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Therapiekritik

ALFUZOSIN (UROXATRAL UNO RETARD U.A.) BEI AKUTEM HARNVERHALT

Als akuter Harnverhalt wird eine plötzlich auftretende meist schmerzhafte Unfähigkeit, die Blase willkürlich zu entleeren, bezeichnet. Ursächlich liegt am häufigsten eine benigne Prostatahyperplasie (BPH) zu Grunde. In den Plazebo-Gruppen kontrollierter klinischer Studien tritt die Komplikation bei Männern mit einem Prostatavolumen unter 40 ml innerhalb von zwei Jahren bei 1,6% auf gegenüber 4,2% bei Patienten mit einer größeren Prostata.1 Die betroffenen Männer erhalten in der Regel zunächst einen urethralen Blasenkatheter. Nach zwei bis drei Tagen wird mit einem "Katheterauslassversuch" geprüft, ob eine Spontanmiktion möglich ist. Schlägt der Versuch fehl, erfolgt meist eine Operation.

In den vergangenen Jahren sind mehrere randomisierte plazebokontrollierte Studien erschienen, meist in Form von Abstracts, mit kleinen Patientenzahlen und/oder in nicht-englischer Sprache (chinesisch, russisch u.a.), nach denen die mehrtägige Verwendung eines Alphablockers die Chance eines erfolgreichen Katheterauslassversuches erhöhen soll. Obwohl keiner der Abkömmlinge dafür zugelassen war und Langzeitdaten fehlten, setzte sich dieses Vorgehen zunehmend durch.

Inzwischen ist Alfuzosin (UROXATRAL UNO RETARD u.a.) als bislang einziger Alphablocker bei akutem Harnverhalt aufgrund einer benignen Prostatahyperplasie zugelassen. Grundlage sind die Ergebnisse der ALFAUR*-Studie, in der 360 im Mittel 69 Jahre alte Männer mit erstmaligem akuten Harnverhalt drei Tage lang täglich 10 mg Alfuzosin oder Scheinmedikament einnehmen. Nach Entfernung des Blasenkatheters entleeren unter dem Alphablocker 61,9% die Blase innerhalb von 24 Stunden spontan im Vergleich zu 47,8% unter Plazebo (Number needed to treat [NNT] = 7).2 Der Nutzen ist ausschließlich auf mindestens 65-Jährige begrenzt (Alfuzosin 56,1%, Plazebo 35,7%, NNT = 5). Die Erfolgsraten für unter 65-jährige Männer betragen 73,4% unter dem Alphablocker und 75,7% unter Plazebo.3 Diese Information ist allerdings nur der Fachinformation zu entnehmen. In der Veröffentlichung werden die Daten für jüngere Patienten verschwiegen und die Leser mit Formulierungen wie "Alfuzosin verbessert die Rate eines erfolgreichen Katheterauslassversuches sogar bei älteren Patienten ..."2 in die Irre geführt. 6 (2,5%) der 238 Alfuzosin-Anwender klagen über orthostatischen Blutdruckabfall.2

Wie sich die Anwendung von Alphablockern nach akutem Harnverhalt langfristig auswirkt, bleibt zu klären. In einem zweiten Teil der ALFAUR-Studie erhielten 169 Patienten, bei denen der Katheterauslassversuch erfolgreich war, nach erneuter randomisierter Zuteilung sechs Monate lang täglich 10 mg Alfuzosin oder Scheinmedikament. Nach bislang nur unvollständig publizierten Daten soll sich die Rate der Patienten, die elektiv oder notfallmäßig operiert werden, statistisch zwar nach einem bzw. nach drei Monaten, aber nicht mehr nach sechs Monaten unterscheiden (Alfuzosin 17,1%, Plazebo 24,1%, p = 0,2). Häufigstes Ereignis ist in beiden Gruppen die Notfall-Operation wegen erneuten Harnverhalts (Alfuzosin 78,6%, Plazebo 80,0% der chirurgischen Eingriffe).4 Das passt zu den bisherigen Erfahrungen, nach denen Alphablocker - im Gegensatz zu 5-Alpha-Reduktasehemmern wie Finasterid (PROSCAR) - das Risiko eines akuten Harnverhalts nicht wesentlich beeinflussen (vgl. a-t 2004; 35: 13).

Männer mit erstmaligem akuten Harnverhalt, die drei Tage lang den Alphablocker Alfuzosin (UROXATRAL UNO RETARD u.a.) einnehmen, können nach Entfernen des Blasenkatheters signifikant häufiger spontan urinieren als unter Scheinmedikament.

Der Nutzen ist ausschließlich auf mindestens 65-Jährige begrenzt. Jüngere Männer profitieren nicht.

Nach vorläufigen Daten beeinflusst die verlängerte Einnahme des Alphablockers über das akute Ereignis hinaus nach sechs Monaten weder die Häufigkeit von Operationen insgesamt noch die wegen erneuten Harnverhalts.

© 2004 arznei-telegramm

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