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EIN WEITERER PROTONENPUMPENHEMMER:
PANTOPRAZOL (PANTOZOL, RIFUN)

"Bisher unerreichte Präzision"1 zeichnet angeblich den dritten Protonenpumpenhemmer Pantoprazol (PANTOZOL, RIFUN) aus. Er soll seine volle Wirkung erst im stark sauren Milieu entfalten und bei höheren pH-Werten "weitgehend inaktiv" bleiben.2 Ähnliches gilt auch für andere "Prazole".

EIGENSCHAFTEN: Die Bioverfügbarkeit von Pantoprazol-Tabletten beträgt unabhängig von der Nahrungsaufnahme 70% bis 80%.3 Der Protonenpumpenhemmer wird im Plasma zu 98% an Eiweiß gebunden und in der Leber abgebaut.3 Die Metaboliten werden zu ca. 80% mit dem Harn, der Rest mit dem Stuhl ausgeschieden.2

NUTZEN: Die beanspruchte "Präzision" scheint klinisch nicht relevant zu sein: In zwei kontrollierten Studien erreicht das Benzimidazolderivat bei Patienten mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren nach vier und acht Wochen vergleichbare Heilungsraten wie das strukturverwandte Omeprazol (ANTRA, GASTROLOC).4 Rezidive treten nach Behandlung von Duodenalulzera mit Pantoprazol genauso häufig auf wie nach dem H2- Antagonisten Ranitidin (ZANTIC u. a.).5

SCHADWIRKUNGEN: Im Vorfeld der Vermarktung von Pantoprazol zog sich SmithKline Beecham aus der gemeinsamen Entwicklung des neuen Säureblockers mit Byk Gulden zurück, weil in Versuchen an Ratten nach vorläufiger Auswertung einer zweijährigen Studie unter täglichen Hochdosen von 50 bis 200 mg/kg Körpergewicht primäre Leberzellkarzinome beobachtet wurden.6 Der Hersteller erachtet die Daten des Tierversuchs als für den Menschen nicht relevant.8 In zwei Studien verursachen Pantoprazol und Omeprazol etwa bei jeweils 10% der Patienten Störwirkungen, darunter Kopfschmerzen und Durchfall.4 Beobachtet werden unter Pantoprazol zudem Schwindel, Hautreaktionen, Übelkeit, Oberbauchbeschwerden, Ödeme, Fieber, Depression und Sehstörungen.2,8 Wie für die anderen Protonenpumpenhemmer (vgl. S. 110) läßt sich u.E. auch für Pantoprazol die Gefahr irreversibler Sehstörungen nicht ausschließen.

Nach Tierversuchen soll Pantoprazol das Enzym Cytochrom P450, das am Abbau zahlreicher Arzneimittel beteiligt ist, weniger beeinflussen als Omeprazol oder Lansoprazol (a-t 8 [1993], 80).9 Im Unterschied zu diesen Protonenpumpenhemmern sollen sich für Pantoprazol keine Hinweise auf klinisch bedeutsame Wechselwirkungen mit Theophyllin (SOLOSIN u.a.), Diazepam (VALIUM u.a.), Phenytoin (PHENHYDAN u.a.) und Cumarin-Antikoagulantien ergeben haben.2 Dies bedarf der Bestätigung durch die klinische Praxis.

DOSIS UND KOSTEN: Gegen Geschwüre an Magen und Zwölffingerdarm sowie bei schwerer Refluxösophagitis werden vor dem Frühstück 40 mg eingenommen, bei Duodenalulkus zwei bis vier Wochen lang, bei Magen-geschwür und Speiseröhrenentzündung für vier bis acht Wochen.2 Personen mit beeinträchtigter Nierenfunktion erhalten die gleiche Dosis, während das über die Leber verstoffwechselte Mittel bei Leberinsuffizienz kontraindiziert ist. Die Tageskosten entsprechen mit täglich 5 DM denen des zwischenzeitlich preisreduzierten Lansoprazol (AGOPTON, s. Kasten).

FAZIT: Nutzen, Risiken und Kosten des neu eingeführten Omeprazol (ANTRA)-Analogs Pantoprazol (PANTOZOL, RIFUN) entsprechen denen der übrigen Protonenpumpenhemmer, die mit Ausnahme des ZOLLINGER-ELLISON-Syndroms (Omeprazol) nur zur Kurzzeitanwendung von maximal acht Wochen zugelassen sind, bis die Frage der Tumorigenität gelöst ist. Für das dritte Derivat aus der Reihe der säureblockierenden Benzimidazole besteht auf dem deutschen Markt kaum Bedarf, solange wesentliche produktdifferenzierende Vorteilseigenschaften – abgesehen von Interaktionen – dem klinischen Nachweis entgehen.


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