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Im Blickpunkt

METHADON-HYPE BEI KREBS
... Emotionen ersetzen Wirksamkeitsbelege

Berichte über Methadon als Wirkverstärker von Krebstherapien (a-t 2017; 48: 49-50) sind seit Monaten in den Medien präsent. Emotional aufgeladene Sendungen in TV-Magazinen (ARD, RTL u.a.)1-3 unter Beteiligung der Ulmer Chemikerin Claudia FRIESEN und des Palliativmediziners Hans-Jörg HILSCHER sowie von einzelnen Patienten, die den Erfolg ihrer Krebstherapie der Off-label-Einnahme des Opioids zuordnen („Ich bin überzeugt ..., dass ich nicht mehr da wäre, wenn ich es nicht genommen hätte“2), haben hohe Erwartungen geweckt. Tausende Krebskranke und deren Angehörige kommunizieren über soziale Medien, beispielsweise um Adressen von Methadon-verordnenden Ärzten und Tipps zur Dosierung des Betäubungsmittels auszutauschen.4 Der Druck auf Ärzte wächst, Gefälligkeitsverordnungen des ausschließlich zur Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit zugelassenen Methadon* (METHALIQ u.a.) auszustellen. 83% der 473 Onkologen, die auf eine Online-Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) geantwortet haben, wurden in der letzten Zeit oft oder sehr oft auf eine mögliche Krebsbehandlung mit Methadon angesprochen.5 Wer das Opioid nicht verordnen will, spürt Vertrauensverlust und wird ggf. von Patienten mit dem Vorwurf von Industrienähe und Bestechlichkeit konfrontiert,6 eine Folge verschwörungstheorieartiger Argumentationen von Methadon-Befürwortern:

*Levomethadon, das R(-)-Enantiomer des Razemats Methadon, ist sowohl zur Substitutionsbehandlung (L-POLADDICT u.a.) als auch gegen starke Schmerzen (L-POLAMIDON Tropfen u.a.) zugelassen, jedoch ebenfalls nicht als Wirkverstärker bei Krebs, -Red.

∎  Die pharmazeutische Industrie hat angeblich kein Interesse an klinischen Studien mit Methadon bei Krebs, weil das Opioid patentfrei und daher billig ist und sie lieber ihre teuren Innovationen verkauft1-3 - Argumente, die Betroffenen offensichtlich einleuchten. Schon die Behauptung „patentfrei“ ist jedoch falsch: Die Universität Ulm, an der FRIESEN am Institut für Rechtsmedizin tätig ist, hält verschiedene Patente zur Anwendung von Methadon bzw. Opioiden bei Krebspatienten, in denen FRIESEN u.a. als Erfinder genannt werden.7 Zudem wird das „billige“ Methadon ausdrücklich als Wirkverstärker für bestehende Krebstherapien propagiert. Es ist also Zusatz und keine Alternative zu teuren Krebsmitteln und steht nicht in Preiskonkurrenz mit diesen. Die zutreffende Beobachtung, dass die Pharmaindustrie zunehmend im lukrativen onkologischen Bereich investiert,8 taugt somit nicht als Begründung für das angebliche Desinteresse der Industrie an Methadon.

∎  Die Deutsche Krebshilfe hatte 2014 zunächst mit einer Pressemitteilung, in der sie Methadon anlässlich einer von ihr geförderten präklinischen Studie von FRIESEN als „Allroundtalent gegen Hirntumoren“9 bezeichnet hat, Hoffnungen geweckt. Inzwischen warnen die Organisation und auch Fachgesellschaften einhellig vor unrealistischen Erwartungen und potenziellen Gefahren bei Off-label-Gebrauch des Opioids.10-13 Auch die medizinische Fakultät der Universität Ulm distanziert sich von den weitreichenden Interpretationen von FRIESEN.14 Denn die wissenschaftliche Evidenz für die Anwendung von Methadon bei Krebs ist äußerst dürftig: Sie beruht auf In-vitro-Experimenten, persönlichen Einschätzungen einzelner Patienten und plakativen Vorher-Nachher-Bildern, die Methadon-bedingtes Verschwinden von Tumoren suggerieren, ohne dass die erfolgte onkologische Therapie in Betracht gezogen wird. Hinzu kommen nicht publizierte und somit nicht nachvollziehbare Erfahrungsberichte eines Palliativmediziners.1-3 Moderatoren in TV-Magazinen versäumen es überwiegend, die fehlende Aussagekraft und hohe Irrtumswahrscheinlichkeit präklinischer Befunde und anekdotischer Berichte zu erläutern oder die Beobachtungen von Experten hinterfragen zu lassen, um falsche und unerfüllbare Hoffnungen zu verhindern. Ohne Korrektiv kann FRIESEN „100%igen Zelltod“1,2 in Aussicht stellen oder Wirksamkeit bei vielen bzw. nahezu allen Tumoren behaupten („Bisher haben wir noch keinen Krebs gefunden, der nicht von Methadon profitiert.“15). Solche Thesen, auch in Verbindung mit dem Argument, dem Patienten den „letzten Strohhalm“ nicht ausschlagen zu wollen, kommen einem Rückschritt auf das Therapieniveau der Mitte des vergangenen Jahrhunderts gleich, als Therapieentscheidungen häufig auf anekdotischen Berichten beruhten.

∎  Die durch TV-Magazine ausgelöste Diskussion scheint zumindest die klinische Erprobung zu beschleunigen. Beispielsweise hat die Deutsche Krebshilfe signalisiert, die Finanzierung einer Phase-I/II-Therapiestudie mit Methadon bei Glioblastom zu prüfen.10 Insgesamt dürfte jedoch das frühe Vorpreschen der Chemikerin in die Medien die Absicherung von Nutzen und Schaden der Methode eher behindern. Randomisierte Studien durchzuführen, wird angesichts der pauschalen Vorschusslorbeeren und emotionalen Diskussion wahrscheinlich zunehmend schwierig. Wer wird unter diesen Vorzeichen noch akzeptieren, eventuell einer Kontrollgruppe zugeordnet zu werden?

∎  Viele interessante experimentelle Konzepte, die Wirksamkeit einer Chemotherapie zu verstärken, haben den Patienten letztlich nicht den gewünschten Nutzen gebracht.14 Bevor klinische Studien gemacht werden, muss daher auch die Kompatibilität der In-vitro-Daten mit der klinischen Situation hinterfragt werden. Methadon wirkt in vitro dosisabhängig auf Krebszellen. Allerdings liegen die an Gliomzellen untersuchten Konzentrationen zwischen 1 µg/ml und 10 µg/ml Methadon16 und damit deutlich über den in vivo nach Einnahme von täglich 10 mg bis 225 mg Methadon im Steady State erreichten Plasmaspiegeln, die zwischen 0,065 µg/ml und 0,63 µg/ml17 betragen. Zur Wirkverstärkung werden jedoch gerade niedrige Dosierungen von zweimal täglich 10 mg bis 17,5 mg18 empfohlen.

∎  Die derzeit zunehmende Off-label-Anwendung gefährdet Patienten. Das gilt besonders, wenn der verordnende Arzt keine hinreichenden Erfahrungen mit Methadon hat. Die Effekte des Opioids sind unter anderem aufgrund der sehr variablen Halbwertszeit von 9 bis 59 Stunden17 schwer kalkulierbar. Besonders gefährlich ist es, wenn die behandelnden Onkologen nicht über den parallel durchgeführten Therapieversuch mit Methadon informiert werden. Berichte mit lebensbedrohlichem und tödlichem Verlauf existieren bereits.6

∎  Medienberichte, die das Opioid Methadon off label als Wirkverstärker bei Krebs propagieren, ohne eindeutig vor der geringen Aussagekraft der vorhandenen Erkenntnisse und dem Fehlen klinischer Daten zu warnen, erachten wir als unverantwortlich. Unerfüllbare Erwartungen werden geweckt und in der Folge Ärzte zu Gefälligkeitsverordnungen geradezu genötigt.

∎  Wir raten von der Verwendung des Betäubungsmittels als Krebsmittel außerhalb klinischer Studien ab. Die erforderlichen Diskussionen über die fehlenden Nutzenbelege sind allerdings angesichts der hohen Erwartungen der Patienten oft emotionsgeladen und zeitaufwändig.

1ARD PlusMinus-Sendung vom 16. Aug. 2017; http://www.a-turl.de/?k=omad
2ARD PlusMinus-Sendung vom 12. Apr. 2017; http://www.a-turl.de/?k=ombu
3Stern-TV: Methadon gegen Krebs? Die ganze Reportage. Sendung vom 21. Juni 2017; http://www.a-turl.de/?k=eyhe
4SRF (CH): Methadon gegen Krebs - Berichterstattung verunsichert Patienten. Puls vom 4. Sept. 2017; http://www.a-turl.de/?k=ense
5DGHO: Ergebnisse der DGHO-Online-Umfrage, 28. Aug. 2017; http://www.a-turl.de/?k=ineb
6HÜBNER, J. et al.: Dtsch. Ärzteblatt 2017; 114: A1530-5
7z.B. Europäisches Patentamt: Use of opioids of the methadone group for the treatment of resistant cancer patient. EP 2 149 372 B1; http://www.a-turl.de/?k=rafs
8Deutscher Bundestag: Drucksache 18/13354 vom 18. Aug. 2017; http://www.a-turl.de/?k=rpsh
9Deutsche Krebshilfe: Pressemitteilung vom 30. Sept. 2014; http://www.a-turl.de/?k=taig
10Deutsche Krebshilfe: Stellungnahme, Juli 2017; http://www.a-turl.de/?k=asew
11NOH/DGN: Stellungnahme vom 26. März 2015; http://www.a-turl.de/?k=auel
12DGHO: Stellungnahme vom 26. Apr. 2017; http://www.a-turl.de/?k=gonm
13Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin: Stellungnahme vom 5. Juli 2017; http://www.a-turl.de/?k=berw
14Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Ulm, Comprehensive Cancer Center Ulm: Stellungnahme vom 22. Juni 2017; http://www.a-turl.de/?k=ichm
15Stern-TV: Experten Chat zum Nachlesen. 21. Juni 2017; http://www.a-turl.de/?k=ahlr
16FRIESEN, C. et al.: Cell Cycle 2014; 13: 1560-70
17Roxane Laboratories, Inc.: US-am. Produktinformation METHADONE HYDROCHLORIDE Oral Solution USP., Stand Apr. 2014; http://www.a-turl.de/?k=tubb
18Präsentation von „HILSCHER and LUX 2016“, erhalten von FRIESEN, C.

© 2017 arznei-telegramm, publiziert am 15. September 2017

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