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arznei-telegramm 2007; 38: 40

 


Nebenwirkungen
 
 
JAPAN: OSELTAMIVIR (TAMIFLU) NICHT MEHR FÜR TEENAGER

In Japan sollen Kinder ab 10 Jahren und Jugendliche mit Influenza nur noch in Ausnahmefällen den Neuraminidasehemmer Oseltamivir (TAMIFLU) erhalten. Gleichzeitig weist das Gesundheitsministerium den japanischen Vertreiber an, in Krankenhäusern Sicherheitsinformationen über das Mittel zu verteilen. Hintergrund sind erneute Berichte über Jugendliche, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Anwendung von Oseltamivir aus Gebäuden sprangen (vgl. a-t 2005; 36: 113-4) (1). Im Februar kamen dabei zwei 14-Jährige zu Tode, die am gleichen bzw. am Vortag mit der Einnahme des Neuraminidasehemmers begonnen hatten (2,3). Zwei 12-Jährige überlebten einen Sprung aus dem zweiten Stock. Bei beiden konnten Ärzte eine Manifestation der Influenza im Gehirn ausschließen (1).

Bis Oktober 2006 bestätigt das japanische Gesundheitsministerium 16 Berichte über Kinder und Jugendliche bis einschließlich 16 Jahren, die unter Oseltamivir verhaltensauffällig werden und zu Tode kommen (3). Verhaltensstörungen einschließlich Fensterstürzen sind aber auch bei Erwachsenen dokumentiert (4). Trotz des zunehmenden öffentlichen Drucks taten sich die japanischen Behörden bislang schwer, Maßnahmen zu ergreifen, die über den in der Fachinformation gelisteten Hinweis auf mögliche neuropsychiatrische Effekte wie bizarres Verhalten hinausgehen. Begründet wurde dies stets mit dem fehlenden Nachweis eines Kausalzusammenhangs zwischen dem abnormen Verhalten und der Einnahme von Oseltamivir (2,5). Auch das Ergebnis einer Überwachung von rund 2.800 japanischen Kindern durch eine vom Gesundheitsministerium eingesetzte Kommission soll keinen Hinweis auf einen Zusammenhang ergeben haben (2). Allerdings hat deren Vorsitzender inzwischen eingeräumt, in den vergangenen Jahren umgerechnet rund 58.000 Euro (9 Mio. Yen) vom japanischen TAMIFLU-Importeur erhalten zu haben (6). Kritik kommt auch vom unabhängigen japanischen Institut für Pharmakovigilanz, das nach erneuter Analyse der Daten einen deutlichen zeitlichen Zusammenhang sieht (2).

Gestützt wird diese Beurteilung durch eine Auswertung aller innerhalb eines Jahres dokumentierten überwiegend aus Japan stammenden Berichte zu neuropsychiatrischen Ereignissen durch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA. Diese Analyse hatte Ende vergangenen Jahres dazu geführt, dass in der US-amerikanischen TAMIFLU-Produktinformation inzwischen auf Selbstgefährdung und Verwirrtheit hingewiesen wird sowie auf die Notwendigkeit, Patienten mit Influenza während der Behandlung engmaschig auf bizarres Verhalten zu überwachen. Das zuständige Beraterkomitee betont den engen zeitlichen Zusammenhang: Die Symptome beginnen in der Mehrzahl der Fälle nach ein oder zwei Dosierungen Oseltamivir. Zudem stufen viele der berichtenden Ärzte die beobachteten Effekte als Arzneimittel-induziert ein mit rascher und vollständiger Rückbildung nach Absetzen. Da die beschriebenen Verhaltensstörungen und Suizide andererseits nicht typisch sind für Enzephalitis oder Delir im Rahmen einer Influenza, schließen das Komitee und die FDA einen ursächlichen Zusammenhang mit Oseltamivir nicht mehr aus (vgl. a-t 2006; 37: 122) (7).

Der TAMIFLU-Hersteller Roche erklärt in einer Pressemitteilung (8) anlässlich der Ereignisse in Japan verharmlosend, "Delirium und neuropsychiatrische Störungen" seien "im Zusammenhang mit einer Grippe nicht ungewöhnlich". Die zusätzlich zur Entlastung des Neuraminidasehemmers angeführten Studien, in denen neurologische und psychiatrische Ereignisse bei Patienten unter Oseltamivir nicht häufiger vorkommen sollen als bei solchen ohne das Mittel, sind nicht veröffentlicht und lassen sich daher nicht beurteilen. Auf unsere Frage nach Schritten zur Information und Gefahrenabwehr hierzulande erklärt die Firma, es seien keine Maßnahmen geplant (9), obwohl japanischen Tageszeitungen bereits einen Tag zuvor zu entnehmen war, dass ein Hinweis auf neuropsychiatrische Störwirkungen und die Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung nach Angaben von Mitarbeitern der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA in Vorbereitung ist (10). Einen Tag danach bestätigt die Behörde dies in einer Pressemitteilung (11).

Die Behandlung der Influenza mit dem Neuraminidasehemmer Oseltamivir (TAMIFLU) birgt unkalkulierbare Risiken einschließlich selbstgefährdender Verhaltensstörungen.
Angesichts des marginalen Nutzens bei gesunden Kindern und Erwachsenen und des fehlenden Nachweises einer Wirksamkeit bei Patienten mit chronischen kardialen und/oder respiratorischen Erkrankungen (12) (a-t 2006; 37: 51 und 2005; 36: 62-3) raten wir von Oseltamivir bei Virusgrippe ab.


 

1

Mainichi Daily News vom 21. März 2007; http://mdn.mainichi-msn.co.jp/national/news/p20070321p2a00m0na013000c.html

 

2

Kyodo News vom 28. Febr. 2007; http://home.kyodo.co.jp/modules/fstStory/index.php?storyid=300972

 

3

Mainichi Daily News vom 27. Febr. 2007; http://cc.msnscache.com/cache.aspx?q=6399646050669=ja-JP&mkt=ja-JP&FORM=CVRE2

 

4

Scrip 2007; Nr. 3245: 18

 

5

Scrip 2007; Nr. 3238: 15

 

6

Mainichi Daily News vom 13. März 2007; http://cc.msnscache.com/cache.aspx?q=6398843919321&lang=ja-JP&mkt=ja-JP&FORM=CVRE6

 

7

FDA: Memorandum Oseltamivir-Neuropsychiatric Events; 20. Sept. 2006; http://www.fda.gov/ohrms/dockets/ac/06/briefing/2006-4254b_09_01_Tamiflu%20AE%20Review%202006%20Redacted_D060309_092.pdf

 

8

Roche (Schweiz): Pressemitteilung vom 20. März 2007

 

9

Roche (Schweiz): E-Mail vom 22. März 2007

 

10

Kyodo News vom 21. März 2007

 

11

EMEA: Pressemitteilung vom 23. März 2007

 

12

Roche (Deutschland): Fachinformation TAMIFLU; Stand Jan. 2006

 

*

Vorversion am 22. März 2007 als blitz-a-t veröffentlicht.



©arznei-telegramm 4/2007