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vorsicht: bedenkliche neueinführung - rosiglitazon (avandia) bei altersdiabetes
 
VORSICHT: BEDENKLICHE NEUEINFÜHRUNG -
ROSIGLITAZON (AVANDIA) BEI ALTERSDIABETES


Erinnern Sie sich? "Nebenwirkungen ... auf Plazebo-Niveau" (1) wurden dem Antidiabetikum Troglitazon bei Markteinführung in den USA (REZULIN) bescheinigt. Inzwischen ist es wegen Leberschädlichkeit und mindestens 63 Todesfällen weltweit vom Markt. SmithKline Beecham bringt soeben die Molekuelvariante Rosiglitazon (AVANDIA) als "sehr gut verträglich" in den Handel. Das Mittel soll ursächlich die Insulinresistenz vermindern: Werbung: "Insulinresistenz: Es gibt ein Zurück!" (2).

Das neue Glitazon ist ausschliesslich als Zusatz zur Behandlung des Typ-II-Diabetes (Altersdiabetes) bei nicht ausreichender Wirksamkeit von Sulfonylharnstoffen wie Glibenclamid (EUGLUCON N u.a.) oder dem Biguanid Metformin (GLUCOPHAGE u.a.) zugelassen. Als Monotherapie schneidet Rosiglitazon im einjährigen (unveröffentlichten!) Vergleich schlechter ab als Glibenclamid (3). Der Antrag auf Zulassung zur Monotherapie wurde deshalb vom Europäischen Arzneimittelausschuss CPMP abgelehnt.

In zwei kontrollierten Studien (4,5) senkt Rosiglitazon als Zusatz zu Sulfonylharnstoffen oder hochdosiertem Metformin im Vergleich zu Scheinmedikament das HbA1c (Surrogatparameter) dosisabhängig um 0,6% bis 1,2%. Ein klinischer Nutzen ist nicht belegt.

Glitazone sollen die Insulinresistenz bei Diabetes beeinflussen - wie, ist nicht vollständig geklaert. Wichtigster Effekt scheint die Vermehrung von Fettgewebe zu sein (6). Die neu entstehenden Fettzellen nehmen Blutglukose auf, wandeln sie um und speichern sie als Fett. Dieser Wirkmechanismus hat regelmässig eine unerwünschte Folge: das Körpergewicht steigt. In klinischen Studien mit Rosiglitazon zeichnet sich eine kontinuierliche Gewichtszunahme ab, ohne Hinweis auf Stopp (7). Sie beträgt innerhalb eines halben Jahres 4% bis 6% des Ausgangsgewichts (8). Nach dem, was man aus human- und tiergenetischen Studien weiss, ist zudem damit zu rechnen, dass ab einer kritischen Schwelle der Fettgewebsvermehrung die Insulinresistenz wieder zunimmt (6). Der Langzeitnutzen der Behandlung ist daher mehr als fraglich.

Leberschäden, die zur Marktrücknahme des ersten Glitazons geführt haben, kommen auch unter Einnahme von Rosiglitazon vor. Ein Klasseneffekt wird diskutiert (7,9). Leberversagen, zum Teil mit tödlichem Verlauf, ist beschrieben. Wenn ein herstellernaher Meinungsbildner heute noch öffentlich behauptet, es seien keine "schwerwiegenden unerwünschten Effekte und ... keine Lebertoxizität ... gemeldet worden" (10), kann dies - ebenso wie die AVANDIA-Werbung - nur als gezielte Desinformation gewertet werden, die von einem breiten Spektrum von Schadwirkungen ablenken soll: In den ersten vier Monaten nach Markteinführung im Juni 1999 erhielt die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA vier Berichte über Leberversagen unter Rosiglitazon (7). Zwei Berichte über Leberversagen und schwere Leberschädigung sind seit Januar 2000 publiziert (11,12).

Im Tierversuch wirken Glitazone herzschädigend. Herzinfarkte kommen in klinischen Studien unter Rosiglitazon offenbar insgesamt häufiger vor als in den Kontrollgruppen (7). Glitazone verursachen zudem Wassereinlagerung, die Herzinsuffizienz auslösen oder verschlechtern kann und zum Anstieg des Körpergewichts beiträgt. Der FDA liegen innerhalb von vier Monaten fünf Berichte über Herzinsuffizienz unter Rosiglitazon vor (7). Ödeme betreffen 5% der Anwender (3).

Blutfette (Gesamtcholesterin, LDL, HDL) steigen unter der Einnahme an (4,5). Die langfristigen Auswirkungen von Glitazon-bedingter Gewichtszunahme und Anstieg der Blutfette auf kardiovaskuläre Folgeerkrankungen sind nicht bekannt.

Anämie (2%, bei Kombination mit Metformin 7% (3)) und Leukopenie dürften nicht allein auf erhöhtem Plasmavolumen beruhen. Als Auslöser kommen vor allem eine Verdrängung von Knochenmarkzellen durch Fettzellen oder direkte Effekte auf die Stammzellen im Knochenmark in Betracht (7).

Im Tierversuch lösen Glitazone Darmtumoren aus. Menschen mit familiärer adenomatöser Polypose sollen das Mittel nicht einnehmen (6).

Rosiglitazon (AVANDIA) kostet monatlich je nach Packungsgroesse 94 DM bis 100 DM (4 mg/Tag) bzw. 143 DM bis 147 DM (8 mg/Tag). Die Zusatztherapie verteuert die Behandlung mit Glibenclamid- oder Metformin-Nachfolgepraeparaten um das 14- bis 15fache (bei 8,75 mg Glibenclamid + 4 mg Rosiglitazon) bzw. um das 3- bis 4fache (bei 2550 mg Metformin + 4-8 mg Rosiglitazon).

FAZIT: Das neue Diabetes-Mittel Rosiglitazon (AVANDIA) ist wegen Wirkschwäche nur als Zusatztherapeutikum zugelassen. Es handelt sich unseres Erachtens um ein bedenkliches Arzneimittel. Rosiglitazon kann lebensbedrohliche Herzinsuffizienz und Leberversagen auslösen. Körpergewicht der ohnehin oft übergewichtigen Patienten und Blutfette steigen an. Mit Ödemen und Anämie ist zu rechnen. Diesen gefährlichen Risiken steht kein adäquater Nutzen gegenüber. Deshalb täuscht die Werbung - "sehr gut vertraeglich" (2) - Anwender und Patienten. Die Marktzulassung des Mittels können wir nicht nachvollziehen.

 (1) Pharm. Ztg. 1997; 142: 1494
 (2) SmithKline Beecham: AVANDIA-Werbung, Ärzte Ztg. vom 20. Juli 2000
 (3) HEBEL, S.K. et al. (Hrsg.): "Drug Facts and Comparisons", St. Louis (USA), Januar 2000, Seite 308-12
 (4) FONSECA, V. et al.: JAMA 2000; 283: 1695-702
 (5) WOLFFENBUTTEL, B.H.R. et al.: Diab. Med. 2000; 17: 40-7
 (6) SCHOONJANS, K., AUWERX, J.: Lancet 2000; 355: 1008-10
 (7) WOLFE, S.M. et al.: "Glitazone petition", http://www.citizen.org/hrg/publications/1514.htm, 17. Juli 2000
 (8) SmithKline Beecham: Fachinformation AVANDIA, Stand Juli 2000
 (9) Scrip 1999; Nr. 2484: 21
(10) EDELMAN, S.: zit. nach Ärzte Ztg. vom 17. Juli 2000
(11) FORMAN, L.M. et al.: Ann. Intern. Med. 2000; 132: 118-21
(12) AL-SALMAN, J. et al.: Ann. Intern. Med. 2000; 132: 121-4



 
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blitz-a-t 21. Juli 2000

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