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Therapiekritik

SAUERSTOFF GEGEN LUFTNOT BEI SCHWEREN ERKRANKUNGEN?

Bei schweren Erkrankungen wie Krebs, Herzinsuffizienz, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) u.a. kann auch ohne deutliche Verminderung des Sauerstoffpartialdrucks im arteriellen Blut (paO2) das Gefühl anhaltender, schwer beeinflussbarer Luftnot entstehen, das die Lebensqualität deutlich einschränkt. Pharmakologische Intervention der Wahl in einer palliativen Situation zur Linderung des Dyspnoegefühls sind Opiate. Die Langzeitanwendung von Sauerstoff über eine Nasensonde ist weit verbreitet, der Nutzen dieser Intervention jedoch nicht gut untersucht. Aktuelle Empfehlungen zur Behandlung der COPD sehen eine gesicherte Indikation zur Sauerstofftherapie erst bei einem paO2 unter 55 mmHg vor, darüber nur bei zusätzlichen Einschränkungen wie z.B. pulmonalem Bluthochdruck.1 Potenzielle Nachteile und Risiken müssen bedacht werden: eingeschränkte Aktivität, Hyperkapnie, Feuergefahr u.a.2

In einer aktuell veröffentlichten randomisierten, verblindet durchgeführten Studie mit 239 Patienten wird der Einfluss einer kontinuierlichen Sauerstoffanwendung aus einem Gaskonzentrator* (mindestens 15 Stunden täglich) gegenüber Versorgung mit Raumluft (jeweils 2 l/min über eine Nasensonde) über sieben Tage geprüft. Die Studienteilnehmer leiden trotz optimaler Behandlung an Luftnot in Ruhe oder bei minimaler Belastung, haben jedoch einen paO2 von mindestens 55 mmHg. 64% der Patienten leiden an einer COPD, 14% an einem Lungenkarzinom. Der primäre Endpunkt, die subjektiv von den Patienten angegebene Luftnot, gemessen mit einer numerischen Skala von 0 bis 10 (keinerlei bis schwerste Luftnot) unterscheidet sich im gesamten Studienzeitraum nicht zwischen den beiden Gruppen. Unter beiden Behandlungen verbessern sich mit Beginn der Intervention Luftnot und Lebensqualität in einem geringen, klinisch fraglich relevanten Ausmaß. Die Dyspnoe nimmt bei Ausgangswerten von 4 bis 5 Punkten morgens nach dem Aufwachen um etwa 0,8 Punkte (O2: 0,9, Raumluft: 0,7), abends um 0,4 Punkte (O2: 0,3, Raumluft: 0,5)ab. Diese Verbesserungen sind innerhalb der ersten 24 Stunden erfassbar. Welche Patienten(gruppen) am ehesten profitieren, ist nicht ausgewertet. Dass auch unter Zufuhr von Raumluft Linderung verspürt wird, wird mit dem Plazeboeffekt, verminderter Angst aufgrund der Intervention und dem Gefühl der strömenden Luft in den Nasenwegen begründet.3

Die Übertragbarkeit der Studienergebnisse ist eingeschränkt. Die meisten Patienten leiden an COPD, nur 3% der Studienteilnehmer haben eine schwere Herzerkrankung. Zudem sind die Studienteilnehmer nicht dauerhaft bettlägerig und repräsentieren somit nicht die Schwerstkranken.

Die enttäuschenden Resultate stehen jedoch nicht allein: In einer Metaanalyse von fünf kleinen Crossover-Studien zur Sauerstoffbehandlung bei Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung und ausreichender Sauerstoffsättigung lässt sich ebenfalls keine Besserung der Luftnot im Vergleich zu Raumluft erkennen.4

∎  Schwer kranke Patienten mit Luftnot und Sauerstoffpartialdrucken über 55 mmHg profitieren kaum von einer Versorgung mit Sauerstoff aus einem Gaskonzentrator. Der gleiche Effekt lässt sich durch Anwendung von Raumluft über eine Nasensonde erzielen.

∎  Die Entscheidung zu einer Sauerstoffbehandlung sollte nach Aufklärung über den geringen Nutzen und die potenziellen Nachteile zusammen mit den Patienten getroffen werden. Der Effekt ist in jedem Fall engmaschig zu kontrollieren.

  (R =randomisierte Studie, M = Metaanalyse)
1 Global Initiative for chronic obstructive lung disease: Global strategy for the diagnosis, management and prevention of chronic obstructive pulmonary disease, Stand 2009; zu finden unter:
http://www.goldcopd.com
2 BOOTH, S. et al.: Resp. Med. 2004; 98: 66-77
R  3 ABERNETHY, A.P. et al.: Lancet 2010; 376: 784-93
M  4 URONIS, H.E. et al.: Br. J. Cancer 2008; 98: 294-9

* Gaskonzentratoren stellen O2-Konzentration von etwa 90% bis 95% bereit.

© 2010 arznei-telegramm, publiziert am 5. November 2010

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