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SURFACTANT (ALVEOFACT, SURVANTA)
FÜR FRÜHGEBORENE MIT ATEMNOT-SYNDROM

Die Bedeutung des Surfactant für die Verringerung der Oberflächenspannung in den Alveolen und damit für die Lungenentfaltung Neugeborener und die Erleichterung des alveolären Gasaustausches ist seit Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Erstmals steht jetzt mit ALVEOFACT (Thomae) und SURVANTA (Abbott) Surfactant aus Rinderlungen zur Anwendung in der Frühphase des Atemnot-Syndroms Frühgeborener und zur Vorbeugung bei Frühgeborenen mit hohem Risiko eines Atemnot-Syndroms zur Verfügung.

Mit verschiedenen natürlichen Surfactant-Zubereitungen durchgeführte kontrollierte klinische Studien an sehr kleinen Frühgeborenen mit Atemnot-Syndrom belegen deren akute Wirksamkeit mit Reduktion des Beatmungsbedarfs: Unter Berücksichtigung der Gesamtdaten von 11 Studien mit insgesamt 381 behandelten Kindern und Kontrollgruppen mit 371 Frühgeborenen erhöht Surfactant die Überlebenschance von 67% auf 81%. Während in den Kontrollgruppen lediglich 34% der Kinder ohne bronchopulmonale Dysplasie überleben, sind es in der Therapiegruppe mit 54% deutlich mehr.2

Als schwerwiegende unerwünschte Wirkung der Surfactant-Therapie ließ sich in einer multizentrischen Studie eine erhöhte Inzidenz intrakranieller Blutungen nachweisen.3 In einigen klinischen Studien finden sich vermehrt nosokomiale Infektionen unter der Therapie.1 Eine erhöhte Inzidenz eines hämodynamisch relevanten offenen Ductus arteriosus wird in einer kontrollierten Studie beschrieben.4 Die größere Häufigkeit von Apnoen, die aus dem größeren Bedarf an Methylxanthinen bei Surfactant-Patienten geschlossen wird, beruht wahrscheinlich auf der kürzeren Beatmungsdauer.

Auf die potentielle Immunogenität der Fremdprotein-haltigen Surfactant-Zubereitung ist zu achten. In einer Studie ließen sich an Frühgeborenen mit Atemnot-Syndrom Surfactant-anti-Surfactant-Immunkomplexe sowohl bei behandelten als auch unbehandelten Patienten vorübergehend über die ersten Lebenswochen nachweisen.2

Zu klären bleibt der optimale Zeitpunkt der Anwendung: Die frühe prophylaktische Gabe fördert die Verteilung von Surfactant ehe Atelektasen und Lungenkomplikationen eintreten. Andererseits ermöglicht die Gabe nach Beginn der maschinellen Beatmung die selektive Behandlung der 60 bis 70% vor der 30. Woche Geborenen, die tatsächlich ein mäßiges bis schweres Atemnot-Syndrom entwickeln.1

Auch die optimale Applikation läßt Fragen offen. Abbott empfiehlt eine einmalige Dosis von 4 ml SURVANTA (= 100 mg Gesamtphospholipide)/kg Körpergewicht (KG) als intratracheale Instillation – in gleichen Teildosen in die vier Lungenquadranten. Thomae hingegen rät zu 1,2 ml ALVEOFACT (= 50 mg Gesamtphospholipide)/kgKG als Bolus, der abhängig vom Beatmungsbedarf bis zu dreimal innerhalb von fünf Tagen wiederholt werden kann. Zur Prophylaxe soll nach Herstellermitteilung meist eine zweifache Gabe ausreichen.

Bei Kosten von 2.553,60 DM (Klinikeinkaufspreis incl. MWSt) für eine Flasche SURVANTA ist eine ungeheure Verschwendung vorprogrammiert, da als Relikt aus der klinischen Erprobung lediglich Flaschen zu 8 ml angeboten werden – ausreichend für 2 kg KG. Die im Kühlschrank gelagerte Suspension muß vor der Anwendung auf Körpertemperatur gebracht werden. Danach ist die Stabilität bei weiterer Lagerung nicht gewährleistet. Bei sehr kleinen Frühgeborenen landet somit SURVANTA für über 1.000 DM im Müll, denn – so der Hersteller in der Fachinformation – "Restmengen ... sind zu verwerfen". Im Laufe dieses Jahres soll eine OP mit 4 ml eingeführt werden. Die 1,2 ml-Flasche ALVEOFACT – ausreichend für 1 kg KG – ermöglicht eine weniger verschwenderische Dosierung. Hier betragen die Kosten pro Instillation und kg KG 880,99 DM (Klinikeinkaufspreis incl. MWSt.) – bei der maximal empfohlenen Dosis von 4 Instillationen somit bis zu 3.523,96 DM/kg KG.

FAZIT: Die prophylaktische oder therapeutische intratracheale Instillation von Surfactant aus Rinderlunge (ALVEOFACT, SURVANTA) erhöht die Überlebenschancen sehr kleiner Frühgeborener mit Atemnot-Syndrom. Die Frage der potentiellen Immunogenität der Fremdprotein-haltigen Zubereitung bleibt zu klären. Ein direkter Vergleich von ALVEOFACT und SURVANTA mit den empfohlenen unterschiedlichen Dosisregimen fehlt.


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