In a-t 7 (1993), 74 berichteten wir erstmalig über bleibende Sehstörungen und Blindheit nach parenteraler Anwendung des Ulkusmittels Omeprazol
(ANTRA, GASTROLOC). Fundoskopisch wird eine anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION) festgestellt, die über Schleiersehen und
Gesichtsfeldeinschränkungen bis zur totalen Erblindung führt. Die Schädigung des Sehnervs scheint bei den vier Patienten, die bisher über fünf bis acht Monate
beobachtet werden, irreversibel zu sein. Die in a-t 9 (1993), 85 beschriebenen Hörstörungen mit Hörsturz und Taubheit sind klinisch mit einer gleichartigen
Schädigung des achten Hirnnerven vereinbar.
Der Hersteller Astra reagierte gegenüber anfragenden Kollegen mit unrichtigen Angaben zu den Fallmeldungen und der Behauptung, daß es für einen
Kausalzusammenhang nach wie vor keine Belege gebe (Schreiben vom 17. Aug. 1993). Es finden sich aber unter den Nebenwirkungsmeldungen anderer Länder
ebenfalls Hinweise auf Sehstörungen, Blindheit, Hörstörungen und Taubheit sogar in Ländern, in denen nur orale Anwendungsformen vom Omeprazol
zugelassen sind! Solche Beobachtungen wurden anscheinend gelistet, ohne daß eine in die Tiefe gehende Nachforschung folgte.
Dem NETZWERK berichtete schon 1991 ein Herforder Allgemeinmediziner über einen Patienten mit Refluxösophagitis, der nach Einnahme von GASTROLOC so
verschwommen sieht, daß er nicht Auto fahren kann. Bei erneuter Einnahme wiederholen sich die Beschwerden (NETZWERK-Bericht 4679). Nach unserer
Erstmitteilung erhielten wir weitere Berichte. Bei einer 36jährigen Hausfrau aus dem Ruhrgebiet verschlechtert sich nach viertägiger Einnahme des
Protonenpumpenhemmers das Sehvermögen. Die Visusminderung geht mit Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen einher. Eine 78jährige erhält wegen
Refluxösophagitis mehrere Monate lang Omeprazol. Nach schrittweiser Dosissteigerung auf 60 mg/Tag klagt sie über Schleiersehen, milchglasartige Trübungen und
Unschärfe. Bei beiden Frauen bessern sich die Beschwerden nach Absetzen (Berichte 6767 und 6779).
Nach viertägiger Injektion von Omeprazol wegen hämorrhagischer erosiver Gastritis sieht eine 33jährige, an metastasierendem Brustkrebs erkrankte
Röntgenassistentin verschwommen und unscharf (Bericht 6832). Ein 62jähriger entwickelt unter Omeprazol eine mäßig ausgeprägte Thrombozytopenie und klagt
über Sehstörungen, die mehrmals am Tage auftreten. Nach Absetzen kommt es innerhalb von zehn Tagen zur Besserung, aber nicht zur völligen Wiederherstellung
der Sehfähigkeit.
Ein 47jähriger Patient sucht nach fünfmonatiger Einnahme von Omeprazol einen Augenarzt auf, weil er seit fünf Tagen Flimmern im linken Auge und
Bewegungsschmerz wahrnimmt. Bei Voruntersuchungen war die Sehschärfe beidseits normal. Nun findet sich eine deutliche Visusabnahme links, die im Laufe von
einer Woche fortschreitet und sich nach Absetzen von Omeprazol bei einem Wert von 0,6 stabilisiert. Die Verminderung der Sehschärfe geht mit progredienter
temporaler Gesichtsfeldeinschränkung links einher. Die linke Papille ist diffus ödematös und abgeblaßt entsprechend einer Apoplexia papillae (AION). Das CT zeigt
keine vasale Ursache für die anteriore ischämische Optikusneuropathie.
Wir bitten um erhöhte Aufmerksamkeit und Berichte über ähnliche Erfahrungen. Patienten mit Sehstörungen unter Omeprazol müssen wegen der möglichen
Irreversibilität der Optikusneuropathie die Einnahme sofort beenden und augenärztlich untersucht werden, einschließlich Fundoskopie und
Gesichtsfeldüberprüfung.
Zur Risikominderung erscheint eine Anwendungsbeschränkung von Omeprazol auf wenige unverzichtbare Indikationen wie Refluxösophagitis Grad IV und
ZOLLINGER-ELLISON-Syndrom angebracht.
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