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vorheriger Artikela-t 2000; 31: 14nächster Artikel
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"Turboentzug" von Opioiden - riskant und schlecht untersucht: Der in jüngster Zeit viel propagierte ultrakurze Opioidentzug (UROD) soll eine Hürde der Entwöhnung beseitigen. Die Entzugserscheinungen, so die auch in der Laienpresse geweckte Erwartung, werden "im Schlaf" überwunden. Durch einen hochdosierten Opioidantagonisten wie Naloxon (NALOXON, NARCANTI) oder Naltrexon (NEMEXIN) wird abrupt ein schweres Entzugssyndrom ausgelöst, das durch Sedierung oder Allgemeinnarkose gemildert werden soll. Fest steht jedoch nur, dass der "Turboentzug" teurer und riskanter ist als der herkömmliche, zum Beispiel mit Methadon (METHADDICT). Wegen der Gefahr von Aspiration und kardiovaskulären Komplikationen müssen die Patienten anfangs beatmet und intensivmedizinisch überwacht werden. Eine deutsche Studie wurde kürzlich wegen Niereninsuffizienz und Lungenversagen bei drei von zwölf Patienten abgebrochen. Todesfälle sind beschrieben. Ob die Methode langfristig den Erfolg der Opioidentwöhnung verbessert, ist nicht geklärt. Die in der Literatur dokumentierten Abstinenzraten sind ohne Aussagekraft (17% bis 93% nach dreimonatiger Erhaltungstherapie mit Naltrexon). Valide randomisierte Studien fehlen. Fraglich ist sogar, ob sich die physische Entwöhnung durch einen Opioidantagonisten verkürzen lässt. Bei Toleranz werden weder Zahl noch Bindungsstärke der Opioidrezeptoren reduziert, sondern die Fortleitung der vom Rezeptor ausgehenden Signale. Ob der Antagonist auf diesen Mechanismus Einfluss hat, ist nicht bekannt. Dagegen nimmt die Rezeptorzahl unter langfristiger Naltrexon-Behandlung nachweislich zu. Somit steigen die Opioidempfindlichkeit und das Risiko einer Vergiftung bei mangelnder Compliance (SPANAGEL, R.: Lancet 1999; 354: 2017-8/ati d).

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