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Im Blickpunkt

EXISTENZGARANTIE FÜR "BEDROHTE"
ARZNEIMITTEL STATT POSITIVLISTE?

Mitte des Jahres soll der Vorschlag für die neue Positivliste vorliegen. Wie in den 90er Jahren, als die vom Institut "Arzneimittel in der Krankenversicherung" erarbeitete Liste nach Fertigstellung gekippt und demonstrativ zerschnipselt wurde (a-t 1996; Nr. 11: 110), formieren sich auch jetzt Lobbyisten mit fadenscheinigen Argumenten:

"Kontraproduktiv, unwirtschaftlich und überflüssig", so lehnt der Verband der niedergelassenen Ärzte (NAV-VIRCHOW-Bund) die Positivliste pauschal ab.1 Mit dem Argument, 1960 wäre CONTERGAN "ein Positivlistenmittel für die Indikation Schlafstörung geworden", macht der Vorsitzende des Berufsverbandes der Allgemeinärzte (BDA) KOSSOW Front gegen das Medikamentenverzeichnis und behauptet: "Nichts eignet sich für die Multiplikation medizinischer Fehler besser als eine Positivliste."2 Die Verknüpfung der Verhältnisse von vor 40 Jahren mit der heutigen Positivliste erscheint uns in jeder Hinsicht unzulässig und grotesk. Die Positivliste soll doch gerade die unzureichend geprüften, unsicheren, zweifelhaft wirksamen und unsinnig zusammengesetzten Arzneimittel von der Verordnung zu Lasten der Kassen ausschließen. Dann hätte eine Positivliste womöglich vor den CONTERGAN-Folgen geschützt. Die Äußerungen von Seiten des BDA, der von Herstellern gesponserte Informationen als angebliche Leitlinien (Manuale) verbreitet (vgl. a-t 2000; 31: 87), zielen darauf ab, zu emotionalisieren und Antistimmung zu erzeugen.

Dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) scheint eine Art Artenschutz für bedrohte Arzneimittel vorzuschweben. Mit einer bundesweiten Aktionswoche macht er mobil:3 "Leben ist Vielfalt - stoppt die Einfalt", gibt er in Anzeigen in überregionalen Zeitungen die Richtung an.3,4 Wie "einfältig" mögen wohl unsere nordischen Nachbarn sein? Weil ihnen nur wenige tausend Arzneimittel zur Verfügung stehen, können sie deren Nutzen und Risiken gut überblicken, ohne mit einer unüberschaubaren und zum Teil nutzlosen oder riskanten "Vielfalt" belastet zu sein.

Die Argumentationsnöte der Hersteller und ihrer Meinungsbildner sind offensichtlich: Anders als in den 90er Jahren findet die Positivliste heute bei Ärzten eher Zustimmung. Auch die "Wirtschaftsweisen" erwarten von der Positivliste Positives: die Intensivierung des Wettbewerbs auf dem Arzneimittelmarkt.5 Da setzt der BPI lieber am schwächsten Glied der Kette an, dem mangelhaft informierten Bürger, den er durch Desinformation leicht verängstigen kann.

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