aktualisiert: Febr. 2013
 
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VOM FLUGBLATT ZUM "a-t" - DIE ERSTEN JAHRE

Unter den Pseudonymen Emil STRESS und Peter WITT erschienen 1969 die ersten Flugblätter des unabhängigen Arbeitskreises Arzneimittelpolitik Berlin (UAAB) in einer Auflage von jeweils 1.000 Stück. Auf Veranstaltungen wie dem Deutschen Ärztetag verteilt oder auf Anforderung verschickt, stießen die "Informationen für den Arzt" auf breites Interesse:

 

Aus dem Protokoll der UAAB-Sitzung
vom 21. Mai 1969:

"Die Reaktion unter den Ärzten muss als größtenteils freundlich bezeichnet werden. Es lag nicht ein Flugblatt herum. Man brachte uns sogar irreführende Werbung aus der Pharmaausstellung heraus. Spenden wurden uns angedeutet. Unbekannte Leute hauten uns in Diskussionen heraus. Fremde hielten unsere Transparente, als uns Leute fehlten. Gereizter war die Stimmung allerdings am Freitag durch die provozierenden Transparente.

Eher sauer reagierten natürlich die Industrievertreter, die aus den Hallen zu uns kamen. Auch die obersten Bosse ließen sich zu unsachlichen Drohungen hinreißen. Mehrfach wurden Prozesse angedroht, was aber wohl unüberlegte Frustrationsäußerungen waren.

Die vorläufige Bilanz ist unbedingt positiv. Zwar konnten wir noch keine Presseberichte entdecken, jedoch konnten wir gute Kontakte zur FAZ und zur Süddeutschen Zeitung anknüpfen..."

 

Gegeninformationen waren überfällig. CONTERGAN*- und MENOCIL**-Skandal hatten Zweifel am verantwortlichen Handeln von Pharmaherstellern und der Durchsetzungskraft der Überwachungsbehörden geweckt. Rasch stieß der lockere Zusammenschluss von Kollegen im UAAB jedoch an seine Grenzen. Die Arbeit blieb letztlich an den Initiatoren U. M. MOEBIUS und K. W. WENZEL hängen. Anfragen zahlreicher Ärzte, die regelmäßig über Arzneimittelwirkungen und Nebenwirkungen informiert werden wollten, waren schließlich Anlass, das arznei-telegramm herauszugeben. Entsprachen die "Informationen für den Arzt" noch typischen improvisierten Flugblättern, machte das im November 1970 erschienene erste a-t unter Berücksichtigung der damaligen Möglichkeiten schon einen recht professionellen Eindruck.

 
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Nach Einnahme des Schlafmittels CONTERGAN (Thalidomid) brachten weltweit mehr als 12.000 Mütter Kinder mit Fehlbildungen vornehmlich der Gliedmaßen zur Welt.

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Allein in Deutschland erkrankten 850 Personen - meist junge Frauen - nach Einnahme des Appetithemmers MENOCIL (Aminorex) an lebensbedrohlichem oder tödlich verlaufendem Lungenbluthochdruck.


 

Aus dem Editorial der Erstausgabe (a-t 1970; Nr.1: 1):

"Die Reklameflut, die täglich über den Ärzten niedergeht, ist überall offenkundig, fast sprichwörtlich und erregt Besorgnis bei jenen, die den grundlegenden Widerspruch zwischen Pharmawerbung ... und wissenschaftlicher Information erkannt haben.

Die gegenwärtige Unterrichtung des kurativen Mediziners über Arzneimittel lässt sich in der Tat weniger nach "bits" als kybernetischen Einheiten, sondern vielmehr nach der Formel bestimmen:

Hier will das arznei-telegramm gewissermaßen Kontrastprogramm sein."

 

Anhand des Reprint-Bandes "arznei-telegramm 1970 - 1975" lässt sich auch heute noch nachvollziehen, wie dieser Anspruch umgesetzt wird,* beispielsweise im "telegramm"-typischen Kurzkommentar zur Indikationslyrik des "Potenzmittels" PASUMA (a-t 1970; Nr. 1: 3), zu den Nebenwirkungsangaben des Wurmmittels MINZOLUM (a-t 1971; Nr. 1: 12) oder zur Sterblichkeit in Verbindung mit unkritischem Gebrauch von Asthma-Aerosolen (a-t 1971; Nr. 1: 9) - ein Thema von vielen, das auch in nachfolgender Zeit aktuell bleibt (a-t 1983; Nr. 2: 16, 1990; Nr. 12: 106, 1991; Nr. 5: 47).

 
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In dem Reprintband "arznei-telegramm 1970-1995" finden Sie die ersten Flugblätter sowie sämtliche arznei-telegramm-Ausgaben der ersten sechs Jahre. Die Dokumentation ist eine Fundgrube für jeden pharmakologisch interessierten Kollegen.

 

Breiten Raum nimmt schon in den 70er Jahren die Diskussion um orale Kontrazeptiva ein, die angeblich "kein erhöhtes Thromboserisiko" bedeuten (a-t 1970; Nr. 2: 7, 1995; Nr. 6: 60) oder deren Verträglichkeit dem Prinzip "minimale Wirkstoffdosis - maximale Verträglichkeit" folgen soll (a-t 1970; Nr. 2: 7). Solche Argumente wurden in der Folgezeit vielfach ad absurdum geführt, beispielsweise für Glibenclamid, das häufiger Hypoglykämien auslöst als das mit täglich 1-2 g "hoch dosierte" Tolbutamid (RASTINON u.a.; a-t 1986; Nr. 4: 31), oder für "moderne" Mikropillen vom Typ LOVELLE oder FEMOVAN (a-t 1995; Nr. 6: 62).

Immer wieder erweist es sich als hilfreich, neue Arzneimittel konsequent an Nutzen und Risiken bewährter Wirkstoffe zu messen. Die Charakterisierung des Gestagens Norethisteronazetat als

 
 

"Oldtimer unter den Steroiden. Lange Erfahrungen liegen damit vor. Günstiger Thrombose-Erwartungs-Index" (a-t 1970; Nr. 2 : 8)

 

beschreibt auch heute noch gültig den Kenntnisstand. Norethisteron und Levonorgestrel sind nach Auswertung mehrerer aktueller Studien in Bezug auf Häufigkeit tiefer Venenthrombosen (Risiko 20 pro 100.000 Frauenjahre) relativ verträglich. Neuere Gestagene wie Desogestrel (in MARVELON u.a.) oder Gestoden (in FEMOVAN/MINULET) sowie Drospirenon (in YASMIN u.a.) verdoppeln das Risiko (bis 40 pro 100.000 Frauenjahre; a-t 2007; 38: 95-6 und 2011; 42: 109).

Aktualität und historische Entwicklungen liegen eng beieinander: Manche Erkenntnisse der 70er Jahre sind heute überholt. Seit Langem finden Kontrazeptiva wie LEIOS und MIRANOVA Verwendung, die mit 0,02 mg Ethinylestradiol heute in Einphasenpräparaten die geringste Östrogenmenge enthalten. Solche geringen Wirkstoffmengen hielt man damals für nicht zuverlässig wirksam. Längst werden auch Barbiturate nicht mehr zu den "verträglichsten Sedativa" gerechnet (a-t 1971; Nr. 1: 10). Sie haben heute nur noch Nischenindikationen, beispielsweise als Reservemittel für Epilepsiekranke (Phenobarbital).

Jüngere Kollegen werden andere genannte Medikamente heute kaum noch kennen:

Der Appetithemmer Aminorex (MENOCIL) musste 1968 vom Markt genommen werden. Allein in der Bundesrepublik Deutschland waren 850 Personen an Lungenbluthochdruck erkrankt, nachdem sie versucht hatten, mit MENOCIL abzunehmen. In der Erstausgabe regte das a-t an, einen Schutzverband zur gerichtlichen Unterstützung MENOCIL-Geschädigter sowie zur Durchführung eines Musterprozesses zu gründen (a-t 1970; Nr. 1: 1). Auch Jahrzehnte später erhältliche Appetithemmer wie Fenfluramin (PONDERAX) und Dexfenfluramin (ISOMERIDE) können - wenn auch selten - lebensbedrohliche pulmonale Hypertonie auslösen (Chronik der Appetithemmer in a-t 1995, Nr. 9: 90) und kamen erst Ende der 90er Jahre wegen Schädigung von Herzklappen vom Markt (a-t 1997; Nr. 10: 108).

Die Bayer AG zog 1971 ihre Guanaclin (= Cyclazenin)-haltigen Bluthochdruckmittel LERON und TADIP aus dem Handel. Im Jahr zuvor berichtete das a-t über "lang anhaltende bzw. irreversible orthostatische Dysregulation (chemische Sympathektomie)" nach über viermonatiger Einnahme des Antihypertensivums (a-t 1970; Nr. 1: 4).

Der Chronist kennt die "Abführmittel-Hepatitis" in Verbindung mit Wirkstoffen der Isatingruppe seit Anfang der 70er Jahre (a-t 1971; Nr. 1: 12, 1972; Nr. 7: 30; 1973; Nr. 5: 27 u.a.). Dennoch wurden solche Laxantien zunächst nur verschreibungspflichtig - und dies erst 1977. Viele Präparate verschwanden in der Folgezeit vom Markt oder wurden auf Bisacodyl oder andere Wirkstoffe umgestellt (z.B. TIRGON). Erst 1987 entzog das Bundesgesundheitsamt (heute Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM) Oxyphenisatin und Trisatin-haltigen Präparaten die Zulassung (vgl. a-t 1987; Nr. 4: 39). Kanada beispielsweise verbot die leberschädigenden Abführmittel bereits neun Jahre zuvor (a-t 1978; Nr. 7: 64).

Bis in die 70er Jahre hinein wurden Chloramphenicol-haltige Arzneimittel (damals z.B. als PARAXIN im Handel) bei Husten und Erkältungen verordnet. Schon damals war jedoch die besondere blutschädigende Wirkung von Chloramphenicol bekannt. Intensive Aufklärung ließ die Verordnungshäufigkeit deutlich zurückgehen (a-t 1971; Nr. 3: 17).

Mitte der 50er Jahre erkrankten in Japan immer mehr Menschen an einer rätselhaften Krankheit, die mit Missempfindungen, Gehstörungen und Magen-Darm-Beschwerden gefolgt von Empfindungsstörungen und Lähmungen sowie Sehstörungen (bis Blindheit) einherging. Nach den vorherrschenden Symptomen wurde sie als Subakute Myelo-Optische Neuropathie (SMON) bezeichnet. 1970 kam der Verdacht auf, dass die Erkrankung durch die damals häufig verwendeten rezeptfrei erhältlichen Durchfallmittel aus der Oxychinolinreihe (in MEXAFORM u.a.) bedingt sein könnte (a-t 1970; Nr. 1: 2: "Erst Gehstörungen - dann Sehstörungen").

Bisweilen fanden Hinweise auf unerwünschte Therapiefolgen auch noch nach Jahrzehnten keinen Eingang in Produktinformationen, so etwa die Warnung vor Nekrosen und schweren Ulzerationen bei Gebrauch des Antiseptikums Dequalinium im Bereich von Glans penis und Vulva (a-t 1970; Nr. 1: 2, 1970; Nr. 5: 55). Noch in der Roten Liste 1996 wurden für die Dequaliniumchlorid-haltigen Vaginaltabletten FLUOMYCIN N keine Nebenwirkungen deklariert.

Neben der Nutzen-Schaden-Abwägung kommen die Kosten der Therapie bereits in den ersten Ausgaben des a-t nicht zu kurz: Die übersichtliche Darstellung der Preisverhältnisse durch Balkengrafik - später von der Transparenzkommission beim Bundesgesundheitsamt übernommen - haben jahrzehntelang eine etwa alle zwei bis drei Jahre erschienene a-t-Publikation gekennzeichnet: das Arzneimittelkursbuch (früher transparenz-telegramm). Eine derartige systematische Darstellung von Angebotsvielfalt, Bewertungen und Preisverhältnissen in Buchform war einzigartig, wurde jedoch nach und nach durch die atd Arzneimitteldatenbank abgelöst.

Als erstes Periodikum veröffentlichte das a-t seit 1970 Umsatzdaten und Verkaufszahlen von Arzneimitteln. Solche Angaben standen selbst dem damaligen Bundesgesundheitsamt nicht zur Verfügung. Inzwischen schafft das wissenschaftliche Institut der Ortkrankenkassen mit dem jährlich erscheinenden Arzneiverordnungs-Report Durchblick - zumindest was die Verordnungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen angeht.

Heute ist die Informationsbeschaffung leichter und selbstverständlicher. Literaturdatenbanken im Internet (PubMed u.a.) ermöglichen Recherchen in Sekundengeschwindigkeit. Datenbanken wie PubMed liefern allerdings lediglich Abstracts der Veröffentlichungen. Notwendiger denn je wird die Gewichtung der Informationen, das Trennen der Spreu vom Weizen. Hier helfen der Redaktion ein über Jahrzehnte gewachsenes Archiv und - nicht zuletzt - vielfältige Kontakte im In- und Ausland - auch zum ISDB, dem Weltverband der werbefreien Pharmazeitschriften, dem das arznei-telegramm® angehört.