a-t 2004; 35: 36

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Hypersexualität unter Dopaminagonist Pramipexol (SIFROL): Ein 71-jähriger PARKINSON-Kranker entwickelt nach vierjähriger Einnahme von Pramipexol (SIFROL) eine aggressive Hypersexualität, die bei unveränderter Dosierung über ein Jahr hinweg besteht und zu erheblichen häuslichen Problemen führt. "Erst nach längerer Rücksprache" mit dem Pramipexol-Hersteller Boehringer Ingelheim erfährt die behandelnde Ärztin, dass dies "gelegentlich" eine Nebenwirkung des Dopaminagonisten sei. Nach Absetzen verschwinden die Verhaltensauffälligkeiten vollständig (NETZWERK-Bericht 13.104). Boehringer Ingelheim kommentiert: "... In letzter Zeit häufen sich Berichte, wonach vor allem die nicht-ergolinen Dopaminagonisten (Pramipexol, Ropinirol [REQUIP], -Red.) stark libidosteigernd wirken und bis zur ... belastenden Hypersexualität führen können ..." (Schreiben vom 2. Dez. 2003). Deutlich gesteigerte und teilweise auch veränderte Sexualität bis hin zu Exhibitionismus und Pädophilie ist unter den meisten Dopaminagonisten wie auch unter L-Dopa (in MADOPAR u.a.) und dem Enzymhemmer Selegilin (MOVERGAN u.a.) beschrieben, zum Teil begleitet von eigenmächtiger Dosiserhöhung und süchtigem Missbrauch. Ein Wirkmechanismus ist nicht bekannt. Dopaminreiche hypothalamische und limbische Strukturen sind aber an der sexuellen Funktion beteiligt. Wie häufig Hypersexualität auftritt und ob es diesbezüglich Unterschiede zwischen den einzelnen Wirkstoffen gibt, ist unklar. In Studien mit Pergolid (PARKOTIL u.a.) berichten 4,5% bis 12% der PARKINSON-Patienten darüber (http://www.parkinson-datenbank.de; GOETZ, C.G. et al.: Arch. Neurol. 1983; 40: 785-7). Hypersexualität gilt als "bekannte Komplikation bei der dopaminergen Behandlung von PARKINSON-Kranken" (z.B. RILEY, D.E.: Clin. Neuropharmacol. 2002; 25: 234-7). Boehringer-Ingelheim führt inzwischen eine klinische Studie zur Wirkung von Pramipexol auf das Sexualverhalten von PARKINSON-Patienten durch. Ropinirol wird sogar bei Antidepressiva-bedingter sexueller Dysfunktion erprobt (WORTHINGTON, J.J. et al.: Int. Clin. Psychopharmacol. 2002; 17: 307-10). Dennoch findet sich in keiner Fachinformation eines Dopaminagonisten ein Hinweis auf die unter Umständen belastende Störwirkung.

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