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Korrespondenz

SPÄTDYSKINESIEN UNTER MOCLOBEMID

Seit Sommer 1995 behandelte ich eine 45jährige Patientin erfolglos wegen einer agitierten Depression mit verschiedenen Antidepressiva. Vorher hatte sie allenfalls einmal vor Jahren Neuroleptika erhalten, wies jetzt aber bei Behandlungsbeginn definitiv keine Spätdyskinesien auf. Erst als ich sie Ende des Jahres auf Moclobemid (AURORIX), zunächst 300 mg, dann 600 mg täglich einstellte, kam es nach 10 Tagen zu Hyperkinesien der Zunge, die sie in typischer Weise verleugnete und auf den schlechten Sitz ihrer Zahnprothese zurückführte. Bei Konsultationen am folgenden Tag und nach 5 Tagen war diese Symptomatik unverändert; danach erschien die Patientin nicht mehr, so daß der weitere Verlauf ungewiß bleibt (NETZWERK-Bericht 8674).

Spätdyskinesien sind nach Angaben der Herstellerfirma Hoffmann-La Roche und der maßgeblichen Literatur (z.B. BENKERT 1) bisher nicht als Nebenwirkung von Moclobemid bekannt. Moclobemid soll keine dopaminantagonistische Wirkung haben, ist aber ein Benzamid (wie z.B. der Dopaminantagonist Sulpirid [DOGMATIL u.a.]) und kann den Prolaktinspiegel erhöhen (wie alle Neuroleptika außer Clozapin [LEPONEX]). Die Vermutung liegt nahe, daß einer der zahlreichen Metabolite von Moclobemid ein Dopaminantagonist und als solcher für diese Nebenwirkung verantwortlich ist.

Im übrigen sind meiner Erfahrung nach auch unter Sulpirid Spätdyskinesien keineswegs so selten, wie die Literatur und die Herstellerfirmen glauben machen wollen. Sie sind allerdings in der Regel diskret, was nicht unbedingt nur dem besonders günstigen Nebenwirkungsprofil der Substanz, sondern auch ihrer geringen neuroleptischen Potenz zuzuschreiben sein mag.

1  BENKERT, O., H. HIPPIUS: "Psychiatrische Pharmakotherapie", 6. Aufl., Springer, Berlin 1996

J. F. GRÜNER (Arzt f. Neurologie und Psychiatrie)
D-60318 Frankfurt

In unserem NETZWERK kennen wir zwei weitere Verdachtsberichte zu Neuroleptika-typischen Bewegungsstörungen unter Moclobemid: Bei einer 59jährigen fallen nach zweitägiger Einnahme Torsionsdystonie im Mund/Gesichts-Bereich und nach erneutem sechstägigem Gebrauch orofaziale Automatismen unter Beteiligung des Halsmuskels Platysma auf (Bericht 6507). Ein 46jähriger entwickelt ab drittem Einnahmetag ein PARKINSON- Syndrom mit leichtem bis mäßigem Rigor, vermindertem Mienenspiel, verlangsamter Diadochokinese, leicht beeinträchtigter Sprache und einem deutlich parkinsonoiden Gangbild – Beschwerden, die der Patient selbst als "fast wie bei FLUANXOL" (Flupentixol) beschreibt (8681). Die Störungen bessern sich jeweils nach Absetzen des reversiblen MAO-A-Hemmers, –Red.


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