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arznei-telegramm 2005; 36: 24



Nebenwirkungen
 
ÜBERSTERBLICHKEIT UNTER ALZHEIMER-MITTEL GALANTAMIN (REMINYL)

Das ALZHEIMER-Mittel Galantamin (REMINYL; a-t 2001; 32: 30-1) geht in zwei Studien zum Nutzen bei leichter kognitiver Beeinträchtigung* mit signifikanter Übersterblichkeit einher. Hersteller Janssen warnt in Kanada Patienten, ihre Betreuer und Ärzte (1). In den beiden 24-monatigen plazebokontrollierten Studien mit insgesamt rund 2.000 Teilnehmern sollte geprüft werden, ob täglich 16 mg bis 24 mg Galantamin Symptome bei leichter kognitiver Beeinträchtigung bessern und das Fortschreiten hin zu einer Demenz verzögern können.

Während ein Nutzen ausbleibt, sterben unter dem Cholinesterasehemmer nach vorläufigen Daten 15 Patienten (1,5%) im Vergleich zu 5 (0,5%) unter Plazebo (relatives Risiko 3,04; 95% Konfidenzintervall 1,26 bis 7,32) (1-4). Soweit den Herstellerangaben zu entnehmen ist, fallen unter den Todesursachen in der Galantamin-Gruppe kardiovaskuläre Komplikationen auf, mit zwei Herzinfarkten, drei plötzlichen Todesfällen sowie einer zerebrovaskulären Erkrankung mit Synkope (3). Ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko ist mit dem cholinergen Wirkmechanismus vereinbar. In Kurzzeitstudien zur ALZHEIMER-Demenz kommen Synkopen unter den drei verfügbaren Cholinesterasehemmern Donepezil (ARICEPT), Rivastigmin (EXELON) und Galantamin häufiger vor als unter Plazebo (5-7).

Auffällig sind in den aktuell bekannt gewordenen Studien zudem zwei Todesfälle durch Suizid (3). Suizid unter Galantamin wird zuvor bereits in einer Studie zum chronischen Müdigkeitssyndrom beobachtet (8). Aus Studien mit Demenzpatienten ist eine Zunahme von Depressionen unter Cholinesterasehemmern bekannt (5-7).

Galantamin ist bei leichter kognitiver Beeinträchtigung nicht zugelassen. In Studien mit Demenzpatienten soll laut Hersteller keine Übersterblichkeit unter Galantamin beobachtet worden sein (2,3). Diese Studien sind mit maximal sechs Monaten (3) jedoch kurz. In der bislang längsten plazebokontrollierten Untersuchung mit einem Cholinesterasehemmer bei ALZHEIMER, der herstellerunabhängigen AD2000-Studie mit Donepezil, sterben unter Verum 63 Patienten im Vergleich zu 50 unter Scheinmedikament, schwerwiegende unerwünschte Ereignisse nehmen mit 29 versus 23 ebenfalls zu (a-t 2004; 35: 67-8) (9).

In Studien zum Nutzen von Galantamin (REMINYL) bei leichter kognitiver Beeinträchtigung ist die Sterblichkeit unter dem Cholinesterasehemmer auf das Dreifache erhöht. Unter den Todesursachen fallen kardiovaskuläre Komplikationen und Suizide auf.

In der bislang längsten plazebokontrollierten Studie mit einem Cholinesterasehemmer - Donepezil (ARICEPT) - bei Morbus ALZHEIMER findet sich ebenfalls eine zumindest numerische Übersterblichkeit unter Verum.

Ein klinisch relevanter Nutzen der schlecht verträglichen Cholinesterasehemmer bei ALZHEIMER-Demenz ist nicht nachgewiesen.

Solange nicht in kontrollierten Langzeitstudien, die auf klinisch relevante Endpunkte angelegt sind, eine positive Nutzen-Risiko-Bilanz der Antidementiva belegt ist, raten wir von der Anwendung ab.


 

 

(R = randomisierte Studie)

 

1

JANSSEN-ORTHO: "Preliminary Safety Information from investigational studies with REMINYL (galantamine) in patients with mild cognitive impairment (MCI)", 21. Jan. 2005

 

2

Scrip 2005; Nr. 3023: 23

 

3

http://www.clinicalstudyresults.org; suchen unter REMINYL; Fulltext; Company Study

 

4

MAYOR, S.: BMJ 2005; 330: 276

 

5

US-amerikanische Produktinformation ARICEPT (Donepezil), Apr. 2004

 

6

US-amerikanische Produktinformation EXELON (Rivastigmine), Okt. 2004

 

7

US-amerikanische Produktinformation REMINYL (Galantamine), März 2003

R

8

BLACKER, C.V.R. et al.: JAMA 2004; 292: 1195-204

R

9

AD2000 Collaborative Group: Lancet 2004; 363: 2105-15

 

*

Mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (mild cognitive impairment) wird ein geringer Funktionsverlust höherer Hirnleistungen, insbesondere der Gedächtnisfunktionen, bezeichnet, der größer ist als altersgemäß zu erwarten, ohne dass aber die Kriterien für eine Demenz erfüllt sind. Eine einheitliche Definition des relativ neuen Terminus besteht bislang nicht. Unklar ist auch, wie groß der Anteil der Betroffenen ist, bei denen die Störung in eine Demenz übergeht.



© arznei-telegramm 02/05