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Therapiekritik

PYRITINOL (ENCEPHABOL) GEGEN CHRONISCHEN GELENKRHEUMATISMUS?

Pyritinol (ENCEPHABOL), ein dem Vitamin B6 verwandter Stoff, kam 1963 als "Neurodynamikum" gegen verschiedene Hirnleistungsstörungen (aktuelle Werbung: "Synapsenzündstoff für mehr Hirnleistung"), Schädel-Hirn-Traumen und andere ZNS- Symptome auf den Markt. Wegen gewisser struktureller Ähnlichkeit mit dem Rheuma-Basistherapeutikum Penicillamin (METALCAPTASE, TROLOVOL) wurde Pyritinol versuchsweise auch zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis verwendet.

Kontrollierte Doppelblindstudien gegen Plazebo oder anerkannte Mittel wie D-Penicillamin zur Behandlung der rheumatoiden Polyarthritis fehlen. In einer Studie wurden die Daten von 150 Rheumatikern, die Penicillamin oder Pyritinol erhielten, lediglich retrospektiv ausgewertet.

Eine doppelblinde Vergleichsstudie gegen Auranofin (RIDAURA) steht nach Angabe von Merck (Darmstadt) vor der Veröffentlichung.

Pyritinol wird weder im angelsächsischen Sprachraum noch in Ländern wie Belgien, der Schweiz oder der DDR (ENERBOL) gegen chronischen Gelenkrheumatismus angeboten. In Holland zog Merck das Mittel kommentarlos vom Markt, als die Behörde das Argument nicht akzeptierte, daß nur Rheumakranke durch Störwirkungen von Pyritinol stärker gefährdet seien (vgl. a-t 11 [1987], 99).

Wesentliche unerwünschte Wirkungen von Pyritinol entsprechen denen von Penicillamin, einschließlich Myositis, Vaskulitis, cholestatische Hepatitis, Pemphigus, nephrotisches Syndrom, Lupus erythematodes, Störungen des Geschmacksinnes sowie Blutschäden wie Thrombopenie und Leukopenie. Zusätzlich treten wegen der zur Rheumabehandlung erforderlichen hohen Dosen die zentral stimulierenden Wirkungen wie Agitation, Schlafstörungen, Verwirrtheit und psychotomimetische Effekte in den Vordergrund.

FAZIT: Die Anwendung von Pyritinol (ENCEPHABOL) bei rheumatischen Indikationen ist im angelsächsischen Sprachraum nicht zugelassen und beruht hauptsächlich auf unkontrollierten Erfahrungen einiger französischer Anwender. Kontrollierte klinische Studien fehlen.

La Revue Prescrire 97 (1990), 239 / ati d


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