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erneuter beweis: verdoppeltes thromboembolierisiko durch pillen vom typ desmin/femovan/lovelle/marvelon
 
ERNEUTER BEWEIS: VERDOPPELTES THROMBOEMBOLIERISIKO DURCH PILLEN VOM TYP
DESMIN/FEMOVAN/LOVELLE/MARVELON


Es bleibt dabei: Im Vergleich zu oralen Östrogen- und Gestagen-haltigen Kontrazeptiva mit Levonorgestrel (MINISISTON u.a.) verdoppeln Präparate der so genannten dritten Generation mit den Gestagenen Desogestrel (DESMIN, LOVELLE, MARVELON u.a.) und Gestoden (FEMOVAN, MINULET) das Risiko venöser Thromboembolien. Dies ist das Ergebnis einer erneuten Auswertung von Daten aus der britischen General Practice Research Database (1). Verglichen wurden die Störwirkungen der Kontrazeptiva in den Zeiträumen vor der Warnung vor erhöhtem Thromboembolierisiko 1995 und danach. In Ländern wie Grossbritannien und Deutschland sanken die Verordnungszahlen von Drittgenerationspillen nach der Warnung erheblich. Die Gefährdung bleibt jedoch im Vergleich zu Levonorgestrel zweifach erhöht.

Die Ergebnisse stehen im Einklang mit den drei Studien, die bereits 1995 die Risikoverdoppelung belegten (a-t 1995; Nr. 11: 105-6), jedoch im Gegensatz zu einer erst vor drei Monaten verbreiteten angeblichen Entwarnung (z.B.: "Thromboserisiko nicht erhöht", Ärzte Ztg. vom 21.8.2000). Das Pikante: Diese Studie von FARMER et al. (2) und die aktuelle Untersuchung (1) beruhen auf der gleichen Datenbasis.

Der Vorgang ist ein Lehrbeispiel für die Fallstricke epidemiologischer Studien. In der aktuellen Arbeit umschiffen die Autoren die Unzulänglichkeiten der Vorläuferarbeit durch penibles Design (3). Und auch dies ist bemerkenswert: Der Herausgeber des British Medical Journal, in dem beide Studien erschienen sind, entschuldigt sich für das mangelhafte Peer Review der FARMER-Studie. Sie wurde nach Korrektur ohne weitere Prüfung durch die Reviewer und Statistiker veröffentlicht, obwohl in der korrigierten Version die Zahl der Studienteilnehmer plötzlich um etwa ein Drittel verringert war. Der Herausgeber stellt selbstkritisch fest: Die überarbeitete Version hätte eigentlich wie ein neuer Artikel gehandhabt und erneut überprüft werden müssen (4).

Eine Verdoppelung des Thromboembolierisikos durch Drittgenerationspillen muss also jetzt als definitiv erwiesen gelten. In Deutschland werden derzeit jährlich Desogestrel- und Gestoden-haltige Kontrazeptiva für einen Bedarf von 670.000 Frauen abgesetzt. Dies bedeutet bei einer Verdoppelung des Thromboembolierisikos von 100 pro 1 Million Frauenjahre auf 200 pro 1 Million Frauenjahre durch die Drittgenerationspillen pro Jahr 67 vermeidbare bedrohliche Ereignisse bei jungen und gesunden Frauen, davon mindestens 7 mit Lungenembolie und 1 Todesfall.

Dieses Ergebnis muss gesundheitspolitische Konsequenzen haben. 1997/98 hatten die Berliner Verwaltungsgerichte auf Antrag von Herstellern und unter Verweis auf methodische Ansätze wie in der FARMER-Studie Anwendungsbeschränkungen für Pillen der dritten Generation aufgehoben (a-t 1998; Nr. 1: 1-2 und 1998; Nr. 4: 38). Das hat sich jetzt als fehlerhaft erwiesen. Wenn Risiko-mindernde Massnahmen des Verbraucherschutzes heute noch einen politischen Stellenwert haben, muss die Leitung des Gesundheitsministerium jetzt endlich den Schutz der Frauen vor solchen Pillen umsetzen, die doppelt so gefährlich sind wie die älteren Alternativen.

Desogestrel- und Gestoden-haltige Pillen der so genannten dritten Generation müssen endlich verboten werden.

(1) JICK, H. et al.: BMJ 2000; 320: 1190-5
(2) FARMER, R.D.T. et al.: BMJ 2000; 321: 477-9
(3) SKEGG, D.C. G.: BMJ 2000; 321: 1171-2
(4) SMITH, R.: BMJ 2000; 321: 1172



 
© Redaktion arznei-telegramm
blitz-a-t 13. November 2000

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