a-t 1997; Nr. 6: 71-2

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FLUSPIRILEN (IMAP U.A.) -
ALS "WOCHENTRANQUILIZER" FRAGWÜRDIG

Seit mehr als zehn Jahren warnen wir vor medizinisch unvertretbarem Missbrauch des Depotneuroleptikums Fluspirilen (IMAP 1,5 u.a.) als "Wochentranquilizer" (a-t 3 [1994], 31; 4 [1994], 38).1 Unsere Bedenken gründen sich vor allem auf extrapyramidal motorische Folgen.1,2,4-6 Bei der retrospektiven Auswertung der Patientendaten einer Bochumer Klinik über einen Zeitraum von acht Jahren findet sich das stark wirksame Fluspirilen (17 Patienten) hinter Haloperidol (HALDOL-JANSSEN u.a., 23 Patienten) als häufigster Auslöser extrapyramidal motorischer Symptome einschließlich Akathisie, Parkinsonoid sowie Früh- und Spätdyskinesien. Nur zwei Patienten erhielten Fluspirilen gegen Psychose, 15 überwiegend gegen Depressionen, ferner gegen Phobie sowie bei chronischen Rückenschmerzen, Neurosen u.a.2 Fluspirilen eignet sich nicht zur Therapie von Depressionen. Es kann diese sogar auslösen.2,3 Depressive Beschwerden in Verbindung mit wöchentlicher Injektion von Fluspirilen können sich mit Ein- und Durchschlafstörungen, Morgentief, Angst, innerer Unruhe, Druck auf der Brust oder im Kopf sowie nihilistischen Einstellungen bis zur Suizidalität äußern, nach Absetzen anhalten und eine antidepressive Behandlung erfordern.3 Mit 1,2 Millionen Packungen im Wert von 26 Millionen DM Apothekenverkaufspreis ist IMAP 1995 das im ambulanten Bereich meist verordnete Neuroleptikum. Seit einigen Monaten erhältliche Nachfolgepräparate wie FLUSPI 1,5 (Werbung: "Hohe Preise machen nervös - FLUSPI beruhigt") und KIVAT 1,5 mg zur Behandlung von Angstsyndromen, die klassische Neuroleptika selbst auslösen oder verschlechtern können, lassen einen neuen Verordnungsschub befürchten.

Im NETZWERK DER GEGENSEITIGEN INFORMATION verzeichnen wir neben extrapyramidalen Symptomen in Verbindung mit Fluspirilen ausgeprägte psychische Abhängigkeit mit deutlicher Dosissteigerung bei einer 53jährigen Frau: Die Dosis wurde von anfangs 0,5 ml alle acht Tage auf zuletzt 1,5 ml alle vier bis fünf Tage erhöht. Die berichtende Psychiaterin merkt an: "In den letzten Jahren beobachtete ich mehrfach das Auftreten von leichten körperlichen Entzugserscheinungen nach Absetzen (Schlafstörungen, vegetative Symptome) sowie ausgeprägte psychische Abhängigkeit von IMAP-Injektionen" (NETZWERK-Bericht 7096).

FAZIT: Stark wirksame Neuroleptika wie Fluspirilen (IMAP u.a.) eignen sich nicht zur Behandlung von Depressionen oder als Alternative bzw. Begleitmedikation zu Benzodiazepin-Tranquilizern. Neuroleptika können Depressionen und Angstzustände auslösen und verstärken. Irreversible extrapyramidal motorische Folgen sind auch innerhalb des auf drei Monate beschränkten Anwendungszeitraums zu befürchten.


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