienautoren3 und des begleitenden Editorials9 aufgrund der geringen Fallzahlen und der vielfältigen Verzerrungsmöglichkeiten mit Vorsicht interpretiert werden. Angesichts der Ergebnisse der anderen Studien, die – mit unterschiedlichen Methoden und in verschiedenen Populationen – übereinstimmend keinerlei Hinweise auf einen ungünstigen Krankheitsverlauf unter ACE-Hemmern und Sartanen finden, sehen wir für die Hypothese eines schädlichen Effekts der Mittel bei COVID-19 weiterhin keine Belege, –Red.

*Zur Londoner Studie8 wurde inzwischen eine aktualisierte Version mit deutlich mehr Patienten publiziert, aus der sich weiterhin keine Risikoerhöhung unter ACE-Hemmern oder Sartanen ergibt. Da der primäre Endpunkt aber kommentarlos geändert wurde (Intensivstation oder Tod innerhalb von 21 Tagen nach Symptombeginn statt zuvor innerhalb von 7 Tagen), gehen wir auf diese Preprint-Veröffentlichung nicht weiter ein, – Red.
1MANCIA, G. et al.: N. Engl. J. Med., online publ. am 1. Mai 2020 (10 Seiten); https://doi.org/10.1056/NEJMoa2006923
2REYNOLDS, H.R. et al.: N. Engl. J. Med., online publ. am 1. Mai 2020 (8 Seiten); https://doi.org/10.1056/NEJMoa2008975
3MEHTA, N. et al.: JAMA Cardiol., online publ. am 5. Mai 2020 (7 Seiten); https://doi.org/10.1001/jamacardio.2020.1855
4MEHRA, M.R. et al.: N. Engl. J. Med., online publ. am 1. Mai 2020 (8 Seiten); https://doi.org/10.1056/NEJMoa2007621
5De ABAJO, F.J. et al.: Lancet, online publ. am 14. Mai 2020 (10 Seiten); https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)31030-8
6ZHANG, P. et al.: Circ. Res., online publ. am 17. Apr. 2020 (31 Seiten); https://doi.org/10.1161/CIRCRESAHA.120.317134
7LI, J. et al.: JAMA Cardiol., online publ. am 23. Apr. 2020 (6 Seiten); https://doi.org/10.1001/jamacardio.2020.1624
8BEAN, D.M. et al.: medRxiv preprint, online publ. am 11. Apr. 2020, Stand 12. Mai 2020; https://doi.org/10.1101/2020.04.07.20056788
9THOMAS, L.E. et al.: JAMA Cardiol., online publ. am 5. Mai 2020 (3 Seiten); https://doi.org/10.1001/jamacardio.2020.1874

© 2020 arznei-telegramm, publiziert am 22. Mai 2020

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