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TABAKENTWÖHNUNG MIT NIKOTIN-PFLASTER
(NICOTINELL TTS, NIKOFRENON)

In Industrieländern raucht fast jeder dritte Erwachsene. Dabei mangelt es nicht an Informationen über die schädlichen Folgen, sondern meist am Durchhaltevermögen, den Wunsch, sich das Rauchen abzugewöhnen, in die Tat umzusetzen.

Die 1984 eingeführten nikotinhaltigen Kaugummis (NICORETTE, vgl. a-t 8 [1984], 62) erfüllen nur bedingt die in sie gesetzten Erwartungen. In einer Studie mit über 300 entwöhnungswilligen Rauchern stehen nach 11 Monaten 10% Abstinente unter Nikotin-Kaugummi 7% unter Plazebo-Kauern gegenüber.1 Langfristige Entwöhnung gelingt selten. In einer Studie an über 1.200 Rauchern, in der sich nach einem halben Jahr ein Nutzen des Nikotin-Kaugummis abzeichnete, ließ sich dieser nach einem Jahr nicht mehr nachweisen.2 Die Erfolgschancen steigen, wenn der Entwöhnungsversuch mit psychotherapeutischem Begleitprogramm einhergeht.3

Auch für die seit Ende 1990 erhältlichen Nikotin-Pflaster NICOTINELL TTS und NIKOFRENON ist das Anwendungsgebiet zurückhaltend formuliert: "Zur Unterstützung bei der Raucherentwöhnung unter ärztlicher Betreuung oder im Rahmen von Raucherentwöhnungsprogrammen". Das vom Pflasteranbieter Ciba als "psychologische Unterstützung" kostenlos über Apotheken verteilte, umweltbelastende (207 g Papier in 253 g Plastikhüllen), indes inhaltlich dürftige Begleitprogramm "Ich will" ist u.E. kein Raucherentwöhnungsprogramm im Sinne der Zulassung. Gleiches gilt für das etwas informativere "Tandem"-Selbstkontroll-Programm von Hefa-Frenon. Studien, die den Nutzen dieser Art von "Begleitprogramm" belegen, fehlen.

Beide Pflaster werden in drei Größen zu 10, 20 und 30 cm2 angeboten, entsprechend einer Nikotin-Freigabe von etwa 7, 14 bzw. 21 mg/24 Std. Durch täglichen Pflasterwechsel wird ein flacher, weitgehend konstanter Nikotin-Plasmaspiegel erreicht. Nikotin-Kaugummis bauen dagegen langsam und Zigarettenrauchen schnell Plasmaspitzenkonzentrationen auf.

Die Dosierung orientiert sich an den Rauchgewohnheiten: Raucher mit Zigarettenkonsum bis zu 20 Stück (bzw. bis zu 5 Zigarren, 10 Zigarillos oder 8 Pfeifen) pro Tag sollen täglich ein 20-cm2-Pflaster auf wechselnde Körperstellen kleben und nach 8 Wochen auf das 10 cm2-Pflaster reduzieren. Stärkere Raucher fangen mit dem 30 cm2-Pflaster an und reduzieren die Pflastergröße in 4wöchigen Abständen. Gelingt es nicht, während der Pflaster-Behandlung das Rauchen einzustellen, ist das Nikotin-Pflaster spätestens nach 4 Wochen abzusetzen.

Im ambulanten Doppelblindvergleich gegen Plazebo-Pflaster, die nur rund 10% der Nikotindosis enthalten, waren von 200 Rauchern nach 3 Monaten ohne psychologische Beratung unter Nikotin-Pflaster 36% abstinent, mit Plazebo-Pflaster 22,5%. Nach einem halben Jahr sank die Erfolgsrate in der Nikotin-Pflaster- Gruppe auf 22% und in der Plazebo-Gruppe auf 12%.4 Eine weitere Kurzzeitstudie mit ähnlichem Design kommt im Neun-Wochen-Zeitraum zu ähnlichen Ergebnissen.4

Wenn die Anwendung der Niktotin-Pflaster verhaltenstherapeutisch begleitet wird, nimmt, wie bei der Kaugummientwöhnungsmethode, auch hier die Erfolgswahrscheinlichkeit zu. Nach neunwöchiger kombinierter Behandlung sind 29 (69%) von 42 Rauchern unter Nikotin-Pflaster, 22 (51%) von 43 Personen mit Plazebo-Pflaster und 20 (44%) einer Kontrollgruppe (n = 46) ohne Pflaster abstinent.4,5 Der Erfolg nach einem Jahr wird in der Nikotin-Gruppe mit 26%, unter Plazebo mit 21% und bei den Kontrollpersonen mit 15% angegeben, jedoch wurden diese Angaben lediglich durch schriftliche Befragung erhoben.6

Störwirkungen des Entwöhnungsmittels betreffen das Zentralnervensystem (Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen, Nervosität, Angst) und seltener den Magen-Darm-Trakt (Übelkeit, Erbrechen) sowie Zunahme der Herzfrequenz, Mundtrockenheit, Schweißausbruch und Parästhesie. Jeder zweite bis dritte Nikotin-Pflaster-Verwender reagiert mit Juckreiz und Hautrötung am Applikationsort. Bei 3% der Verwender entstehen Kontaktallergien, die dem niedrig-molekularen Nikotin zugeschrieben werden.7

Nikotin-Pflaster sollten außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahrt werden. Bekleben sich Kinder mit den Pflastern, besteht Lebensgefahr. Gebrauchte Pflaster sind deshalb sorgfältig zu entsorgen.

Die Tageskosten der Nikotin-Pflaster entsprechen mit 4 bis 6 DM denen des Nikotinkaugummis NICORETTE sowie den Ausgaben eines Rauchers für 20 bis 30 Zigaretten pro Tag. NIKOFRENON wird in allen Stärken 10% preiswerter als NICOTINELL TTS angeboten.

FAZIT: Alle bislang bekannten Raucherentwöhnungsmethoden haben eine schlechte Langzeitprognose. Süchtiges Verhalten setzt nicht selten auch dann wieder ein, wenn Raucher bis zu einem halben Jahr ohne Tabakkonsum ausgekommen sind. Offenbar werden die Nikotinrezeptoren des Nervensystems dauerhaft vom Nikotin abhängig.8

Langfristig versprechen die Nikotin-Pflaster NICOTINELL TTS und das 10% preiswertere identische NIKOFRENON nur eine gewisse Erfolgschance, wenn die Entwöhnungsbehandlung über längere Zeit verhaltenstherapeutisch begleitet wird. Das von Ciba verteilte 84-Tage-Programm "Ich will" oder das "Tandem"-Programm von Hefa-Frenon sind u.E. keine Raucherentwöhnungsprogramme im Sinne der Zulassung. Viele Verordner glauben möglicherweise, mit einem solchen Begleitprogramm sei genug zur Unterstützung des Entwöhnungswilligen getan. Vor der alleinigen Verwendung des Pflasters ohne Verhaltenstherapie ist abzuraten.9

"Solange nicht langfristig ein signifikanter Unterschied zwischen Nikotin- und Plazebo-Pflastern nachgewiesen ist, wären wohl Plazebo-Pflaster als gefahrlosere Alternative vorzuziehen."6


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