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erste Seite a-t 1995; Nr.7: 72, 77 
Therapieempfehung

OBERFLÄCHLICHE INFEKTIONEN DES AUGES:
WELCHES ANTIINFEKTIVUM?

Neben Augenärzten behandeln vor allem Allgemein- und Kinderärzte oberflächliche Infektionen des vorderen Augenabschnittes. Gegen akute bakterielle Infektionen, die typischerweise mit Schmerzen, Rötung, Tränen und Ödemen einhergehen, werden am häufigsten die Aminoglykoside Gentamicin (REFOBACIN u.a.) und Kanamycin (KANAMYTREX u.a.) sowie das steroidähnliche Antibiotikum Fusidinsäure (FUCITHALMIC) verordnet. Die 1991 eingeführten Gyrasehemmer-haltigen Augenzubereitungen FLOXAL (Ofloxacin) und CHIBROXIN (Norfloxacin) nehmen zwei Jahre später bereits Rang vier und sieben der meistverordneten antiinfektiven Ophthalmika ein.1

Eine wesentliche Vorsichtsmaßnahme bleibt bei den meisten vielverordneten Mitteln unberücksichtigt: Zur örtlichen Anwendung am Auge haben Antiinfektiva Vorrang, die nicht zur systemischen Behandlung verfügbar sind. Dadurch sollen Resistenzentwicklung und Sensibilisierung vermieden werden, die den Nutzen systemischer Antibiotika bei wichtigen Infektionen in anderen Fachgebieten einschränken. Der Vorbehalt gilt für Fusidinsäure, die Aminoglykoside Gentamicin und Tobramycin (TOBRAMAXIN) und Gyrasehemmer, die in Vergleichsstudien ebensogut wirken wie Aminoglykoside.2

Antibiotikum der Wahl bleibt das Aminoglykosid Kanamycin, das wegen besonderer Ototoxizität nicht systemisch verwendet wird. Eine Resistenzentwicklung ist – abgesehen von einer gewissen Kreuzresistenz mit anderen Aminoglykosiden – weniger zu befürchten.1

Bakterielle Bindehautentzündungen sprechen oft gut auf Antiseptika wie Bibrocathol (NOVIFORM u.a.) an, die weder parallelallergisierend zu Parenteralantibiotika wirken, noch die Selektion resistenter Keime fördern.3

Chloramphenicol (AQUAMYCETIN N u.a.) hat ein breites Wirkspektrum. Die Gefahr der Resistenzentwicklung ist gering. Wegen der seltenen, aber lebensbedrohlichen Gefährdung durch Blutschäden gilt es als Reservemittel.1,4 Vor 40 Jahren wurde erstmals ein Todesfall Chloramphenicol- Augentropfen angelastet.3 Aplastische Anämien entwickeln sich unter Chloramphenicol per os bei 1:50.000 bis 1:30.000 Behandlungen. Wegen der guten Absorption nach örtlicher Anwendung am Auge wird das Risiko durch Augentropfen auf die gleiche Größenordnung geschätzt.4

Das Aminoglykosid Neomycin (in NEBACTIN u.a.) soll wegen allergisierender und lokal irritierender Effekte nicht lokal angewendet werden. Dies gilt wegen hoher Sensibilisierungsraten auch für Sulfonamide (z.B. ARISTAMID).1 Die häufigsten grampositiven (Staphylokokken, Streptokokken, Pneumokokken) und nahezu alle gramnegativen Keime, die Entzündungen am Auge hervorrufen können, sind zudem sulfonamidresistent.

Bei häufig verordneten Kombinationspräparaten wird leicht übersehen, daß sie bedenkliche bzw. für die breite Verwendung ungeeignete Bestandteile enthalten, beispielsweise ein Sulfonamid (in BLEPHAMIDE, plus Prednisolon) oder Chloramphenicol (in AQUAPRED, plus Prednisolon). Kortikoide eignen sich auch in Kombination mit Antibiotika nicht für infektiöse Bindehautentzündungen.1 Sie hemmen die Keimabwehr, können bei Prädisposition ein Glaukom auslösen und Linsentrübungen Vorschub leisten.

FAZIT: Zur Behandlung oberflächlicher Infektionen des Auges bleibt Kanamycin (KANAMYTREX u.a.) Mittel der Wahl, wenn Antiseptika wie Bibrocathol (NOVIFORM u.a.) versagen. Eine Anwendungsnische für Chloramphenicol (AQUAMYCETIN u.a.) oder die neueren, vergleichsweise teuren Gyrasehemmer- Zubereitungen ergibt sich bei Unverträglichkeit oder Resistenz gegenüber anderen Antiinfektiva.2

1

LOHSE, M. J. in SCHWABE, U., D. PAFFRATH (Hrsg.): "Arzneiverordnungs-Report '94", Fischer, Stuttgart, 1994, Seite 333

2

Drug Ther. Bull. 32 (1994), 78

3

BEHRENS-BAUMANN, W.: Dt. Ärztebl. 85 (1988), B-796

4

DOONA, M., J. B. WALSH: Brit. Med. J. 310 (1995), 1217


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