a-t 2006; 37: 79-83

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BEHANDLUNG VON KOPFLÄUSEN

Wenn bei Kindern der Kopf juckt, könnte ein Befall mit Kopfläusen dahinterstecken. Die Inzidenz der bereits in der Antike bekannten Erkrankung soll in den letzten Jahren, gemessen an den Verkaufszahlen von Läusemitteln, zugenommen haben und besonders nach den Sommerferien sprunghaft ansteigen.1 Betroffen sind vor allem Kinder zwischen drei und zwölf Jahren, Mädchen häufiger als Jungen.2

Kopfläuse können zwar weder springen noch fliegen, sie sind aber flinke Krabbler und können daher bei engem Körperkontakt leicht von einem Kopf zum nächsten wandern und sich so rasch verbreiten. Besonders günstige Bedingungen finden sie in Gemeinschaftseinrichtungen (Kindergärten, Schulen).3,4 Auch eine indirekte Übertragung über Mützen und Schals, Haarbürsten u.a. ist möglich.4 Der Befall hängt nicht von der persönlichen Sauberkeit ab: Häufiges Haarewaschen führt höchstens zu sauberen Läusen.1 Die Tiere sollen frisch gewaschenes Haar sogar bevorzugen.3

Kopfläuse (Pediculus humanus capitis) sind etwa 2-3 mm große flügellose graue bis rötliche Insekten. Sie besitzen sechs Klammerbeine, mit denen sie sich an den Haaren festhalten, und einen Stechsaugrüssel, um alle paar Stunden Blut zu saugen. Getrennt vom Wirt trocknen sie relativ rasch aus und können höchstens drei Tage überleben, die Eier bis zu zehn Tage.2,4

Kopfläuse durchlaufen drei Entwicklungsstadien: Befruchtete Weibchen legen täglich bis zu zehn Eier, in ihrem einmonatigen Leben bis zu 200, die sie mit einer wasserunlöslichen Substanz an die Haare in unmittelbarer Nähe der Kopfhaut kleben und mit einem Chitingehäuse umschließen. Die am Haaransatz vorherrschenden Temperaturen von 28-32 °C sind für die Weiterentwicklung der 0,8 mm großen, grau bis weißlichen so genannten Nissen ideal. Sie finden sich bevorzugt am Hinterkopf, hinter den Ohren und im Nacken, gelegentlich aber auch in Bart oder Augenbrauen.1,4 Nach sieben bis zehn Tagen schlüpfen aus den Eiern Larven (Nymphen), die den Kopf zunächst noch nicht verlassen können. Innerhalb von acht bis zehn Tagen häuten sie sich mehrmals und entwickeln sich zu geschlechtsreifen adulten Läusen. Ein Generationszyklus dauert in der Regel drei Wochen (14 bis 28 Tage).1,4 Im Gegensatz zu Kleiderläusen gelten Kopfläuse nicht als Überträger von Infektionen.1

KLINIK UND DIAGNOSE: Leitsymptom ist der heftige Juckreiz, der eine Immunreaktion auf Speichelenzyme der Laus darstellt und bei erstmaligem Befall mit Kopfläusen erst nach mehreren Wochen auftreten kann.2 Daneben finden sich hochrote urtikarielle Papeln und Kratzexkoriationen. Mögliche Folgen sind Ekzembildung und bakterielle Superinfektion ("Läuseekzem") sowie Schwellung der regionalen Lymphknoten.4

Da Beschwerden zunächst auch fehlen können, wird empfohlen, bereits bei Verdacht auf Kopflausbefall, z.B. bei Auftreten von Infektionen im näheren Umfeld, den behaarten Kopf gründlich zu inspizieren. Dazu wird das Haar mit einem Kamm gescheitelt und die Kopfhaut streifenweise, gegebenenfalls mit einer Lupe, abgesucht.3,4 Außerdem sind die Haare systematisch Strähne für Strähne mit einem Nissenkamm zu kämmen.4 Bei diesen speziellen Kämmen stehen die Zinken nicht mehr als 0,2-0,3 mm auseinander. Da die meisten Betroffenen nur wenige Läuse beherbergen, sind diese oft schwer zu entdecken.4 Durch Kämmen lassen sie sich nach einer vergleichenden Untersuchung besser und schneller aufspüren als durch Inspektion.5 Bei letzterer werden vor allem die Nissen gefunden, die sich im Gegensatz zu Haarschuppen nicht abstreifen lassen.3,4 Ob eine Nisse leer ist (auffällige weißliche Hülle) oder noch ein entwicklungsfähiges Ei enthält (unscheinbar grau, durchsichtige Hülle), lässt sich optisch nur schwer unterscheiden,3 zumal auch abgestorbene Eier noch wochenlang "lebendig" aussehen können.6,7 Entscheidungshilfe soll daher der Abstand von der Kopfhaut bieten: Nissen, die mehr als 1 cm von der Kopfhaut entfernt sind, gelten als in der Regel leer bzw. abgestorben.1,3,4 Doch auch der Nachweis kopfhautnaher Nissen bedeutet nicht automatisch einen Befall mit Kopfläusen: In einer kleinen Kohortenstudie8 finden sich nur bei 9 (18%) von 50 Kindern mit Nissen im Abstand von bis zu 0,6 cm von der Kopfhaut nach 14 Tagen Läuse. Dabei haben Personen mit stärkerem Nissenbefall ein höheres Risiko, Läuse zu entwickeln (5 und mehr Nissen 32%, weniger als 5 Nissen 7%, relatives Risiko [RR] 4,45; 95% Vertrauensbereich [CI] 1,03-19,35). Selbst unter optimalen Bedingungen sollen 10% bis 30% aller Parasiten nicht schlüpfen.8

BEHANDLUNG: Das Robert Koch-Institut (RKI) und die American Academy of Pediatrics erachten den Nachweis von Läusen, Larven oder weniger als 1 cm von der Kopfhaut entfernten Nissen als behandlungsbedürftig.4,9 Andere halten eine Therapie dagegen nur bei Vorhandensein lebender Läuse und Larven für gerechtfertigt und empfehlen bei ausschließlichem Nachweis von Nissen regelmäßige Kontrollen über ein bis zwei Wochen, um frischgeschlüpfte Parasiten frühzeitig zu entdecken.5-8 Ob das in der Praxis funktioniert, halten wir für fraglich.

Familienangehörige und andere Kontaktpersonen sind auf eine mögliche Infektion zu untersuchen.4 Ob enge Kontaktpersonen in der Familie4 oder gar sämtliche Familienmitglieder10,11 prophylaktisch mitbehandelt werden sollen, wie RKI bzw. einige Hersteller von Kopflausmitteln empfehlen, ist ebenfalls umstritten.7 Wir raten davon ab.

Besucht ein betroffenes Kind eine Gemeinschaftseinrichtung, sind die Eltern verpflichtet, den Befall mitzuteilen. Ihr Kind darf direkt nach einer korrekt durchgeführten Behandlung mit einem zugelassenen Mittel die Einrichtung wieder besuchen. Bei erstmaligem Befall genügt ein entsprechendes Schreiben der Erziehungsberechtigten. Ein ärztliches Attest zur Bestätigung des Behandlungserfolgs ist nur bei wiederholtem Kopflausbefall innerhalb von vier Wochen erforderlich.4

Nichtmedikamentöse Maßnahmen

Obwohl die Gefahr, dass Läuse abseits eines Wirtes lebensfähig und übertragbar bleiben, als gering einzuschätzen ist, werden verschiedene Hygienemaßnahmen angeraten (siehe Kasten).

Die Haare extrem zu kürzen ist zwar wirksam, gerade für Kinder aber häufig belastend und daher in der Regel nicht zu empfehlen.3,7 Spülungen mit Essig (1 Teil 6%iger Speiseessig auf 2 Teile Wasser, mindestens zehn Minuten einwirken lassen, kein Essigkonzentrat verwenden,4 oder 1-3 Esslöffel Essig auf 1 l Wasser3) sollen die Haftung der Läuse und Nissen an die Haare lockern und das Auskämmen mit dem Nissenkamm erleichtern. Dieses unseres Wissens nicht in Studien geprüfte Vorgehen wird auch als Alternative zu einer Therapie mit Insektiziden bei Kontraindikationen3 oder in der Schwangerschaft4 empfohlen. Da Läuse und ihre Eier durch die Behandlung nicht abgetötet werden, muss die Prozedur mehrfach wiederholt werden. 3,4

Ein ähnliches Prinzip verfolgt die vor allem in Großbritannien propagierte Methode des so genannten Bug Busting (Bug = Laus, Buster = Meister): Angeboten werden Sets mit verschiedenen Kämmen (z.B. BUG BUSTER KIT). Mindestens zwei Wochen lang werden alle vier Tage eine handelsübliche Haarspülung aufgetragen und die Haare anschließend sorgfältig ausgekämmt (pro Anwendung mindestens 30 Minuten).12 In einer randomisierten offenen Vergleichsstudie sind damit sieben Tage nach der letzten Behandlung 12 (38%) von 32 Kindern frei von lebenden Läusen im Vergleich zu 33 (79%) von 42 Kindern, die zweimal im Abstand von sieben Tagen 0,5%iges Malathion (in Deutschland nicht mehr im Handel) anwenden.13 In einer weiteren, methodisch schlechteren Untersuchung liegt die Erfolgsrate bei 57%.14

In einer kleinen Studie wird der Nutzen des täglichen Kämmens mit einem Nissenkamm zusätzlich zu einer Behandlung mit einem Insektizid geprüft: Nach alleiniger Anwendung von 1%igem Permethrin (z.B. USA: NIX 1%) sind nach zwei Wochen 47 (78,3%) von 60 Kindern und Erwachsenen frei von Läusen, mit zusätzlichem Kämmen 24 (72,7%) von 33 (Unterschied nicht signifikant).15

Von Heißluft, zum Beispiel mittels eines Föns, oder dem Aufenthalt in der Sauna zum Abtöten der Parasiten wird abgeraten.4 Untersuchungen gibt es dazu unseres Wissens nicht.

Bei Kopflausbefall begleitend empfohlene Reinigungsmaßnahmen:3,4
  • Kämme, Haar- und Kleiderbürsten gründlich reinigen.
  • Handtücher, Leib- und Bettwäsche wechseln und bei mindestens 60°C waschen. Die folgenden Punkte sind umstritten:
  • Oberbekleidung einschließlich Kopfbedeckungen und Schals, Kuscheltiere und Decken ebenfalls bei mindestens 60°C waschen oder für zwei Wochen in einem gut verschlossenen Plastikbeutel aufbewahren, einen Tag einfrieren oder im Wäschetrockner erhitzen (mindestens 45°C für 60 Minuten).
  • Teppiche, Polstermöbel, Autokindersitze und Kopfstützen absaugen.
  • Die American Academy of Pediatrics schränkt die in den letzten beiden Punkten genannten Maßnahmen auf Gegenstände ein, mit denen ein von Kopfläusen befallener Kopf in den letzten zwei Tagen Kontakt hatte.9 Mehrere deutsche Autoren halten den Nutzen einer Umgebungsbehandlung für vernachlässigbar.1,16 In einer Untersuchung fand sich in den Kopfbedeckungen von 1.000 Kindern keine einzige Laus - jedoch 5.500 auf den Köpfen.16 Auf den Fußböden von 108 Klassenzimmern befallener Kinder (im Mittel 130 Läuse/Klasse) ließ sich in einer anderen Studie ebenfalls keine einzige Laus nachweisen.17

Mittel gegen Kopfläuse

DATENLAGE: Bereits vor über zehn Jahren kritisierten wir den Mangel an veröffentlichten klinischen Studien in der Kopflaustherapie (a-t 1995; Nr. 12: 116). Daran hat sich bis heute nichts geändert: Randomisierte kontrollierte Untersuchungen von hinreichender methodischer Qualität finden wir für keines der hierzulande angebotenen Mittel. Ergebnisse aus Studien mit Präparaten aus anderen Ländern, die zwar hierzulande verfügbare Wirkstoffe enthalten, sich aber in der Konzentration und/oder Art der Zubereitung (z.B. wässrig/alkoholisch) unterscheiden, lassen sich nicht übertragen.18 Hinzu kommt, dass in vielen Ländern, beispielsweise Großbritannien, Israel und Tschechien, Resistenzen gegen Insektizide deutlich zugenommen haben, hierzulande aber bislang nur vereinzelt auftreten sollen.4 Durchführung und Interpretation von Studien werden auch dadurch erschwert, dass sowohl bei der Diagnose als auch hinsichtlich Nachbeobachtungsdauer und Begleitmaßnahmen Uneinigkeit herrscht.

Das Umweltbundesamt (UBA) prüft auf Antrag der Hersteller oder bei besonderem Bedarf auch von sich aus die Wirksamkeit von Mitteln zur Schädlingsbekämpfung einschließlich Präparaten gegen Kopfläuse, die dann gegebenenfalls in die so genannte Entwesungsmittelliste19 aufgenommen werden, eine Auflistung von Mitteln, die bei behördlich angeordneten Entwesungen angewendet werden dürfen.* Dazu führt die Behörde In-vitro-Studien mit Kleiderläusen** verschiedener Entwicklungsstadien durch. Um die klinische Anwendung möglichst genau zu simulieren, wird das fertige Produkt in der vorgesehenen Anwendungsweise (z.B. Spray) getestet, wobei die in der Gebrauchsinformation angegebenen Anweisungen hinsichtlich Einwirkzeit, Ausspülen, eventueller Wiederholungsbehandlungen u.a. genau eingehalten werden. Die Ergebnisse einer solchen Prüfung sollen denen klinischer Studien entsprechen.2 Geeignete Mittel müssen unter anderem eine ausreichende Sofortwirkung erzielen, also die Läusepopulation schnellstmöglich und zu 100% töten. Dabei ist ein ovizider (eiabtötender) Effekt zwar erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich. Es reicht, dass entweder auf Grund eines Residualeffektes aus der ersten Applikation oder durch eine zweite entwicklungszyklusgerechte Anwendung alle nachschlüpfenden Larven getötet werden.19

*  Die Entwesungsmittelliste nennt derzeit GOLDGEIST FORTE, INFECTOPEDICUL, JACUTIN, JACUTIN N und MOSQUITO Läuseshampoo.19,20
**  Da Kopfläuse sich nicht züchten lassen, soll die Verwendung von Kleiderläusen als Modell auch international üblich sein.21

Früher hat das UBA zusätzlich eigene Anwendungsbeobachtungen durchgeführt, nicht aber zu den 2006 neu in die Entwesungsmittelliste aufgenommenen Präparaten INFECTOPEDICUL und MOSQUITO Läuseshampoo. Mangels aussagefähiger Daten stützen wir unsere Bewertung auch auf die veröffentlichten Erfahrungen der Behörde.

ALLGEMEINE GRUNDSÄTZE: Die in den Gebrauchsinformationen angegebenen Hinweise hinsichtlich erforderlicher Menge und Einwirkzeit sind unbedingt einzuhalten. Insbesondere ist auf gute Durchfeuchtung der Haare zu achten. Eine zweite Anwendung acht bis zehn Tage nach der Erstbehandlung wird generell angeraten,2,4,12,22 auch wenn dies nicht ausdrücklich von den Herstellern empfohlen wird.2,22 Begründet wird dies unter anderem mit der insgesamt schlechteren Wirksamkeit gegen Nissen, die durch mögliche Anwendungsfehler noch begünstigt wird und einer Resistenzentwicklung Vorschub leistet, sowie mit der Schwierigkeit, einzeln nachschlüpfende Larven zu finden.4,22 Bei einigen Mitteln sind drei und mehr Applikationen vorgesehen.

ARZNEIMITTEL: Seit mehr als 150 Jahren hat in Europa Pyrethrum, ein Auszug aus Chrysanthemenblüten, als "Insektenpulver" Tradition. Der Extrakt enthält sechs insektizide Verbindungen (Pyrethrine), die vor allem unter UV-Licht eine kurze Halbwertszeit haben. Neben den natürlichen Pyrethrinen finden die synthetischen Abkömmlinge (Pyrethroide) Bioallethrin und Permethrin Verwendung. Sie alle greifen am Nervensystem der Laus an, indem sie den Natrium-Einwärtsstrom an erregten Nervenmembranen verlängern. Dadurch kommt es zu einem ausgeprägten Nachpotenzial mit erleichterter Wiedererregbarkeit der Neuronen. Repetitive Entladungen führen zu spastischer Lähmung und Tod der Laus.2 Da die Parasiten erst im Verlauf der Embryonalentwicklung ein Nervensystem ausbilden, haben neurotoxische Insektizide in den ersten Tagen keinen Effekt.9,16

 Pyrethrum-Extrakt: Obwohl sich die Zusammensetzung von GOLDGEIST FORTE nicht geändert hat, wird neuerdings Pyrethrum-Extrakt als einziger arzneilich wirksamer Bestandteil genannt, Piperonylbutoxid, Chlorokresol und Diethylenglykol gelten jetzt als sonstige Bestandteile.10 Die Umbenennung dient wohl in erster Linie der Profilierung als Einstoffarzneimittel und ist unseres Erachtens irreführend, da beispielsweise Piperonylbutoxid durch Hemmung parasitärer Zytochrom-P-450-Enzyme den Abbau von Pyrethrum verzögert und so den Effekt verstärkt.2 Valide veröffentlichte klinische Daten zum Nutzen von GOLDGEIST FORTE gibt es nicht. Laut UBA soll es schnell und gut gegen alle Entwicklungsstadien der Läuse wirken. Einzelne Larven können jedoch nachschlüpfen. Im Gegensatz zur Fachinformation, in der eine Einwirkzeit von 30 bis 45 Minuten angegeben wird,10 empfiehlt die Behörde, das Mittel mindestens 45 Minuten auf dem Kopf zu belassen.22

 Bioallethrin: Für JACUTIN N, das neben dem Kurzzeit-Pyrethroid Bioallethrin (Allethrin I) auch Piperonylbutoxid enthält, liegen ebenfalls keine publizierten klinischen Daten vor. Die als Spray angebotene Kombination soll schnell und gut gegen erwachsene Läuse und Larven wirken, gegen Eier dagegen etwas schlechter.22

 Permethrin: Neu in die Entwesungsmittelliste aufgenommen wurde in diesem Jahr INFECTOPEDICUL.20 Es enthält neben dem gegenüber Hitze und UV-Licht stabileren Langzeit-Pyrethroid Permethrin (0,5%) 39 Vol.% Alkohol, der die Schädigung des Nisseninhaltes verstärken soll.23 Im Gegensatz dazu handelt es sich bei den in kontrollierten Studien geprüften und international gebräuchlichen Formulierungen um 1%ige wässrige Zubereitungen.24 Der INFECTOPEDICUL-Hersteller Infectopharm wirbt massiv damit, dass laut Fachinformation23 eine einmalige Anwendung "in der Regel" ausreicht25 und führt dazu zwei Anwendungsbeobachtungen mit 191 bzw. 67 Patienten an.24,26 In diesen sollen acht Tage nach der ersten Behandlung 94%24 bzw. 90%26 frei von lebenden Läusen gewesen sein, nach weiteren sieben Tagen und einer gegebenenfalls durchgeführten zweiten Behandlung jeweils 98%. Fehlen einer Kontrollgruppe, Ausgangsdiagnose in der größeren der beiden Studien nur bei 72% aufgrund des Vorhandenseins lebender Läuse, unvollständige Auswertung in der kleineren Studie u.a. schränken die Aussagekraft der beiden Arbeiten erheblich ein. Die Ergebnisse widersprechen zudem der Fachinformation, in der der Behandlungserfolg nach einmaliger Anwendung nur mit "etwa 75%" beziffert wird.23 Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wurde der Wert aus den "seinerzeit zur Zulassung eingereichten klinischen Daten gemittelt".27 In der Gebrauchsinformation für Patienten fehlt die Zahl.28

Achtung: Laut Fachinformation müssen nach der Behandlung sämtliche Nissen ausgekämmt werden. Zudem dürfen die Haare drei Tage lang nicht gewaschen werden, damit der Wirkstoff an den Haaren verbleiben und nachschlüpfende Läuse töten kann.23

Mitarbeiter des UBA bescheinigen dem Mittel eine gute Wirksamkeit gegen erwachsene Läuse und Larven.22 Permethrin allein hat keine ovizide Wirkung, sondern soll auf Grund des Residualeffekts auf nachschlüpfende Larven wirken.29 Läuse sterben unter 0,5%igem Permethrin relativ langsam, sodass Weibchen unter Umständen noch Eier ablegen können.22 Auch ein Nachschlupf einzelner Larven aus behandelten Eiern ist möglich. Als besonders gefährdet gelten Anwender mit längerem dickeren Haar, die eine Einwirkzeit im unteren empfohlenen Bereich wählen. Eine Residualwirkung ist während einer Beobachtungszeit von elf Tagen zwar nachweisbar, lässt aber nach einigen Tagen nach, zu einem Zeitpunkt, an dem noch Erstlarven nachschlüpfen können.22 Dies fördert die Ausbildung resistenter Stämme, die dann auch gegenüber anderen Pyrethroiden einschließlich Pyrethrum unsensibel sind.23,29 Laut UBA sind Permethrin-Resistenzen in Ländern aufgetreten, in denen langfristig Einmalbehandlungen praktiziert wurden.22 Die Behörde weist daher ausdrücklich auf die Notwendigkeit einer Wiederholungsbehandlung auch bei INFECTOPEDICUL hin.22

Die Verträglichkeit der Kopflausmittel auf Pyrethroid-Basis sowie mögliche Vor- oder Nachteile einzelner Präparate lassen sich auf Grund der spärlichen veröffentlichten Daten nur schwer beurteilen. Die Insektizide sollen bei regelrechter kutaner Anwendung kaum absorbiert werden. Laut Fachinformationen ist mit örtlichen Reaktionen wie Rötung, Juckreiz und Brennen zu rechnen. In einer der Anwendungsbeobachtungen mit INFECTOPEDICUL klagen darüber bis zu 6%.26 Augen und Schleimhäute sind bei versehentlichem Kontakt sofort mit Wasser auszuspülen. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft dokumentiert neun Berichte über Alopezie in Verbindung mit dem langjährigen Marktführer GOLDGEIST FORTE und einen über Alopecia totalis unter INFECTOPEDICUL.30

Kontaktsensibilisierung unter Pyrethrum kommt vor.10 Personen mit Chrysanthemenallergie sollen weder den Extrakt noch die synthetischen Abkömmlinge anwenden.2 Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen sind für das Langzeit-Pyrethroid Permethrin beschrieben,23,26 das von der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA als mögliches Kanzerogen eingestuft wird (a-t 2005; 36: 78-81).

Das als Spray angebotene JACUTIN N ist bei Personen mit Asthma oder anderen bronchopulmonalen Erkrankungen kontraindiziert.11 Wegen der Vernebelung des Insektizides und des dadurch erhöhten Risikos einer Aufnahme mit der Atemluft raten wir von der Anwendung generell ab.

Berichte an unser NETZWERK DER GEGENSEITIGEN INFORMATION zu GOLDGEIST FORTE über Polyneuropathie (Bericht 6.186), Fazialisparese (6.563) sowie Beinlähmung bei einem vierjährigen Kind, dem versehentlich zwei Tropfen des Extraktes in den Mund gelangt sind (7.841), erinnern an die potenzielle Neurotoxizität der Pyrethroide. Ein neunjähriges Mädchen steht in Flammen, als es beim Einsprühen des Kopfes mit JACUTIN N im Badezimmer, in dem sich auch ein Gasdurchlauferhitzer befindet, zur Verpuffung kommt (8.056).

 Lindan (Hexachlorcyclohexan) gehört wie DDT zu den chlorierten Kohlenwasserstoffen, die unter anderem über eine Beeinflussung von ATPasen als Nervengift wirken.2 Der seit 1996 verschreibungspflichtige Wirkstoff wird von der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde als wahrscheinliches Kanzerogen eingestuft und darf nach europäischen Umweltrichtlinien nur noch bis Ende 2007 verwendet werden. In Kalifornien wurde die Anwendung bei Kopfläusen und Skabies wegen der potenziellen Schädigung des Nervensystems und negativer Auswirkungen auf die Umwelt bereits verboten.2

Lindan ist ein langsam tötendes Pestizid.2 Das auf der Entwesungsmittelliste aufgeführte 0,3%ige JACUTIN Gel soll drei Tage auf dem Kopf verbleiben. Veröffentlichte klinische Daten gibt es weder für dieses Präparat noch für das zweite Lindan-haltige Läusemittel auf dem deutschen Markt, die 1%ige DELITEX-Haarwäsche N. Diese nicht vom UBA geprüfte Zubereitung muss nach spätestens vier Minuten abgewaschen werden.31 In vitro benötigt ein anderes 1%iges Shampoo fast drei Stunden, um Kopfläuse abzutöten, mit mäßiger Wirksamkeit gegen Eier (70%).32

Wegen dokumentierter schwerer Schadwirkungen wie Parästhesien und Krampfanfällen sowie Todesfällen, die sowohl nach korrekter Anwendung als auch nach nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch (am häufigsten nach wiederholter Anwendung wegen Therapieversagens) aufgetreten sind,2 raten wir von Lindan ab.

MEDIZINPRODUKTE: Hierzulande als Medizinprodukte angebotene Mittel basieren auf Kokosöl, Neemöl oder Dimeticon. Als Wirkmechanismus wird überwiegend angegeben, dass sie die Atemöffnungen der Parasiten verstopfen, sodass die Tiere ersticken oder austrocknen. Dieses Wirkprinzip ist nicht neu und soll auch Hausmitteln wie Vaseline oder Mayonnaise zu Grunde liegen. Bei Berichten über angebliche Erfolge "alternativer" Mittel aber ist zu berücksichtigen, dass die Parasiten im Gegensatz zu Säugetieren nicht auf eine kontinuierliche Atmung und Kreislauffunktion angewiesen sind und tot erscheinende Läuse sich wieder erholen können. Dies hat die WHO veranlasst, bei der Prüfung von Kopflausmitteln eine Nachbeoachtung von 24 Stunden zu empfehlen.2 Vaseline und Mayonnaise sollen sich in In-vitro-Tests als wirkungslos erwiesen haben, da sie die Läuse zwar vorübergehend immobilisieren, diese sich nach dem Abspülen aber in der Mehrzahl wieder erholen.2

 Kokosöl: Mit MOSQUITO Läuseshampoo steht jetzt erstmals ein Medizinprodukt auf der Entwesungsmittelliste.20 Die Kokosöl-haltige Haarwäsche hat laut UBA eine "auffallend schnell abtötende Wirkung auf alle Läusestadien".22 Voraussetzung ist eine sehr gute Durchtränkung der Haare mit dem Mittel. Ein Behandlungszyklus, bestehend aus Vorwäsche und zweimaligem Einschäumen mit jeweils 30-minütiger Einwirkzeit, soll bereits bei einmaliger Anwendung eine Tilgung aller Stadien ermöglichen. Wird hingegen nicht ausreichend Mittel aufgebracht und nicht gleichmäßig und intensiv verteilt, können sich Läuse wieder erholen.22 Das UBA empfiehlt daher für die Folgetage Nachkontrollen mit dem Nissenkamm. Werden dabei lebende Läuse entdeckt, ist die Behandlung sofort zu wiederholen. Bis hinreichend valide Daten aus Anwendungsbeobachtungen vorliegen, rät die Behörde auch bei negativen Kontrollen zu einem zweiten Anwendungszyklus nach acht bis zehn Tagen.22 Aus dem gleichen Grund ist die Listung als behördlich anerkanntes Entwesungsmittel zunächst auf zwei Jahre befristet.33 Die Gebrauchsinformation von MOSQUITO Läuseshampoo, die in ihrer derzeiten Fassung von den Empfehlungen des UBA abweicht (u.a. einmaliges Auftragen mit 60-minütiger Einwirkzeit),34 soll bis September überarbeitet sein.35

Ob der Effekt tatsächlich über ein Ersticken der Läuse zustande kommt, bleibt offen: Kokosnussöl soll die Fettsäuren Hexansäure (Capronsäure) und Octansäure (Caprylsäure) enthalten, denen eine Insekten-abtötende Wirkung bereits in starker Verdünnung zugeschrieben wird.36

Neben MOSQUITO Läuseshampoo enthalten drei weitere gegen Kopfläuse angebotene Medizinprodukte Kokosöl: AESCULO Gel L soll dreimal im Abstand von vier Tagen für 60 Minuten aufgetragen werden.37 Im randomisierten offenen Vergleich mit GOLDGEIST FORTE sollen sich 15 Tage nach jeweils einmaliger Anwendung bei keinem der 160 Teilnehmer Läuse nachweisen lassen.38 Die Publikation bleibt aufgrund ihrer unzureichenden Qualität jedoch ohne Aussagekraft. In einer Anwendungsbeobachtung mit 22 überwiegend stark befallenen Personen sollen ebenfalls alle Entwicklungsstadien nach einmaliger Anwendung abgetötet worden sein. Ein erneuter Nachweis von Läusen bei fünf Personen in der vierten Woche wird ohne nähere Begründung "eindeutig" auf eine Fremdinfektion zurückgeführt.39 Für GO-LAUS Shampoo behauptet der Anbieter eine "klinisch bestätigte 97%ige Effizienz".40 In den überlassenen unveröffentlichten Daten, einer Übersetzung aus dem Englischen mit einem Briefkopf der Universität von Bristol, wird das Produkt jedoch überhaupt nicht erwähnt. PARANIX Spray enthält neben Kokosöl Anis- und Ylang-Ylang-Öl. Es ist unter anderem Namen in Israel seit 1995 und in den USA seit 1996 auf dem Markt.41 Im offenen randomisierten Vergleich mit einer Kombination aus Permethrin, Malathion und Piperonylbutoxid (hierzulande nicht im Handel) soll es Läuse bei 60 (86%) von 70 Kindern (Kontrolle 59 [81%] von 73) beseitigen.42 Auch diese Untersuchung bleibt wegen zahlreicher Mängel ohne Aussagekraft. In einer ebenfalls mangelhaften Studie mit 24 Kindern soll eine dreimalige Anwendung von PARANIX ebenso wie zweimaliger Gebrauch eines Malathion-haltigen Produkts, jeweils verbunden mit täglichem Kämmen mit einem Nissenkamm, eine 100%ige Erfolgsquote haben.41

 Dimeticon: Seit Frühjahr 2006 ist mit NYDA L ein Dimeticon-haltiges Spray gegen Kopfläuse auf dem Markt. Der als Entblähungsmittel bekannte Wirkstoff soll ebenfalls die Atemöffnungen der Parasiten verkleben, muss dafür aber 8 bis 18 Stunden im Haar verbleiben und damit - abgesehen von Lindan - deutlich länger als alle anderen Kopflausmittel.43 Veröffentlichte Daten zum Nutzen von NYDA L gibt es nicht. Einen Anhaltspunkt könnte aber eine randomisierte Studie mit einem anderen Dimeticon-haltigen Mittel (Großbritannien: HEDRIN Lotion) geben, das Kopfläuse bei 83 (65%) von 127 Patienten erfolgreich tilgt.44 Vorsicht Desinformation: Hersteller Pohl-Boskamp behauptet, dass "die Wirksamkeit von NYDA L durch In-vitro-Tests beim Umweltbundesamt bestätigt worden" sei, die eine "100%ige Abtötung der mobilen Stadien (Läuse und Larven)" gezeigt haben sollen.45 Die beschriebene Untersuchung entspricht aber nicht dem Standardverfahren des UBA und lässt sich daher allenfalls als Vorprüfung bezeichnen. Dies wurde uns vom UBA bestätigt.21 Zudem ist NYDA L nicht, wie mehrfach behauptet, apothekenpflichtig46 und darf daher auch nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden.47,48

 Neemöl: Das in NIEMOLIND enthaltene Neemöl (= Niemöl) wird aus den Samen des Neembaums gewonnen und dient in der traditionellen indischen Medizin als Allheilmittel.49 Wichtigster insektizider Bestandteil ist Azadirachtin,49 das in den Stoffwechsel der Parasiten eingebaut wird und verschiedene für die Fortpflanzung notwendige Schritte hemmen soll.50 Studien, die den Nutzen von NIEMOLIND belegen, gibt es nicht. Bei 13 Säuglingen und Kleinkindern, die Neemöl (5 ml bis 30 ml) per os gegen Fieber, Verstopfung und andere Beschwerden erhalten haben, sind schwere Vergiftungen mit Reye-Syndrom und Tod beschrieben.49

Die Verträglichkeit der bei Kopflausbefall angebotenen Medizinprodukte ist noch schlechter dokumentiert als die der für diese Indikation erhältlichen Arzneimittel. In den Gebrauchsinformationen Kokosöl-haltiger Präparate werden unerwünschte Effekte entweder nicht erwähnt (GO-LAUS, PARANIX) oder es sollen keine bekannt sein (MOSQUITO Läuseshampoo).34 Lediglich bei AESCULO L werden seltene Überempfindlichkeitsreaktionen genannt.37 In einer der beiden Studien zu PARANIX klagt ein Kind (1 [1,4%] von 70) über Juckreiz unmittelbar nach der Anwendung.42 Das Dimeticon-haltige NYDA L kann allergische Reaktionen mit Entzündung, Schwellung, Rötung oder Hautausschlag hervorrufen.43 Unter NIEMOLIND sollen "selten" Nebenwirkungen auftreten, ohne dass diese beschrieben werden.50 Die für das Pyrethroid-haltige JACUTIN N Spray geäußerten Bedenken hinsichtlich verstärkter Aufnahme von Inhaltsstoffen über die Lunge und Verpuffungsgefahr mit der möglichen Folge schwerer Verbrennungen gelten unseres Erachtens auch für die Spray-Zubereitungen PARANIX und NYDA L.

KOSTEN: Unser Vergleich bezieht sich auf die Kosten eines vollständigen Behandlungszyklus, der nach den Empfehlungen des Umweltbundesamtes mindestens zwei Anwendungen umfasst. Die Aufwendungen für die Behandlung einer Person mit mittellangem Haar mussten zum Teil auf der Basis von Herstellerangaben geschätzt werden (siehe Tabelle). Achtung: Sämtliche als Medizinprodukte angebotenen Kopflausmittel (in der Tabelle kursiv) sind nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherungen verordnungsfähig.

  • Kopfläuse sind eine häufige Erkrankung, die vor allem Kinder betrifft. Der Nachweis von Läusen, Larven oder weniger als 1 cm von der Kopfhaut entfernten Nissen gilt als behandlungsbedürftig.
  • Da für keines der hierzulande angebotenen Mittel randomisierte kontrollierte Studien von hinreichender methodischer Qualität vorliegen, sind Therapieempfehlungen auf der Basis eines validen Vergleichs von Wirksamkeit und Verträglichkeit nicht möglich. Daher stützen wir unsere Bewertungen auch auf die veröffentlichten Erfahrungen des Umweltbundesamtes.
  • Alle Mittel sind mindestens zweimal im Abstand von acht bis zehn Tagen anzuwenden.
  • Von Präparaten, die nicht vom Umweltbundesamt geprüft sind und nicht auf der Entwesungsmittelliste stehen, raten wir ab.
  • Die Anwendung der Lindan-haltigen Arzneimittel JACUTIN Gel und DELITEX-Haarwäsche N halten wir wegen dokumentierter schwerer Schadwirkungen einschließlich Todesfällen für nicht vertretbar.
  • Die Spray-Zubereitungen JACUTIN N, NYDA L und PARANIX bergen das Risiko einer Aufnahme der Inhaltsstoffe über die Lunge und die Gefahr von Verpuffungen mit der möglichen Folge schwerer Verbrennungen. Wir raten von der Anwendung ab.
  • Für die Behandlung kommen daher in erster Linie GOLDGEIST FORTE und MOSQUITO Läuseshampoo in Betracht. INFECTOPEDICUL bleibt wegen des höheren Risikos der Resistenzbildung Mittel der Reserve.

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