Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
arznei-telegramm® - von Ärzten und Apothekern für Ärzte und Apotheker. Unabhängig informiert ohne Einfluss der Pharmaindustrie.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2002; 33: 95-6nächster Artikel
Kurz und bündig

Vitamin E bedenklich? Die Indikationsangaben von Vitamin-E- Präparaten lauten meist lapidar "Vitamin-E-Mangel", so beispielsweise beim Marktführer OPTOVIT, von dem in Deutschland im Jahr in öffentlichen Apotheken über 1,5 Mio. Packungen (40 Mio. Euro) verkauft werden. Eigentlich müssten solche Produkte unverkäuflich sein, da die Existenz von Vitamin-E-Mangelkrankheiten bei Menschen nicht nachgewiesen ist. Das Geschäft läuft somit über andere Versprechungen, die nur wenige Hersteller apothekenpflichtiger Produkte als Indikationen deklarieren, etwa die Firma Wiedemann für VITAMIN E Dragees: "vorzeitiges Altern, klimakterische Beschwerden, Vitalitätsverlust, Leistungsschwäche" (Rote Liste 2002, 84 149). Andere Anbieter wecken solche Erwartungen im Internet, beispielsweise Stada: "Vitamin E, in höheren Mengen zugeführt, verfügt über besondere Schutzwirkungen, vermutlich gegen Krebs, Arteriosklerose, koronare Herzkrankheit und ...?" Belege hierfür fehlen. Im Gegenteil: Vitamin E schneidet in Studien mehrfach schlecht ab. In einer randomisierten kontrollierten Doppelblindstudie mit 650 mindestens 60 Jahre alten Personen wird der Einfluss von 200 mg Vitamin E bzw. eines Multivitamin-Mineral- Präparates auf akute Atemwegsinfektionen mit Scheinmedikament verglichen: Häufigkeit und Schwere akuter Atemwegsinfektionen bleiben dabei im Studienzeitraum von 14 Monaten in beiden Verumgruppen unbeeinflusst. Wer jedoch eine Atemwegsinfektion erleidet, ist unter Vitamin E länger krank als unter Plazebo (19 vs. 14 Tage) und hat häufiger Fieber (37% vs. 25%). Die Aktivität ist öfter eingeschränkt (52% vs. 41%). An Vitamin-E-Mangel litten die Teilnehmer der Studie nicht. Nur bei einem der 650 Patienten (0,2%) stufen die holländischen Autoren die Vitamin-E-Ausgangsspiegel als "suboptimal" ein (GRAAT, J.M. et al.: JAMA 2002; 288: 715-21). Auch in anderen Bereichen bleibt das Vitamin ohne Nutzen: Die Rate von Herzinfarkten und Schlaganfällen sowie die Sterblichkeit aus kardiovaskulärer Ursache unterscheidet sich in einer großen Studie nicht von Plazebo (a-t 2000; 31: 22). Und in der kürzlich veröffentlichten Heart Protection Study bleibt ein Vitamin-Cocktail aus Vitamin E, C und Betakaroten ohne Einfluss auf Sterblichkeit, schwere Herz-Kreislauf-Komplikationen und Krebserkrankungen (a-t 2002; 33: 83-4). Die präventive Einnahme von Vitamin E erscheint somit nicht nur nutzlos, sondern - zumindest ab einem Alter von 60 Jahren - potenziell nachteilig, -Red.

© 2002 arznei-telegramm

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.

vorheriger Artikela-t 2002; 33: 95-6nächster Artikel