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Korrespondenz

FAKTEN ZUM MISSBRAUCH VON FLUNITRAZEPAM (ROHYPNOL)

ROHYPNOL hat im Jahr 1988 in Bezug auf die Mißbrauchshäufigkeit alle anderen Benzodiazepin-Derivate (BZD) in der Bundesrepublik überholt.1 Unter den Mißbrauchern waren nach Daten des "Frühwarn-Systems (FWS) zur Erfassung der Mißbrauchsmuster in der Bundesrepublik" 77% Drogenabhängige, aber auch 14% Medikamentenabhängige und 9% Alkoholkranke mit zusätzlichem Mißbrauch von Medikamenten und/oder Drogen.2 ... Im Beobachtungszeitraum 1991 - September 1992 lag die Zahl der regelmäßigen Mißbraucher bei 66% (alle Prozentangaben gerundet). ROHYPNOL ist damit eins der am weitesten verbreiteten Suchtmittel in der Bundesrepublik. Der Anteil der Mißbraucher mit persönlicher Mißbrauchserfahrung von ROHYPNOL unter allen Befragten war von 1982 mit 1,6% auf 20% im Jahr 1990 gestiegen. ...

Im a-t 12 (1992), 120 werden übliche Einnahmemengen von 5 - 10 Tabletten täglich angegeben. Nach FWS-Daten lag die mittlere Dosis mit 5,3 Tabletten pro Tag zwar in diesem Bereich. Zwei Drittel der Mißbraucher überschritten jedoch die vom Hersteller empfohlene Maximal-Dosis um bis zum Doppelten, 30% um bis zum 5fachen, weitere 6% um bis zum 10fachen und knapp 2% bis mehr als dem 30fachen der empfohlenen Dosis. ... Die mittlere Mißbrauchsdauer lag bei über 2 Jahren mit weiter Streubreite bis zu über 10 Jahren. ... Beschafft wurde bis 1990 zu 38% in der Drogenszene, zu 58% von einem verschreibenden Arzt, 1991-92 aber zu 61% in der "scene" und nur noch zu 36% von einem Arzt. Wiederverkauf nach ärztlicher Verschreibung und Abzweigung in den Großhandelskanälen sind damit wahrscheinlich. ...

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der von uns untersuchten Mißbraucher von BZD allgemein, nämlich 19%, hatte den Substanzmißbrauch mit einem BZD begonnen. 11% aller 4528 BZD-Mißbraucher blieben bei monotoxikomanem Mißbrauch, 9% schlossen eine Mißbrauchskarriere mit anderen Substanzen an, und für 83 (1,8%) war der BZD-Mißbrauch zum Start einer voll ausgebildeten Drogen-Karriere geworden. ...

Kluge Gegenmaßnahmen sind dringend zu empfehlen. Allerdings ist zu bedenken, daß die BZD gegeneinander weitgehend austauschbar sind. Ein Verbot von ROHYPNOL bzw. eine Rücknahme vom Markt (Spiegel Nr. 46/1992), würde nach unseren Erfahrungen in ähnlichen Situationen mit Sicherheit darin resultieren, daß ein anderes Benzodiazepin-Derivat mit äquivalenter Wirkung an seine Stelle treten würde (etwa MOGADAN oder wieder VALIUM selbst) – aller Voraussicht nach mit denselben Folgen. Es handelt sich hier nicht um ein einzelnes Benzodiazepin-Derivat, sondern um eine vernünftige und differenzierte Regelung aller BZD.

Es wird eine neue Klasse der Kontrolle zwischen einfacher Rezeptur und Betäubungsmittel-Verschreibung einzurichten sein, in die ein Präparat wie ROHYPNOL, aber auch andere Präparate mit ähnlich besorgniserregendem Mißbrauchsmuster (Barbiturate, Clomethiazol u.a.), eingeordnet werden könnten. Das bedeutet Gesetzesänderung. Wir haben dies schon vor 8 Jahren angeregt; man sagte uns, es werde 5 Jahre dauern – zu lange. Aber wir hätten eine solche Regelung heute, hätten wir sie damals angepackt.

1

KEUP, W.: Sucht 38 (1992), 3

2

KEUP, W.: "Mißbrauchsmuster bei Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten und Drogen. Frühwarnsystem-Daten für die Bundesrepublik Deutschland 1976-1990." Lambertus-Verl., Freiburg 1992



Prof. Dr. med. W. KEUP
W-8134 Pöcking b. Starnberg


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