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Nebenwirkungen

BEDROHLICHE INTERAKTIONEN MIT CHITOSAN (FORMOLINE L112 U.A.)

Das als Schlankheitsmittel beworbene Medizinprodukt Chitosan (FORMOLINE L112 u.a.), auch als Poliglusam bezeichnet, ist ein Polymer, das Nahrungsfette im Verdauungstrakt binden und deren Absorption reduzieren soll. Interaktionen mit lipophilen Arzneimitteln sind daher zu erwarten, jedoch unzureichend untersucht.

Italienische Ärzte berichten aktuell über zwei 29 bzw. 35 Jahre alte Frauen mit Epilepsie, die seit mehreren Jahren unter Valproinsäure (ORFIRIL, Generika) bzw. Valproinsäure plus Phenobarbital (LUMINAL u.a.) anfallsfrei sind.1 Sie beginnen mit der Einnahme von Chitosan, um ihr Körpergewicht zu senken. Gewichtszunahme ist als sehr häufige Folge der Einnahme von Valproinsäure bekannt.2 Innerhalb weniger Tage nach Einnahme von täglich 1 g bzw. 0,5 g Chitosan treten epileptische Anfälle auf, bei einer Anwenderin auch nach Reexposition.1 Obwohl beide Valproinsäure vorschriftsmäßig einnehmen, ist diese im Blut nicht nachweisbar. Die Autoren vermuten, dass das lipophile Antiepileptikum an Chitosan gebunden oder dass der enterohepatische Kreislauf von Valproinsäure über eine Beeinflussung der Darmflora durch das Polymer gestört wird.1 Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte liegt darüber hinaus eine Verdachtsmeldung aus Japan zu einer 19-jährigen Frau vor, in der die gleiche Interaktion mitgeteilt wird.3

In den Gebrauchsinformationen von Chitosan (z.B. von FORMOLINE L112) wird darauf hingewiesen, dass das Polymer die Aufnahme fettlöslicher Wirkstoffe vermindern kann. Arzneimittel und fettlösliche Vitamine sollen deshalb mindestens vier Stunden vor oder nach Chitosan eingenommen werden.4 Diese Vorsichtsmaßnahme scheint jedoch nicht auszureichen. Zumindest für eine der Frauen wird bestätigt, dass sie dieses Intervall eingehalten hat.5

In einem weiteren Bericht über einen 83-jährigen Mann mit zuvor konstanter INR von 2,0 bis 3,0 unter täglich 2,5 mg Warfarin (COUMADIN) steigt diese unter Einnahme von zweimal täglich 1,2 g Chitosan auf über 9, reproduzierbar nach erneuter Einnahme. Die Autoren halten eine Interaktion aufgrund einer Chitosan-bedingten verminderten Aufnahme des fettlöslichen Vitamin K für wahrscheinlich.6

Die Einstufung als Medizinprodukt (a-t 2002; 33: 3-4) und der Vertrieb auch in Nahrungsergänzungsmitteln können dazu beitragen, dass Patienten keine Wechselwirkungen vermuten und die Verwendung von Chitosan ihren Ärzten nicht berichten. Der Nutzen des Mittels ist unzureichend belegt: In einer Metaanalyse 15 randomisierter Studien mit 1.219 adipösen oder übergewichtigen Teilnehmern, die vier bis maximal 24 Wochen lang Chitosan oder Plazebo einnehmen, wird nur ein geringer Effekt von Chitosan auf das Gewicht (-1,7 kg; 95% Konfidenzintervall [CI] -2,1 kg bis -1,3 kg) errechnet. Bei Beschränkung auf qualitativ höherwertige und größere Studien sowie auf solche mit längerer Therapiedauer ist der Effekt noch kleiner (im Mittel -0,55 kg bis -0,81 kg).7

∎  Das als Schlankheitsmittel angebotene Chitosan (FORMOLINE L112 u.a.) kann die Absorption lipophiler Substanzen behindern.

∎  Bei Kombination mit Valproinsäure (ERGENYL, Generika) oder Warfarin (COUMADIN) sind Wirkverlust mit epileptischen Anfällen bzw. Zunahme der Blutungsneigung beschrieben.

∎  Das Gewicht wird mit Chitosan nicht relevant reduziert.

  (M = Metaanalyse)
 1STRIANO, P. et al.: BMJ 2009; 339: b3751
 2Lundbeck GmbH: Fachinformation CONVULEX Kapseln bzw. Tropfen, Stand Aug. 2009
 3BfArM: Schreiben vom 21. Dez. 2009 und 5. Jan. 2010
 4Biomedica Pharma-Produkte GmbH: Gebrauchsinformation FORMOLINE L112, Stand Nov. 2008
 5STRIANO, P.: Schreiben vom 23. Dezember 2009
 6HUANG, S.S. et al.: Ann. Pharmacother. 2007; 41: 1912-4
M7JULL, A.B. et al.: Chitosan for overweight or obesity. The Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 4; Stand 31. Aug. 2007

© 2010 arznei-telegramm, publiziert am 15. Januar 2010

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