Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
Kein Abonnent? Das arznei-telegramm® finanziert sich ausschließlich über Abonnements.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2001; 32: 80-1nächster Artikel
Korrespondenz

BLUTDRUCK MESSEN AM HANDGELENK?

Nachdem immer mehr Patienten sich Blutdruckgeräte zur Messung am Handgelenk kaufen, bitte ich Sie um Auskunft, wie zuverlässig diese Geräte sind. Nach meiner Erfahrung liegen gerade bei hohen Blutdrucken die Werte der Handgelenksmessung z.T. deutlich niedriger. Nach Mitteilung eines Kardiologen differieren die Werte um bis zu 30 mmHg systolisch im Vergleich zur Messung an der Armarterie...

Dr. med. C. STEIDLE (Internist)
D-85635 Höhenkirchen

Blutdruckmessgeräte lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Die manuellen Quecksilber- und Feder (Aneroid)-Sphygmomanometer, mit denen der Blutdruck auskultatorisch ermittelt wird (KOROTKOW-Töne), und die automatischen Messgeräte. Standard der Blutdruckmessung ist die auskultatorische Methode nach KOROTKOW.

Automatische Geräte für die Selbstmessung am Oberarm oder am Handgelenk verwenden bis auf wenige Ausnahmen die oszillometrische Technik. Der Blutdruck wird dabei mit Hilfe der pulsbegleitenden Gefäßschwingungen (Oszillationen) während der Druckreduktion in der Manschette ermittelt. Die meisten dieser Apparate sind weder auf ihre Messgenauigkeit noch auf die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse nach den strengen Kriterien internationaler Fachgesellschaften untersucht. Das US-amerikanische Prüfprotokoll* fordert, dass ein Blutdruckmessgerät von der Standardmethode um nicht mehr als 5 mmHg im Mittel und 8 mmHg in der Standardabweichung abweicht.

Nach einer Untersuchung der Europäischen Hypertonie-Gesellschaft ließen sich nur 5 von 25 Apparaten für die Selbstmessung empfehlen, darunter keines der 4 geprüften Handgelenksgeräte.1 In einer Studie über die Messgenauigkeit eines auch auf dem deutschen Markt erhältlichen Handgelenksgerätes wird eine mittlere Abweichung von 16 mmHg systolisch und 6 mmHg diastolisch beschrieben bei einer Standardabweichung von 25 bzw. 7 mmHg. Zwei Drittel der am Handgelenk gemessenen systolischen Werte und jeder zweite diastolische Wert weichen um mehr als 10 mmHg vom Standard ab.2

Bei vielen Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes und Menschen im höheren Lebensalter ist die Elastizität der arteriellen Gefäße vermindert. Diese "Gefäßversteifung" beeinflusst die Oszillationen und kann zu fehlerhaften Blutdruckmessungen beitragen. Am Oberarm nimmt bei einem technisch hochwertigen oszillometrischen Gerät die mittlere systolische Abweichung mit Zunahme der Gefäßversteifung von 8 auf 13 mmHg und die diastolische von 4 auf 7 mmHg zu.3 Weiter distal im arteriellen Baum dürfte die Zuverlässigkeit der Messungen bei verminderter Gefäßelastizität noch geringer sein. Für die Praxis ist aber festzuhalten, dass auch erfolgreich getestete Oszillometer für den Oberarm bei jeder vierten bis sechsten Messung einen Fehler von ca. 10 mmHg aufweisen dürfen.4 Achtung: Wenn der Pulsschlag nicht regelmäßig ist, lassen sich oszillometrisch überhaupt keine verlässlichen Werte ermitteln. Bei Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern dürfen diese Geräte daher nicht verwendet werden.

Wenn keine Hör- oder Sehbehinderungen vorliegen, sind für die Selbstmessung grundsätzlich die auch kostengünstigeren Federsphygmomanometer vorzuziehen. Bei richtiger Anleitung können nahezu alle Patienten das auskultatorische Blutdruckmessen erlernen. Federmanometer müssen regelmäßig nachgeeicht werden. Die Druckwerte gut gewarteter Geräte mit halbjährlicher Eichung weichen in einer aktuellen Untersuchung um weniger als 4 mmHg von den Referenzwerten eines Quecksilbersphygmomanometers ab.5

FAZIT: Wegen ihrer starken Abweichungen von der Standardmethode ist von Blutdruckmessgeräten am Handgelenk grundsätzlich abzuraten. Da die antihypertensive Behandlung zunehmend auf der Basis von selbst gemessenen Werten erfolgt, sind diese unzuverlässigen Geräte potenziell gefährlich. Für oszillometrische Geräte am Oberarm liegen mehr und bessere Daten vor. Wird für die Selbstmessung ein automatisches Verfahren gewünscht, sollte daher wenigstens ein Oberarmgerät verwendet werden. Dies ist zu Beginn anhand von Parallelmessungen mit einem Sphygmomanometer individuell zu kontrollieren. Oszillometrische Messgeräte dürfen bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern nicht verwendet werden. Wenn keine Hör- oder Sehstörungen bestehen, sind für die Selbstmessung in erster Linie Federsphygmomanometer zu empfehlen.

© 2001 arznei-telegramm

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.

vorheriger Artikela-t 2001; 32: 80-1nächster Artikel